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Nahost

Syrien lässt das Internet abschalten

Die Syrer hatten zwei Tage lang keinen Zugang zum Internet. Die Regierung macht "Terroristen" für den Ausfall verantwortlich. Die technischen Umstände lassen hingegen anderes vermuten.

Die Bilder, die im Internet kursieren, sind als Demütigung gedacht: ein Helikopter unter azurblauem Himmel, den eine Rakete auseinanderreißt. Angeblich – zweifelsfrei überprüfen lässt es sich nicht – bezeugt das Video, wie gut die syrische Opposition inzwischen auch technisch gerüstet ist. Sie kann, so die Botschaft, mittlerweile sogar die Flotte der syrischen Luftwaffe angreifen. Für die Opposition ist das ein äußerst ermutigendes Signal – für das Regime von Bashar al-Assad hingegen ist es eine Schmach.

Ein Foto, das angeblich ein abgeschossenes Flugzeug der syrischen Luftwaffe zeigt, 13. 8. 2012. (Foto: AP/dapd)

Bild aus dem Video, das den vermeintlichen Helikopterabschuss durch die Opposition zeigt

Die Vermutung ist darum nicht abwegig: Das Regime könnte verhindern wollen, dass solche Bilder auch künftig verbreitet werden, innerhalb Syriens ebenso wie außerhalb. Der Triumph der Rebellen – sei es nun ein real militärischer oder auch nur ein propagandistischer - soll im Internet keine Bühne mehr finden.

Indizien für staatlichen Eingriff 

Auf jeden Fall, so Elias Perabo vom Projekt "Adopt a Revolution", ist der Ausfall des Internets in Syrien in seiner Qualität etwas ganz Neues. Zwar sei das Netz auch in der Vergangenheit gelegentlich für einige Stunden ausgefallen – aber noch nie in einem solchen räumlichen und zeitlichen Ausmaß. Es sei auch auffällig, dass nicht einzelne, sondern nahezu sämtliche Server außer Funktion seien, und zwar im gesamten syrischen Staatsgebiet: "Das lässt sehr stark vermuten, dass es sich um eine staatliche Abschaltung handelt."

Plakat des dritten arabischen Blogger-Treffen in Tunis, 02.-06.10.2011- (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung)

"Arabische Blogger": Plakat eines Treffens in Tunesien

Dies vermuten auch internationale IT-Experten. Das Technologie-Magazin "Wired" hat die technischen Umstände des Ausfalls dokumentiert. Demnach hatte die Regierung in Damaskus zuletzt deutlich ihre Aufforderungen verstärkt, das so genannte "Border Gateway Protocol" (BGP) nicht mehr zu nutzen. Über das BGP sind die syrischen mit den weltweiten Netzen verbunden. Den Verdacht, sie habe das BGP selbst gekappt, weißt die syrische Regierung von sich. Informationsminister Omran al-Subi erklärte, "Terroristen" hätten die Netze gekappt. Das ist nach den Recherchen von "Wired" aber unwahrscheinlich. Syrien habe vier Kabel, über die es mit dem übrigen Netz verbunden sei, zitiert das Magazin das Internet-Unternehmen "CloudFlare". Drei dieser Kabel erreichten Syrien in der Hafenstadt Tartus, während das vierte eine Überlandverbindung quer durch die Türkei sei. "Damit das Netz flächendeckend ausfällt, hätten alle vier Kabel gleichzeitig gekappt werden müssen." Das aber dürfte für Terroristen schwer durchführbar gewesen sein.

Digitale Aufrüstung

So liegt der Verdacht nahe, die syrische Regierung habe die Kabel selbst abgeschaltet. Dazu hätte sie gleich mehrere Anlässe. So könnte sie zunächst verhindern, dass Nachrichten von sich häufenden militärischen Erfolgen die Runde machen – so etwa die von der erfolgreichen Besetzung eines Elektrowerks Anfang dieser Woche oder der Erstürmung von Militärbasen in den zurückliegenden.

Das Regime könnte aber auch versuchen, möglichst keine Informationen über den Aufstand mehr aus dem Land zu lassen. Diese Taktik verfolge die Regierung schon seit längerem, erklärt Perabo. "Man hat keine Journalisten ins Land gelassen, hat Medien aktiv behindert. Syrische Bürgeraktivisten, die selber gefilmt haben, wurden massenweise verhaftet." Die Abschaltung des Internets würde diesen Kurs konsequent weiterverfolgen. Zudem, resümiert Perabo die Sorge syrischer Blogger, könnte das Regime die Abschaltung nutzen, um neue Spionagesoftware zu installieren, mit deren Hilfe es zivile und militärische Aktivisten leichter identifizieren könnte.

Langsame Vorstöße der Rebellen

Einen schnellen Sieg der einen oder anderen Seite erwartet Perabo indessen nicht. Allerdings rückten die Kämpfe immer näher an die Hauptstadt Damaskus heran. So gerate das Regime zwar immer stärker in die Defensive. Aber längst noch nicht sei es so geschwächt, dass es aufgeben oder sich zurückziehen müsste. Eines allerdings könne man sagen: "Die Brahimi-Initiative hat neuen Schwung bekommen. Wir hoffen, dass sich in den nächsten Wochen noch etwas tut."

Auszug aus einem Amateurvideo. Es zeigt eine Ortschaft nahe Homs unter Beschuss,16. 6. 2012, (Foto: AP)

Zeugnis der Anklage: Amateurvideo aus Homs

Tatsächlich könnten die Erfolgschancen einer neuen diplomatischen Initiative wachsen, vermutet der syrische Journalist Wael Sawah. Denn das Regime verliere in der Bevölkerung immer weiter an Rückhalt. Immer mehr seiner Landsleute wünschten sich einen demokratischen Wechsel: "Und das bedeutet für sie mittlerweile auch, dass sie eine demokratische Regierung haben wollen."

Syrische Hacker unterstützen Opposition

Allerdings: Um aus dieser Konstellation Kapital zu schlagen, sei die Opposition auf Unterstützung von außen angewiesen, erklärt Sawah. Dazu müsste die internationale Gemeinschaft sich allerdings entschließen, stärkeren Druck auf das Regime auszuüben. "Sie sollte darum sämtliche denkbaren Möglichkeiten der Einflussnahme erwägen – und sich nicht nur auf diplomatische Optionen beschränken."

Es scheint, als entschlössen sich die westlichen Staaten jetzt, stärker als bislang auf das Regime einzuwirken. So wird in Frankreich immer vernehmbarer darüber nachgedacht, die Opposition mit Flugabwehrraketen auszustatten. Kämen diese ins Land, dürfte es in Zukunft noch mehr Bilder geben, deren Verbreitung die Regierung zu verhindern sucht. Gelingen wird ihr das allerdings bestenfalls einige Tage. Denn schon haben syrische Hacker der Opposition digitale Wege ins Ausland gebahnt.

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