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Aktuell Nahost

Syrien: Gezielte Angriffe auf die Helfer

Selbst Kliniken, Ärzte und Patienten geraten unter Beschuss. In Syrien wird das Völkerrecht verletzt, mahnt die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" und ruft die Bundesregierung auf, Druck auf das Assad-Regime auszuüben.

Vor ein paar Wochen ist in Aleppo wieder ein Arzt erschossen worden. "Ein paar Polizisten sind in seine Praxis gekommen und haben ihn einfach so erschossen", sagt ein syrischer Arzt, der in Deutschland lebt und aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will. Sein Freund hatte sich geweigert, weiterhin mit den syrischen Sicherheitskräften zusammenzuarbeiten - am nächsten Tag war er tot. "In Syrien werden Patienten, Behandelnde und Kliniken gezielt angegriffen", bestätigt Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen".

Die Hilfsorganisation betreibt nach eigenen Angaben in Syrien fünf Kliniken, allesamt in möglichst unauffälligen Wohnhäusern oder in Berghöhlen. Wo genau die Kliniken liegen, hält die Organisation geheim, um Patienten und Personal vor Angriffen zu schützen. Fast 60 Prozent aller Krankenhäuser und 80 Prozent aller Krankenwagen seien bei den Kämpfen, die seit fast zwei Jahren in Syrien andauern, zerstört worden; das Gesundheitssystem ist beinahe völlig zusammengebrochen. Die Sicherheitslage in Syrien sei extrem schwierig, sagte Stöbe bei der Jahreskonferenz der Organisation in Berlin. Immer wieder geraten Ärzte unter Beschuss. "Es gibt keine Sicherheitsgarantien für unser Personal", sagte auch Frank Dörner, Geschäftsführer der Organisation.

Der Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, Tankred Stöbe (Foto: Matthias Balk dpa)

Stöbe: "Völkerrecht wird erodiert"

Internationales Völkerrecht verletzt

Das internationale Völkerrecht gewährt Krankenhäusern, Patienten und Ärzten einen besonderen Schutz. Das heißt, dass Konfliktparteien sie nicht angreifen dürfen. Doch in den letzten Jahren hat "Ärzte ohne Grenzen" nach eigenen Angaben einen beunruhigenden Trend beobachtet: "Dieser völkerrechtliche Schutz erodiert", so Stöbe. Bereits in den Kriegen im Irak und in Libyen seien Krankenwagen und medizinisches Personal gezielt angegriffen worden. "Aber was in Syrien sicherlich anders ist, ist dass es über eine konstante Zeit und auch sehr offen weitergeführt wird", sagte Dörner.

Die Organisation operiert nach eigenen Angaben lediglich in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten, da das syrische Regime den Zugang verwehrt. Auch die heftig umkämpfte Stadt Kusair, in der in den letzten Tagen hunderte verletzte Zivilisten eingekesselt waren, ist für "Ärzte ohne Grenzen" gesperrt. "Wir haben keinen Zugang", sagte Stöbe. Man unterstütze allerdings Netzwerke syrischer Ärzte und Krankenhäuser in den von dem Regime kontrollierten Gebieten mit Medikamenten. Stöbe forderte die Bundesregierung auf, ihren Einfluss geltend zu machen, damit sich die syrische Regierung für mehr unabhängige humanitäre Hilfe öffnet.

Ein Panzer fährt durch eine Straße in Kusair (Foto: REUTERS/Mohamed Azakir)

Kusair ist wieder in Assads Hand

Spendenaufruf

Zu dem möglichen Einsatz von chemischen Waffen, den die UN dem Assad-Regime vorwirft, erklärte Stöbe, in den Krankenhäusern von "Ärzte ohne Grenzen" seien bislang keine Patienten mit derartigen Symptomen eingeliefert worden.

Die Organisation stellt sich nach eigenen Angaben auf einen langwierigen Konflikt ein. Die Menschen in Syrien würden in den nächsten Monaten und Jahren Hilfe brauchen, erklärte Stöbe, der gleichzeitig zu einer größeren Spendenbereitschaft aufrief. Die Organisation benötigt nach eigenen Angaben 31 Millionen Euro für die Syrienhilfe allein für dieses Jahr. Doch möglich sei, dass bald mehr benötigt werde, so Stöbe.

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