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Bücher

Svenja Leiber: Schipino

An einem Ort "weit im Abseits, so weit, dass es kaum zu erkennen ist "- dort spielt der neue Roman von Svenja Leiber. Eine junge deutsche Autorin, die schon für ihr erstes Buch viel Lob und viele Preise eingeheimst hat.

Buchcover Schipino von Svenja Leiber (Foto: Schöffling)

Der Erzählband "Büchsenlicht" (2005) versammelte Dorfgeschichten aus dem schleswig-holsteinischen Hinterland und entfaltete eine Pathologie des Provinzlebens. Gezeigt wurden Schlaglichter auf das trostlose, sinn- und traditionsleere Dorfleben; in spröder, lakonischer Diktion wurde von wort- und gefühlskargen, von sprach- und lieblosen Menschen erzählt, unfähig zu sozialem Miteinander.

Ein alternatives Sozial-Experiment

Die Schriftstellerin Svenja Leiber (Foto: Ulf Aminde)

Svenja Leiber

Svenja Leibers neuer Roman "Schipino" entwirft eine Art Gegenprogramm zu "Büchsenlicht". Schipino ist ein weltferner Ort im tiefen Russland und liegt "weit im Abseits, so weit, dass es kaum zu erkennen ist". Die vier einsamen Datschen auf einem Hügel, umringt von Sümpfen, Bächen und Seen und nur von einer verrotteten und entvölkerten Kolchose aus erreichbar, sind der Schauplatz eines alternativen Gemeinschaftsexperiments. Hier, im russischen Hinterland, wo "ein gewaltiges Erdschweigen, ein Weltschweigen" herrscht, übt sich eine Handvoll seltsamer junger Leute – Aussteiger, Zivilisationsflüchtlinge, Gestrandete – einen Sommer lang im einfachen, naturnahen Zusammenleben, menschenfreundlich, schweigsam und anspruchslos. Vielleicht aber sind sie auch alle Gescheiterte, die "einfach zum Untergehen hier" sind. Jan Riba, ein Deutscher Ende dreißig, stößt zu dieser Freundesgruppe dazu und versucht, sich zu integrieren. Riba hat sein Büro in Deutschland geschlossen und seine Frau verlassen, um seinen Moskauer Freund Viktor zu besuchen. Dieser will Riba den russischen Sommer zeigen und nimmt ihn mit nach Schipino.

Unerklärtes und Rätselhaftes geschieht

Die Gruppe in Schipino ist buntscheckig und heterogen, ihr Zusammenleben gestaltet sich keineswegs nur friedfertig. Was sie eigentlich in Schipino hält, bleibt bis zuletzt unklar. Unterschwellige Konflikte in der Gruppe brechen auf, es kommt zu Gewaltausbrüchen, ein Getreideforscher, der aus Schipino Ackerland machen möchte, verzweifelt an der Unfruchtbarkeit des Bodens und begeht Selbstmord. Eine seltsame, rätselhafte Frau, Lilja, kommt und geht, verschwindet wochenlang, taucht wieder auf, erkrankt, schweigt und erklärt sich nie. Von einer geheimnisvollen Mascha, die nie auftaucht, ist viel die Rede. Alle warten auf ihre Ankunft, als wäre sie eine Art Godot. Als im Herbst die meisten abreisen, überwintern allein Jan Riba und Lilja in Schipino. Aus Jan ist für die Gruppe inzwischen ein Iwan geworden. Im Frühjahr darauf kehren die anderen zurück. Der Roman lässt offen, ob Jan/Iwan für immer in Schipino bleiben wird.

Svenja Leibers Erzählton lässt dem Unerklärten und Rätselhaften viel (vielleicht zu viel) Raum. Offen bleibt, ob "Schipino" als Parabel oder als Aussteiger-Geschichte gemeint ist, ob es als privater Modellversuch einer deutsch-russischen Aussöhnung zu lesen ist oder eher die legendäre Weite Russlands mythisieren möchte. Solche Vieldeutigkeit wird manche Leser ratlos lassen.

Autorin: Sigrid Löffler
Redaktion: Petra Lambeck

Svenja Leiber: "Schipino". Schöffling Verlag. 201 Seiten. 18,95 Euro.