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Nahost/Nordafrika

Syrien: "Der Nahe Osten ist voller Grauzonen"

Die Interessen der verschiedenen Lager im Syrien-Konflikt sind komplex, die Gefahr ist allgegenwärtig. Können syrische und internationale Journalisten unter diesen Umständen angemessen berichten?

Houssam Aldeen hat vor kurzem politisches Asyl in Deutschland erhalten. Nun sitzt der Politikwissenschaftler, der von Damaskus aus westliche Medien heimlich mit Informationen versorgt hat, auf dem Podium der Veranstaltung Medien International und sorgt sich: "Die Lage für syrische Journalisten ist dramatisch. Mobiltelefone, Laptops – alles wird kontrolliert, wenn man unterwegs ist." Damit, so der Syrer, wollten die Machthaber verhindern, dass Aufnahmen von Kampfhandlungen und Gräueltaten an die Öffentlichkeit und ins Ausland gelangen. Aldeen selber wurde fünfmal von der Geheimpolizei verhaftet, bevor er sich entschloss, seine Heimat zu verlassen – aus Angst um sein Leben.

Wie gefährlich es sein kann, als Journalist in Syrien unterwegs zu sein, musste im Frühjahr dieses Jahres auch der deutsche ARD-Korrespondent Jörg Armbruster erfahren. Auch ihn hatten DW Akademie und ARD-Hauptstadtstudio am Freitag als Experten eingeladen. "Reisen in die befreiten Gebiete sind brandgefährlich" – nach Armbrusters Einschätzung derzeit sogar gefährlicher als im Frühjahr dieses Jahres. Damals wurde er selbst bei einer Reise durch Nordsyrien schwer verletzt.

Dieser Einschätzung stimmt auch Kristin Helberg zu. Die Journalistin hat Jahre in Syrien gelebt und beobachtet den Krieg derzeit von Berlin aus, vorrangig über das Internet. Die mit einem Syrer verheiratete Expertin ist der Meinung, der Syrien-Konflikt sei "der mit am besten dokumentierte Konflikt der letzten Jahre", und bedauert im ARD-Hauptstadtstudio zugleich, dass vielen deutschen Journalisten die nötige Sprach- und Sachkenntnis fehlten, um die vorhandenen Quellen – auch jenseits der Zeugnisse von Kampfhandlungen - professionell auswerten zu können. Dadurch liefen sie Gefahr, eine Zuspitzung des Konflikts "herbeizuschreiben“, sagt Helberg: "Der Nahe Osten ist voller Grauzonen. Wer wissen will, was wirklich vor sich geht, hat genug Gelegenheit, das herauszufinden.“ So gebe es in Nordsyrien beeindruckende Aktivitäten im Untergrund. "Es gibt etwa zwölf Zeitungen, die in Nordsyrien produziert, in der Türkei gedruckt und dann heimlich in die befreiten Gebiete geschmuggelt werden."

Eine Analyse, die Jörg Armbruster nur in einem Punkt nicht teilt: "Die Medien spitzen durch ihre Berichterstattung den Konflikt ganz sicher nicht zu. Aber es stimmt, dass es zwingend notwendig ist, über Menschen zu berichten, die sich in kleineren Städten - da wo die Kontrolle durch die Dschihadisten nicht zu stark ist - versuchen, selbst zu organisieren. Man muss als Journalist dahin gehen und mit den Leuten sprechen. Man bekommt nicht alles über das Internet mit", so Armbruster, der vorerst keine weiteren Reisen nach Nord-Syrien mehr unternehmen wird, und dem das syrische Informationsministerium die Einreise nach Damaskus seit einiger Zeit verweigert.

Veranstaltung der ARD und DW Akademie Medien International: Syrien im Hauptstadtstudio Berlin am 9.August 2013, Expertengespräch zur Lage der Medien.

Jörg Armbruster

"Das syrische Regime betrachtet alle ausländischen Journalisten als Spione", bestätigt Houssam Aldeem und nickt zustimmend, als Jörg Armbruster ergänzt: "...und alle syrischen Journalisten, die Kontakt zu ausländischen Journalisten haben, als Vaterlandsverräter.“ Unter diesen Umständen ist objektive, unparteiische Berichterstattung unrealistisch. "In Syrien ist es derzeit nicht möglich, unparteiisch zu sein“, sagt Nasir Al-Jezairi, Trainer der DW Akademie. Journalisten, die versuchten, unparteiisch zu berichten, setzten ihr Leben aufs Spiel und deshalb berichte in dem gespaltenen Land jeder Journalist ausschließlich für sein eigenes Lager.

Al-Jezairi sieht entsprechend in den Teilnehmern der Trainings, welche die DW Akademie unter Sicherheitsvorkehrungen dieses Jahr in Kairo und Istanbul durchgeführt hat, eher Aktivisten denn Journalisten. "Aber diese Aktivisten sind vielleicht die Journalisten der Zukunft", sagt der gebürtige Iraker, für den die Arbeit mehr ist als nur ein Job: "Es ist oft sehr schwierig für uns Trainer. Wir holen die Leute aus Syrien raus, doch nach dem Training schicken wir sie wieder zurück – und es kann sein, dass sie geschnappt werden. Wir warten dann immer auf ein Lebenszeichen von ihnen. Das ist hart, doch das muss man in Kauf nehmen," sagt Al-Jezairi, der hofft, "dass die Zukunft bald eintritt" und die DW Akademie am Aufbau eines freien Mediensystems in Syrien mithelfen kann.

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