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Aktuell Nahost

Sunnitische Extremisten im Irak auf dem Vormarsch

Bagdad verliert die Kontrolle über das Land. Erstmals nehmen sunnitische Extremisten die Stadt Mossul im Norden Iraks ein. Tausende Menschen flüchten. Der Regierungschef fordert die Bürger zum bewaffneten Widerstand auf.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat das Parlament in Bagdad aufgerufen, über die von islamistischen Extremisten übernommenen Stadt Mossul den Notstand zu verhängen. Dort haben sich seit Dienstagvormittag sämtliche Regierungstruppen zurückgezogen, die Rebellen der Miliz Islamischer Staat im Irak und Levante (ISIL) haben die Hauptstadt der Provinz Ninive eingenommen. Die Provinz Ninive befindet sich zudem nach der Einnahme von Mossul komplett unter Kontrolle von 3000 ISIL-Kämpfern.

Der Ministerpräsident fordert seine Landesleuten zudem auf, sich den "Terroristen" entgegenzustellen. Er rief die Bevölkerung zum Widerstand auf. Wer sich freiwillig melde, werde von der Regierung bewaffnet, sagte er. Der Parlamentspräsident Ussama al-Nudschaifi teilte mit, dass die Rebellen nun in die Nachbarprovinz Salaheddin "einfallen" wollten. Regierungschef al-Maliki bat auch die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Von den Vereinten Nationen, der Arabischen Liga und der Europäischen Union verlangte er, den Irak im Kampf gegen den Terror zu unterstützen.

Die sunnitischen Extremisten kontrollieren seit Jahresbeginn bereits Gebiete der westlichen Provinz Al-Anbar. Dort liefern sie sich immer wieder heftige Gefechte mit Regierungstruppen. Zudem hatte ISIL Anfang des Jahres zeitweise die Stadt Falludscha übernommen und sich dabei zahlreicher Waffen der Regierungstruppen bemächtigt. Die Extremisten gehören zu den radikalsten Sunnitengruppen, die im arabischen Raum einen Gottesstaat errichten wollen. ISIL hat mittlerweile durch den Konflikt im benachbarten Syrien in den nördlichen Provinzen des Bürgerkriegslandes eine Rückzugszone, wo sie Zugang zu Waffen bekommt.

Eine halbe Million Menschen auf der Flucht

Mossul gilt als Vielvölkerstadt. In der zweitgrößten Stadt des Landes leben neben sunnitischen Arabern auch Kurden, sowie assyrische Christen und Turkmenen. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) befinden sich rund 500.000 der etwa drei Millionen Einwohner Mossuls auf der Flucht. Viele seien zu Fuß unterwegs, da ihnen verboten worden sei, ihre Fahrzeuge zu benutzen. Selbst der Gouverneur der Provinz Ninive Ahtil al-Nudschaifi konnte den Milizionären nur knapp entkommen, wie er dem Nachrichtensender Al-Arabija mitteilte.

Nach Berichten des Internetportals "Sumaria News" haben die ISIL-Kämpfer zudem 1400 Hälftlinge aus den Gefängnissen in Mossul freigelassen. Flughafen, mehrere Regierungsgebäude sowie zwei Fernsehsender befinden sich unter der Kontrolle der ISIL-Miliz.

Veränderte Machtbalance

Der Kampf zwischen ISIL-Milizionären und Regierungstruppen verläuft vor dem Hintergrund der verschobenen Machtverhältnisse seit dem Ende des Irak-Einsatzes der USA und dem Ende der Diktatur von Saddam Hussein. Sunniten hatten während der Regierungszeit Saddam Husseins gute Aufstiegschancen in Armee und Verwaltung. Seit dem Ende der Diktatur fühlen sie sich von der Schiitenmehrheit diskriminiert und bedroht. Die Regierung wird von Schiiten dominiert; auch bei den vergangenen Parlamentswahlen hatte das Wahlbündnis des schiitischen Ministerpräsidenten al-Maliki gewonnen. Der Regierungschef gilt wegen seines autoritären Führungsstils als umstritten.Bei Kämpfen zwischen ISIL-Milizionäre und Regierungstruppen sowie bei Anschlägen in der Hauptstadt Bagdad sind nach UN-Angaben allein im Jahr 2013 ungefähr 8900 Menschen getötet worden.

zam/wl (dpa, afp)