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Digitales Leben

Surfen auf der silbernen Welle

Die Generation der über 50-Jährigen strömt ins Internet. “Silver Surfer“ werden die Netz-Senioren genannt. Die Werbebranche hat sie längst als Zielgruppe entdeckt. Dabei ist der Weg ins WWW nicht immer leicht.

Die Rechner in dem schmalen, weiß gekachelten Raum surren monoton. Eine Frau im lila-farbenen Pullover sitzt mit konzentriertem Gesicht vor ihrem Monitor. Ihre Hand muss sich noch an die Maus gewöhnen. Heute wird die 63-Jährige zum ersten Mal allein ins Internet gehen. Mit ihr an den Tischen sitzen noch acht weitere Menschen, klicken verhalten, staunen, fluchen. Sie nehmen an dem Einsteigerkurs “EDV-Basiswissen für Senioren/innen“ teil, lernen in der Volkshochschule Dortmund das Internet kennen. Es ist ihre erste Stunde. Ihr Lehrer, Raimund Ulbrich, steht vorne und hebt eine Computer-Maus hoch, damit alle sie sehen können: “Lassen Sie die Finger ruhig auf den Tasten liegen, wie ich das mache.“ Mit viel Geduld erklärt er, wo man den Computer ein- und ausschaltet, was ein Arbeitsfenster und was ein Betriebssystem ist.

Auch der Umgang mit Maus und Tastatur wird geübt Copyright: DW/Laura Döing Dortmund, Februar, 2012

Der Umgang mit Maus und Tastatur ist reine Übungssache

“Wer hat denn überhaupt noch kein Internet zu Hause?“, fragt Lehrer Ulbrich. Drei der neun Kursteilnehmer strecken ihre Hände Richtung Decke. Die Frau im lila-farbenen Pullover gehört auch zu ihnen. Sie hat es allerdings schon bestellt.

Die Gruppe liegt damit über dem Deutschland-Schnitt. Denn laut einer ARD/ZDF-Onlinestudie nutzten 2011 lediglich 34,5 Prozent der über 60-Jährigen gelegentlich das Internet. Bei den 50 bis 59-Jährigen waren es weitaus mehr, nämlich 69,1 Prozent. Die Marketingbranche bezeichnet diese Menschen gerne als “Silver Surfer“ oder “Best Ager“. “Silver“ wegen der vermeintlich grau-silbernen Haare. Der letzte “Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland“, kurz “Altenbericht“, aus dem Jahr 2010 hält fest: “Der Anteil der älteren Menschen, die das Internet nutzen, ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.“ Zum Vergleich: 2000 nutzten gerade einmal 22,1 Prozent der 50 bis 59-Jährigen das Netz, bei den über 60-Jährigen waren es verschwindend geringe 4,4 Prozent. Kein Wunder, denn Senioren haben auf dem Weg ins WWW viele Hindernisse zu überwinden.

Eine neue Sprache lernen

Neben dem ungewohnten Umgang mit Maus und Co. wäre da zum Beispiel die Sprache: Software, Hardware, Update – viele ältere Menschen in Deutschland haben in ihrer Schulzeit nie Englisch gelernt. In der Welt von Internet und Computern gehören englische Begriffe allerdings zum Grundwortschatz.

Der Altenbericht merkt außerdem an: “Auch Altersbilder spielen eine Rolle: Das Internet hat ein Image als junges Medium für eine junge Generation. 'Alter' wird in diesem Kontext zu einer sozial konstruierten Etikette für die mediale Nichtnutzung; älteren Menschen wird pauschal ein medialer Analphabetismus unterstellt.“ Senioren sind zu alt für die digitale Welt? Das möchten die Kursteilnehmer aus Dortmund nicht auf sich sitzen lassen.

Lehrer Raimund Ulbrich erklärt einer Silver Surferin das Internet Copyright: DW/Laura Döing Dortmund, Februar, 2012

Geduld und Leidenschaft: Lehrer Raimund Ulbrich

Eine Dame im hellblauen Oberteil besucht den Internet-Kurs zusammen mit ihrem Mann. Sie ist 65 Jahre alt und zeigt ihrem drei Jahre älteren Gatten hin und wieder, wo er klicken muss, wenn sie schneller als er das gewünschte Suchergebnis findet. Lange Zeit dachte sie, sie käme ohne Internet aus. “Ich habe mich immer davor gedrückt, aber jetzt haben wir uns ein Herz genommen. Man kommt sich doof vor irgendwie – in der heutigen Zeit." Sätze wie "Warum bist du so doof und kannst das noch nicht“ möchte sie nicht mehr hören. Seit zwei Jahren besitzt sie bereits einen Laptop mit Internetzugang. Im Netz gesurft ist sie allerdings nie - sie wusste nicht wie. Doch nun habe sie gemerkt, dass es gar nicht ohne dieses Wissen gehe. Schnell mal der Nichte in England schreiben, online einkaufen – so will sie bald das Netz nutzen.

Die digitale Spaltung

Das Leben ist digital. Wer daran nicht teilhaben kann oder will, wird zum Außenseiter. Die Forschung beschreibt dieses Phänomen als “digitale Spaltung“. Gerade alte Menschen sind davon betroffen. Sie gehören nicht zu dem Teil der Bevölkerung, der von der fortlaufenden Digitalisierung der Gesellschaft profitiert. Denn viele von ihnen finden keinen Zugang. Im letzten Altenbericht heißt es: “Die digitale Spaltung stellt die Gesellschaft vor neue medienpolitische und medienpädagogische Herausforderungen: Der digitale Graben muss geschmälert, Medienkompetenz gefördert, medienspezifische Vorurteile abgebaut und Chancengleichheit geschaffen werden.“

Silver Surfer grübelt vor dem PC Copyright: DW/Laura Döing Dortmund, Februar, 2012

Diesen Blick kennt man auch von jungen Usern

Das gilt aber nicht für alle – immerhin ist ein Teil der Altersgruppe “50 plus“ auch in den Social Media zu finden. Laut ARD/ZDF-Online-Studie waren 2011 immerhin 10 Prozent der über 70-Jährigen in einer Onlinecommunity. Bei den 50 bis 69-Jährigen sind es noch mehr. Es gibt sogar extra auf Senioren zugeschnittene Plattformen wie Platinnetz.de, senioren-blogger.de oder Feierabend.de. Das sind Seiten mit Foren zum Austausch, Artikeln mit Informationen rund um das Alter und der Option, die Schrift der Seite zu vergrößern. Das ist sinnvoll für Senioren - und für die Werbebranche eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. Zielgruppengenau kann diese so ihre Produkte an die Senioren bringen. Feierabend.de lockt Unternehmen mit “7,6 Millionen Besuchern im Jahr 2010“, Werbung auf ihrer Seite zu schalten.  Mit 160.000 Mitgliedern sei Feierabend.de nach eigenen Angaben “Deutschlands führende Community für die 'Zielgruppe 50plus'“. Auch im Dortmunder Computerkurs können sich Teilnehmer vorstellen, soziale Netzwerke zu nutzen: “Warum nicht?“

Silver Surfer bei der Recherche mit Google Maps Copyright: DW/Laura Döing Dortmund, Februar, 2012

Recherche mit Google Maps

Am Ende des ersten Kurstages scheint keiner die digitale Welt wieder verlassen zu wollen: Alle klicken sich begierig von Seite zu Seite, schlagen Worte auf Wikipedia nach, suchen die Häuser ihrer Bekannten auf Google-Maps. Fünf Kurstage noch, dann werden sie richtige “Silver Surfer“ sein. “Jetzt wird er nicht mehr viel an den Laptop kommen. Jetzt sitze ich immer davor“, sagt die Dame im hellblauen Oberteil zu ihrem Mann und lacht.

Autorin: Laura Döing
Redaktion: Silke Wünsch

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