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Europa

Swetlana Gannuschkina - von der Mathematik zur Flüchtlingshilfe

Die russische Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina setzt sich für Migranten ein, auch gegen staatlichen Widerstand. Jetzt erhält sie einen der vier alternativen Nobelpreise.

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Ringen um Flüchtlingsrechte in Russland

Die schwedische Stiftung Right Livelihood Award Foundation hat die russische Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina "für die richtige Lebensführung" ausgezeichnet. Sie ist Vorsitzende der "Zivilen Unterstützung", der einzigen russischen NGO, die sich seit Jahrzehnten für die Belange von Flüchtlingen einsetzt. Gannuschkina leitet außerdem das Netzwerk "Migration und Recht" des russischen Menschenrechtszentrums "Memorial".

Alles begann Ende der 1980er Jahre mit dem Berg-Karabach-Konflikt. Moskaus Intellektuelle unterstützten damals Armenien. Doch Swetlana Gannuschkina, die an einer Moskauer Universität Mathematik lehrte, reiste nach Aserbaidschan, um die andere Seite des Konflikts zu sehen. "Dort habe ich zum ersten Mal Flüchtlinge getroffen. Das waren einfache Leute, Bauern", erinnert sich die Menschenrechtsaktivistin.

Zurück in Moskau begann sie, sich in der Friedensbewegung zu engagieren: "Weder in Armenien noch in Aserbaidschan gab es Stellen, die sich mit Vermissten befassten. Ich erstellte Listen verschwundener Menschen. In meinem Haus trafen sich sogar Vertreter der Konfliktparteien."

Von der Kleiderhilfe zum Einsatz für Menschenrechte

In der russischen Hauptstadt kamen immer mehr Flüchtlinge an. Zuerst gab es eine Welle aus Armenien und Aserbaidschan, dann aus Abchasien, Südossetien, Tadschikistan und Tschetschenien. Das von Gannuschkina gegründete Komitee "Zivile Unterstützung" begleitete die ganze postsowjetische Geschichte.

Anfangs wurden Flüchtlinge in den Räumen der "Literaturnaja Gazeta" untergebracht, wo Journalisten arbeiteten, mit denen Gannuschkina befreundet war. Später fand man einen Keller im Zentrum von Moskau.

Freiwillige des Komitees sammelten Kleidung und Lebensmittel. Doch schnell wurde klar, dass das nicht reichte. Viele Flüchtlinge hatten gar keine Dokumente, andere nur die alten sowjetischen Pässe, andere besaßen zwar Ausweispapiere, hatten aber keinen Wohnsitz. So wurde aus der Wohltätigkeitsorganisation eine Menschenrechtsorganisation.

Flüchtlinge im Büro der russischen NGO Zivile Unterstützung (Foto: DW)

Flüchtlinge aus vielen Konfliktgebieten suchen Hilfe bei der russischen Nichtregierungsorganisation "Zivile Unterstützung"

Mittlerweile berät die "Zivile Unterstützung" nicht nur Flüchtlinge in Moskau. Über das Memorial-Netzwerk "Migration und Recht" mit mehreren Dutzend Filialen engagiert sie sich in ganz Russland.

Seit 1998 erhält die NGO Finanzmittel vom Büro des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge, aber auch von internationalen Förderern, die ihr damit ermöglichen, nicht nur auf ehrenamtliche Mitarbeiter zurückzugreifen, sondern auch auf die Hilfe professioneller Übersetzer, Ärzte und Juristen.

Tschetschenien und der Donbass

Die Tschetschenien-Kriege (ab 1994) waren für die "Zivile Unterstützung" eine besonders schwere Zeit. Die Opfer beider Konfliktparteien waren Bürger Russlands. Mitarbeiter der NGO fuhren nach Tschetschenien und halfen, Schwerverletzte zur Behandlung nach Moskau zu bringen.

"Eine große Rolle spielten dabei Schuldgefühle. Ob man will oder nicht, man ist irgendwo für die russischen Generäle mitverantwortlich, die dort kämpfen und töten", sagte Gannuschkina. Unter dem Krieg litten nicht nur Tschetschenen. Gannuschkina setzte sich genauso für die Rechte der ethnischen Russen ein, die den Nordkaukasus verlassen mussten.

Seit den Kämpfen im Osten der Ukraine wenden sich auch Flüchtlinge aus dem Donbass an die "Zivile Unterstützung". Die russischen Behörden helfen ihnen nicht bei ihren Problemen.

Bild von Flüchtlingskindern mit der russischen Aufschrift Wir sind Agenten dieser Ausländer (Foto: refugee.ru/Aleksandr Fyodorov)

"Wir sind Agenten dieser Ausländer", schreibt die russische Flüchtlingsorganisation auf ihre Webseite

Mit Unterstützung des russischen Staates kann aber auch die "Zivile Unterstützung" nicht rechnen, ganz im Gegenteil: Im vergangenen Jahr stufte das Justizministerium die Organisation als "ausländischen Agenten" ein.

"Das ist natürlich eine Schande, aber nicht für uns, sondern für diejenigen, die all dies erfinden", sagte Gannuschkina. Laut Gesetz müssen Organisationen, die aus dem Ausland finanziell unterstützt werden und deswegen zu "ausländischen Agenten" erklärt wurden, dies auch auf ihrer Webseite angeben.

Das hat die "Zivile Unterstützung" getan. Sie zeigt auf ihrer Webseite Fotos syrischer, afghanischer und afrikanischer Kinder. Dazu schreibt die NGO: "Wir sind Agenten dieser Ausländer."

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