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Kunst

Syrien-Expertin über Palmyra: "Die UNESCO lässt zu, dass die Russen den Kurs bestimmen"

Palmyra ist unter die politischen Räder gekommen. Russische Forscher wollen die UNESCO beim Wiederaufbau unterstützen. Warum das ein Fehler ist, sagt die französische Historikerin Annie Sartre-Fauriat im DW-Interview.

Der Umgang mit der Welterbestätte Palmyra ist umstritten. Während sich die einen für einen schnellen Aufbau Palmyras engagieren, plädieren andere für einen behutsamen Umgang mit der Kulturerbestätte. Die französische Historikerin und Syrienexpertin Annie Sartre-Fauriat kennt Palmyra aus zahlreichen Aufenthalten und Forschungen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Maurice Sartre, hat sie Mitte Mai in Frankreich ein Buch herausgegeben: "Palmyra: Wahrheit und Legenden". Im DW-Interview kritisiert sie, dass die Eremitage in St. Petersburg den Wiederaufbau federführend leiten soll, obwohl Russen so gut wie nie eine archäologische Forschung vor Ort durchgeführt haben. Am 2. Juni startet in Berlin eine Konferenz mit Beteiligung der UNESCO, bei der Experten über die Zukunft der Welterbestätte Palmyra diskutieren.

Video ansehen 01:53

Wiederaufbau in Palmyra

Annie Sartre-Fauriat, Sie sind Historikerin und Expertin für die syrische Antike, gehören zu einer Expertengruppe der UNESCO, die sich um die syrischen Weltkulturerbestätten kümmert, aber Sie wurden zu der Konferenz in Berlin nicht eingeladen. Warum?

Meiner Meinung nach geht es der UNESCO bei dieser Konferenz nur darum, zu zeigen, dass sie etwas unternimmt. Ich fürchte, dass nur Wissenschaftler eingeladen wurden, die sich mit ihrer eigenen Meinung zurückhalten, die der UNESCO nichts entgegensetzen. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass der Einsatz der UNESCO in Syrien eine Enttäuschung ist. Ich hätte mir gewünscht, dass die UNESCO dort eine klare Position bezieht, was die Restaurierung des Welterbes Palmyra angeht. Schließlich haben die meisten Experten dazu geraten, nichts zu überstürzen in Palmyra.

Die russische Regierung will die UNESCO dabei unterstützen, Palmyra wiederaufzubauen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Historikerin Annie Sartre-Fauriat (Copyright: Maurice Sartre-Fauriat)

Annie Sartre-Fauriat übt Kritik an der Arbeit der UNESCO

Ich halte nichts davon. Erstens, weil die Russen noch nie in Palmyra vor Ort ernsthaft geforscht haben. Weder als Archäologen, noch als Historiker, noch sonstwie. Meiner Meinung handelt es sich um ein politisches Manöver. Wladimir Putin hat Baschar al-Assad nur geholfen, Palmyra zurückzuerobern, um sich selbst als Retter feiern zu lassen. Das Assad-Regime hat davon gerne Gebrauch gemacht. Mir macht das große Sorgen, weil die Russen nicht fachkundig sind. Ihnen fehlt die Expertise, um die nötige Sorgfalt walten zu lassen und die Welterbestätte behutsam zu restaurieren.

Warum lässt sich Irina Bokova, Generaldirektorin der UNESCO, ausgerechnet von Russland helfen?

Sie müssen wissen, dass es sich um eine brisante und hochpolitische Situation handelt. Irina Bokova wurde von Bulgarien als Nachfolgerin Ban Ki Moons als UN-Generalsekretärin nominiert. Sie gilt als Top-Kandidatin für den höchsten Posten im Weltsicherheitsrat. Dafür braucht sie Hilfe aus Moskau. Aber auch ihren Posten als Generaldirektorin der UNESCO verdankt sie zu großen Teilen der Unterstützung Russlands. Deshalb will sie sich die Russen auf keinen Fall zum Gegner machen. Dabei verstrickt sie sich in Widersprüchlichkeiten: Mal sagt sie, Palmyra dürfe nicht zu schnell wieder aufgebaut werden. Mal lässt sie die Russen machen, was sie wollen. Durch ihren persönlichen Ehrgeiz, Karriere als UN-Generalsekretärin zu machen, sind ihr die Hände gebunden.

Haben Sie Angst, dass die UNESCO ihre Neutralität verliert?

Die UNESCO hat zugelassen, dass die Russen den Kurs vorgeben, wie mit Palmyra umgegangen wird. Es gibt dort keine seriöse archäologische Vorgehensweise: Zuerst müsste man den Ort sichern, eine gründliche Bestandsaufnahme machen, die Funde nummerieren. Aber, was machen die Russen? Sie installieren ein Militärlager mitten in der Wüstenstadt. Und sie veranstalteten als Propaganda-Coup ihrer "Befreiung" ein Sinfoniekonzert im römischen Amphitheater von Palmyra, für den sie Hunderte Menschen dorthin einfliegen ließen.

Haben Sie Angst, dass die archäologischen Funde noch weiter zerstört werden?

Konzert im römischen Amphitheater Anfang Mai, Foto: picture-alliance/dpa/M. Voskresenskiy

Konzert im römischen Amphitheater Anfang Mai

Gerade dieser Teil, wo das russische Militärlager errichtet wurde, ist bereits stark von vorhergegangenen syrischen Manövern in Mitleidenschaft gezogen: Die Armeefahrzeuge haben Furchen in den Boden gezogen, Steine verschüttet, einen Weg ausgehoben. Ausgerechnet hier, in der nördlichen Nekropole, gäbe es noch viele archäologische Ausgrabungen zu leisten. Stattdessen wird dort schon wieder geplündert und zerstört. Die UNESCO schreitet nicht ein, sie löst keinen Druck auf die Russen aus, dort vorsichtiger zu sein. Zum Beispiel hätte die UNESCO dafür sorgen können, dass sich die Russen irgendwo in der Wüste mit ihrem Militär niederlassen, da hätten sie keinen Schaden anrichten können. Auch die zahlreichen Menschen - Touristen, Soldaten, Journalisten - die bereits in Palmyra durch die antiken Ruinen spazieren durften oder auf den Steinen herumkletterten, all diese Menschen richten weitere Zerstörungen an.

Warum greift die UNESCO nicht ein?

Die UNESCO hat keine Möglichkeiten und schlicht kein Interesse, etwas dagegen zu unternehmen. Sie ist ein Spielball von Baschar al-Assad und den Russen. Palmyra wird politisch instrumentalisiert. Als Palmyra aus den Fesseln des Islamischen Staates erobert wurde, sprachen die Russen von einer "Befreiung". Sie haben Palmyra keinesfalls "befreit"! Sie haben nur eine Armee gegen eine andere ausgetauscht.

Zuerst hat die syrische Armee Palmyra verwüstet, dann wütete dort der sogenannte "Islamische Staat" und nun scheint beim Wiederaufbau einiges schief zu gehen?

Ich sage, was ich sehe: Die Russen haben dort eine Militärbasis errichtet und schicken Patrouillen herum, statt die antiken Ausgrabungsstätten abzuriegeln und niemanden hereinzulassen, der dort nichts zu suchen hat. Natürlich müssen dort Minen entfernt werden, aber es müssen endlich Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit nicht jeder einfach dort herumlaufen kann.

Das klingt alles sehr pessimistisch. Ist Palmyra überhaupt noch zu retten?

Palmyra vor und nach ISIS, Foto: Getty Images/AFP/J. Eid

Palmyra vor und nach der Zerstörung durch die ISIS

Es ist nicht alles zerstört worden. Vom Baal-Tempel, einem der schönsten Bauwerke Palmyras, der zum Teil gesprengt wurde, gibt es noch einige höher gelegene Blöcke, die gut erhalten sind. Vielleicht kann man die wieder aufrichten. Aber ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wie man den Baal-Tempel restaurieren soll. Ich bin dafür, die Stätte so zu lassen, wie sie ist.

In unserem letzten Interview sprachen Sie davon, dass Palmyra durch den Wiederaufbau eine Art "Disneyland" werden könnte.

Ich habe Angst, dass die Russen und die Syrer ein Palmyra errichten wollen, wie es früher einmal war. Aber: welches Früher? Zwangsläufig wird es eine Kopie, eine schlechte Kopie. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern habe ich kürzlich eine Petition unterschrieben, gegen eine zu schnelle und unüberlegte Restaurierung von Palmyra. Statt eine schlechte Kopie zu schaffen, sollte man das Geld lieber nutzen, um die noch nicht erforschten Orte von Palmyra weiter auszugraben. Das wäre interessanter, als ein Disneyland zu schaffen. So kämen neue Seiten der Geschichte ans Licht. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern die von vielen weiteren Forschern, die die Warschauer Petition unterzeichnet haben. Palmyra ist ein Symbol, das die Russen und Baschar al-Assad bestens für sich zu nutzen wissen. Sie verfolgen dort ihre politischen Interessen, um sich als Befreier feiern zu lassen. Es geht nicht um den Schutz der archäologischen Ausgrabungen. Das sehen Sie auch daran, dass Wladimir Putin dort ein Konzert veranstaltet hat. Mitten in einer archäologischen Welterbestätte – ohne Rücksicht auf Verluste. Und was noch schlimmer ist: während in anderen Städten Krankenhäuser bombardiert wurden. Das ist obszön!

Das Gespräch führte Sabine Oelze

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