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Kultur

Sylvester – Melancholie und Böller

Raketen, Champagner und ein bisschen Wehmut: diese Mischung prägt Sylvester, das Fest zum Jahreswechsel. Silvia Katharina Becker von der katholischen Kirche nähert sich diesem Fest mit einem Bild an: dem des Weges.

Sylvester ist ein lautes Fest. Und das ist kein Zufall. Während sich Weihnachten immer mehr von seinem Ursprung entfernt, hat gerade der Jahreswechsel seine Bedeutung ungebrochen bewahrt: nämlich das Fließen und den Wandel der Zeit, Abschied und Neubeginn zu feiern. Jede noch so ausgelassene Silvesterparty findet deshalb vor einem leicht melancholischen Hintergrund statt, atmet einen Hauch von Wehmut. Manchmal gesellt sich auch einen Anflug von Angst dazu: Angst angesichts einer ungewissen Zukunft. Dies gilt ganz besonders nach diesem friedlosen, vor Gewalt und Brutalität strotzenden Jahr 2014.

Angst und Wehmut sind allerdings nicht jedermanns Sache: deshalb der üppige Einsatz von Chinaböllern, Raketen, Champagner und Konfetti. Aber es hilft alles nichts! Spätestens beim Klang der Kirchenglocken, die in ganz Deutschland um Mitternacht läuten, spürt auch der unsensibelste Mensch: Ein Stück meiner Wegstrecke zwischen Geburt und Tod ist - wieder einmal - vorbei, ein Stück Lebenskraft verrauscht, ein Kapitel Lebensgeschichte abgeschlossen. Zwar weiß ich nie, wie viele Kapitel meine Lebensgeschichte haben wird, aber eines ist gewiss: Ihre Zahl ist begrenzt. Es ist nicht immer leicht, dies zu ertragen. Wie gesagt: Sylvester ist ein lautes Fest. Und das ist kein Zufall.

Das Leben selbst zwingt mich auf den Weg

Gibt es ein Bild, so frage ich mich, das den Jahreswechsel treffend symbolisieren kann? Mir fällt hier vor allem einMotiv ein: das des Weges. Der Weg ist einerseits ein Symbol der Orientierung – Wegweiser und Schilder säumen ihn -, andererseits ein Symbol für die Ungewissheit der Zukunft, durch die der Mensch eine Schneise schlagen muss. Ob er will oder nicht. Denn das Leben selbst zwingt ihn auf den Weg, fordert ihn zur Entscheidung heraus. Selbst wenn ich mich weigern würde, einen gezielten Lebensweg einzuschlagen, so wäre auch dies schon eine Wegentscheidung - nämlich das Einverständnis, es anderen Menschen oder dem Zufall oder dem Trend der Zeit zu erlauben, meinen Lebensweg zu bestimmen. Aber selbst dann, wenn ich mein Leben bewusst plane, kann ich mir die Zeiten des Aufbruchs nicht immer frei aussuchen, sondern werde auf Wege und Umwege gestoßen, die ich weder gesucht noch gewollt habe. Dies kann ein Unfall sein, eine Krankheit, der Tod eines nahestehenden Menschen, aber auch eine faszinierende Begegnung oder eine unerwartete Schwangerschaft.

Jeder neue Weg – ob frei gewählt oder vom Schicksal darauf gestoßen - steht jedoch unter der Hoffnung, Wegbegleiter zu finden. Niemand stolpert gern allein. Dennoch stößt jede Wegbegleitung an Grenzen. Mütter und Väter erleben dies in bedrängender Weise: Sie können ihrem Kind „Wegweiser“ sein, sie können es bis an den Rand einer Weggabelung führen, aber gehen muss es – einmal erwachsen geworden - seinen Weg allein. Eltern können auch dann noch unaufdringliche Wegbegleiter bleiben: aber eben nur Begleiter auf Zeit, keine Führer.

Ballast erkennen und abwerfen

Das Bild des Weges hat also eine dunkle Kehrseite: die Einsamkeit. Einsamkeit angesichts der Notwendigkeit, seinen Weg in immer neuen Lebensentscheidungen selbst zu gestalten. So ist der Weg nicht nur ein Zeichen für meinen Umgang mit der Welt, sondern auch für meinen Umgang mit mir selbst: mit meinen Fähigkeiten und Grenzen, meinen Hoffnungen und Ängsten. Dazu gehört auch die schwierige Frage: Was nehme ich mit auf den Weg, was werfe ich als bloßen Ballast ab? Ballast kann vieles sein: eine Liebesbeziehung, die keine mehr ist; ein Beruf, der nur noch Routine bedeutet; ein Gottesbild, das nicht mehr trägt, weil es Gott mehr verstellt als eröffnet.

Zu wem sollen wir gehen?

„Der Weg entsteht beim Gehen“, sagt ein altes Sprichwort. Dies gilt auch für den Weg des Glaubens. Im katholischen Brauch der Prozession klingt es an: Wir können Gott nur dann begegnen, können ihn nur dann als Wegbegleiter erfahren, wenn wir vertrauensvoll aufbrechen, allen Dunkelheiten und Unsicherheiten zum Trotz.

„Herr, zu wem sollen wir gehen?“, entgegnet Petrus (Joh 6,68) dem tief enttäuschten Jesus auf seine Frage, ob nicht auch er und der Rest des Jüngerkreises ihn verlassen wollen. Diese schlichten Worte bedeuten für mich den Inbegriff des christlichen Weges. „Zu wem“, nicht „wohin“, lautet die Frage. Das aber heißt: Der Weg des Christen hat personalen Charakter. Er ist nicht in erster Linie geprägt durch ein abstraktes Ziel, ein abstraktes „Wohin“, sondern durch die Person Jesu selbst, die im Johannesevangelium von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Silvia Becker Kirchlicher Verkündigungsbeitrag zum Fest Fronleichnam

Dr. Silvia Katharina Becker

Zur Autorin: Silvia Katharina Becker, Dr. phil., ist seit 2008 Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio und Deutsche Welle. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung der Erzdiözese München und Freising tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben ist sie auch als freie Autorin tätig.

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