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Kultur

Synagoge im Versteck

Im rheinischen Stommeln verschwindet eine ehemalige Synagoge hinter einer schnöden Einfamilienhaus-Fassade. Der Künstler Gregor Schneider hat sie einfach unsichtbar gemacht - und damit sichtbarer denn je.

"Da kommt man ja gar nicht hin", sagt mir die alte Frau mit den kleinen, weißen Löckchen bereits im Regionalzug. Sie spricht von der Synagoge in Stommeln, nordwestlich von Köln. Zehn Minuten laufe ich durch schmale Straßen, die sich durch den Ort bis zur Hauptstraße winden. Dort steht in einem Hinterhof das ehemalige jüdische Gotteshaus.

Hin zur Synagoge gelangt man tatsächlich nicht. Denn an ihrer Stelle steht jetzt ein kleines, fast quadratisches Einfamilienhaus, das seit neustem die Adresse "Hauptstraße 85a" trägt. Die gleichnamige Arbeit des deutschen Künstlers Gregor Schneider ist seine neueste Installation für das Kunstprojekt "Synagoge Stommeln". Für dieses Projekt lädt die Kulturabteilung der Stadt Pulheim seit 1991 jährlich einen international bekannten Künstler oder eine Künstlerin ein, den Raum des ehemaligen jüdischen Gotteshauses zu bearbeiten.

Die Stommelner Synagoge ist etwas ganz Besonderes, ist sie doch die einzige im Kölner Raum, die von den Nationalsozialisten nicht zerstört wurde. Die jüdische Gemeinde, deren Mitglieder es immer mehr vom Land hin in die Stadt zog, verkaufte sie 1937 an einen örtlichen Landwirt. Dieser nutzte sie als Abstellkammer. So überstand die Synagoge die Reichspogromnacht 1938.

(K)ein Blick in die Normalität

Ausgerechnet dieses jüdische Bethaus verschwindet nun doch. An seiner Stelle steht ein strahlender, zitronengelber Neubau mit rabenschwarzem Dach und blendend weißem Garagentor. Am Briefkasten und an der Klingel steht Schneider.

Gregor Schneider ist es auch, der den Ziegelsteinen der 1882 erbauten Synagoge Rauputz übergestülpt und sie somit von außen in ein Einfamilienhaus verwandelt hat. Schneider ist eine Art Baukünstler: Unter anderem hatte er im Rahmen seiner Arbeit "

Haus u r

" über Jahre hinweg sein Elternhaus in ein Labyrinth verwandelt. Durch eingebaute Wände schachtelte er darin neue, nachgebaute Räume in alte und schaffte eine unheimliche Meta-Realität, in der Türen sich in neue Türen oder ins Nichts öffnen. Das Werk baute er für seinen prämierten Beitrag zur Kunstbiennale 2001 in Venedig im

deutschen Pavillon

nach.

Was jedoch nun im dörflichen Stommeln steht, ist kein Labyrinth. Es ist Reihenhaus-Stangenware. Meine erste Reaktion darauf: Lachen. Die zweite: Der Versuch, die Synagoge innerhalb der Neubaufassade zu erspähen.

Doch das Haus in der Hauptsraße 85a lässt keine Blicke zu. Hinein dürfen Besucher auch nicht. Die Synagoge ist voll und ganz von der Außenwelt abgekapselt. Man kann zwar mit der Hand am buckeligen Putz entlangfahren, am Plastikgriff des Garagentors ziehen und die Nase an die Fensterscheiben pressen, aber innen an den Fenstern sieht man nur undurchsichtige Schiebevorhänge mit geblümter Spitze.

Eine ganze Bandbreite an Reaktionen

Neugier, Verblüffung, Enttäuschung: Angelika Schallenberg kann keine Reaktion der Besucher auf Schneiders Geste mehr überraschen. In einem Café gleich um die Ecke erklärt die Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Pulheim, man komme ja mit einer "bestimmten Erwartung" zur Synagoge in Stommeln, sei es an den Ort oder den Künstler.

Das Einfamilienhaus in der Hauptsraße 85a haben wohl die wenigsten Besucher des Kunstprojektes erwartet. Meist setzten sich die Projekte in Stommeln mit dem Holocaust auseinander, sagt Schallenberg, die bereits 1989 den ersten Künstler angefragt hatte: "Egal was die machen, jedes Nichts an Material, das ein Künstler in die Synagoge reinlegt, wird sofort mit Bedeutung aufgeladen."

Gegen Gedenkzwang

Von Anfang an sei das Kunstprojekt der Erinnerung gewidmet gewesen, erklärt sie. Die Pole Kunst und Erinnerung müssten jedoch autonom bleiben, denn "in dem Moment, in dem ich die Kunst dienstbar mache zur Gedenkkunst, ist es keine Kunst mehr. Das rutscht dann unglaublich in einen Gedenkkitsch."

Das Projekt von Schneider ist ganz und gar kein Gedenkkitsch sondern "das Maximum an Arbeit gegen die Institution Gedenkort, die überhaupt möglich ist", wie es Schallenberg formuliert. Schneider macht sich nämlich nicht nur über die Spießigkeit der Vorstadt lustig und verkleidet seine eigene Arbeit in schnöde Normalität, er hinterfragt auch grundsätzlich die institutionalisierte Gedenkkultur.

Denn ein Besucher, der nichts von der ursprünglichen Synagoge weiß, könnte den Ort nicht als Gedenkstätte erkennen. Alle Anzeichen der historischen Synagoge sind verschwunden. Der Wegweiser zur Synagoge wurde abmontiert. Das Tor des Bethauses, an dem ein Davidstern und hebräische Buchstaben standen, ist auch weg. An der über die Dachtraufe hinausgezogenen Fassade der Synagoge, die früher ein Davidstern zierte, ist nun ein leerer Kreis.

In der Nachkriegszeit und bis in die 1970er Jahre seien viele jüdische Bethäuser abgerissen oder baulich umfunktioniert worden, erklärt Kultur-Chefin Schallenberg. Der Künstler imitiere jetzt ein "bundesrepublikanisches Bedürfnis nach einem Neuanfang." Schneider befasst sich also doch mit der Geschichte der Synagoge, der Geschichte Deutschlands.

Welche Synagoge?

Doch der künstlerische Ansatz von Schneiders Arbeit ist für viele Stommelner so unsichtbar wie die Synagoge selbst. An der Hauptstraße, die wenige Meter entfernt ist, findet heute ein Markt statt. Dass die Synagoge plötzlich weg ist, hat vermutlich kaum jemand gemerkt. "Welches Projekt meinen Sie?", fragt mich eine Gemüseverkäuferin, die an ihrem Stand gerade Kartoffeln auslegt. "Nee, hab ich mir nicht angeguckt. Aber ich hab darüber was im Fernsehen gesehen."

Ein paar Meter vom Trubel der Marktstände entfernt, steht im Hinterhof zwischen dem Kiosk und dem Blumenladen das gelbe Haus. Dort bleibt es laut den Organisatoren auch erst einmal auf unbestimmte Zeit. Es wirkt etwas verlassen.

Die Ruhe hier gibt Zeit zum Nachdenken, und für einen weiteren Blick auf die Fassade. Dabei bemerke ich: Die uniforme Putzfassade hat zwar den Davidstern verborgen, nicht aber die außergewöhnliche Form am Dach. Komplett verschwunden ist das Bethaus also nicht. Es ist nur nicht mehr öffentlich. Den Zugang zur Synagoge - und zu ihrer Geschichte - kann sich bei Gregor Schneiders Arbeit jeder einzelne selbst verschaffen.

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