1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Suliman: "Tanzen nach der Pfeife des Emirs"

Der langjährige Berlin-Korrespondent des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera hat gekündigt. Nun spricht Aktham Suliman mit der Deutschen Welle über die politische Einflussnahme der katarischen Regierung.

DW: Sie kritisieren die mangelnde Professionalität bei Al Jazeera und haben ihren Posten als Berlin-Korrespondent des Senders deshalb gekündigt. Verfolgt Al Jazeera denn eine Agenda?

Aktham Suliman: Ich muss sagen: Ich kritisiere die inzwischen fehlende Professionalität von Al Jazeera. Als ich 2002 bei Al Jazeera angefangen habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass es dort an Professionalität mangelt. Im Gegenteil: Ich hatte den Eindruck, dass man dort sehr viel Professionelles erleben und mitnehmen kann. Das heißt: Natürlich gibt es grundsätzliche Probleme, langjährige Probleme, aber in den letzten zwei Jahren hat Al Jazeera wirklich sehr nachgelassen, was Professionalität angeht.

Hat das mit einer Agenda zu tun? Das ist eine politische Frage. Kann sein, dass eine Agenda dahinter steckt. Aber die macht natürlich keiner erkennbar. Nur: Wer professionell ist, kann auch mit einer Agenda umgehen. Wenn die Mitarbeiter, wenn die Chefredaktion, wenn die Besitzer eine hätten und versuchten, sie durchzusetzen, dann sorgt die Professionalität dafür, dass das nicht auf Kosten der Qualität des journalistischen Produktes passiert.

Aber genau das war nicht der Fall, als offensichtlich versucht wurde, die Agenda des Staates Katar bei Al Jazeera durchzusetzen. Genau das ist das Problem: Fehlende innere Strukturen, die immun machen gegen den vermutlichen Versuch seitens des Besitzers, seitens der Chefredaktion, sich auf politische Art und Weise einzumischen, wo man lieber hätte journalistisch agieren müssen.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Libysche Rebellen in Bani Walid im September 2011 (Foto: DAPD)

Libysche Rebellen in Bani Walid im September 2011

Das wichtigste Beispiel ist der Konflikt in Libyen. Natürlich ist Muammar al-Gaddafi ein Diktator gewesen. Natürlich war er ein Herrscher, der allzu lange geherrscht hatte. Natürlich gab es im libyschen Volk den Wunsch, ihn loszuwerden – das ist alles klar. Genauso klar ist aber, dass die Tötung eines Diktators, wie es mit Gaddafi geschehen ist, aus menschenrechtlichen Gründen absolut inakzeptabel ist – Revolution hin oder her. Aber genau das wird nicht betont. Das heißt: Man betont die Notwendigkeit einer Revolution in Libyen, die Menschlichkeit der Revolutionäre, aber man verschweigt den Mord an einem Diktator.

Was uns genauso bedenklich stimmen sollte: Nicht nur Muammar al-Gaddafi wurde umgebracht. Viele Menschen wurden danach umgebracht. Übrigens ist auch derjenige, der Muammar al-Gaddafi erschossen hat, inzwischen von einer anderen Gruppe von Revolutionären umgebracht worden. Das ist die eigentliche Atmosphäre in Libyen. Aber genau das sehen Sie bei Al Jazeera von heute nicht. Und das ist nicht professionell.

Auch in Syrien ist die Gesellschaft gespalten. Es gibt die Pro-Assad-Leute und die Anti-Assad-Leute. Wenn man aber eine Seite zum Massenmörder macht, und die andere nur hervorhebt, um sie zu segnen, schürt man einen Konflikt, statt die Situation anständig und ausgewogen darzustellen. Es gibt Morde auf beiden Seiten, es gibt Ungerechtigkeiten auf beiden Seiten, und es gibt gute Dinge auf beiden Seiten. Aber das sieht man bei Al Jazeera nicht. Mein Problem bei Al Jazeera war und ist: Wenn ich die Syrien-Berichterstattung sehe, verstehe ich nicht wirklich, was in Syrien los ist. Und das ist das erste, das ich von einem journalistischen Produkt erwarte.

Journalisten arbeiten in einem Newsroom von Al Jazeera (Foto: DPA)

Al Jazeera wird vom Emirat Katar finanziert und gilt als einflussreichster arabischer Satellitensender.

Wie erklären Sie sich denn diese Entwicklung bei Al Jazeera?

Man merkt, dass es sich bei diesen Fällen um Regierungen handelt, die bei den Herrschern von Katar in Ungnade gefallen sind. Libyen, Syrien und der Jemen zum Beispiel. Andere Länder, zum Beispiel Jordanien und Bahrain, erleben zwar ähnliche Phänomene, also Aufstände und Proteste gegen die Herrscherklasse. Sie werden aber medial viel weniger begleitet. Und hier merkt man, dass das der Außenpolitik des Staates Katar entspricht. Das ist gravierend, weil unser Stolz bei Al Jazeera war, dass wir immer gesagt haben: Wir werden von Katar finanziert, dieser Staat mischt sich aber nie in die Berichterstattung ein. Jetzt haben wir auf einmal den Fall, dass unsere Berichterstattung haargenau der Außenpolitik von Katar entspricht.

Im Falle von Syrien hat Al Jazeera in den ersten Wochen des Aufstandes kaum darüber berichtet, so dass ich mit anderen Mitarbeitern intern bei Al Jazeera protestiert und gesagt habe: Es gibt Ereignisse in Syrien, über die wir berichten müssen, egal, wie wir dazu stehen. Damals aber hat der Herrscher von Katar versucht, den syrischen Präsidenten umzustimmen und auf bestimmte politische Reformschritte einzuschwören. Als Baschar al-Assad nicht reagierte, hieß es bei Al Jazeera: Jetzt los auf Syrien! Es ist kein schönes Gefühl, wenn man den Eindruck hat, kein Journalist mehr zu sein, sondern praktisch ein beißender Hund, der je nach dem Pfeifen seines Herrschers einen Staat oder eine Führung anzugreifen oder nicht anzugreifen hat. Das ist wirklich sehr extrem gewesen: dieses lange Schweigen am Anfang und dann die wilde Einmischung danach – immer nach der Pfeife des Herrschers von Katar.

Al Jazeera wird von der katarischen Herrscher-Familie finanziert, der Konkurrenz-Sender Al Arabiya von saudischen Investoren. Ähnelt sich die Berichterstattung? Oder ist zu erkennen, dass die beiden Sender unterschiedliche politische Gruppen unterstützen?

Im Großen und Ganzen agiert der arabische Golf in Sachen arabischer Frühling ähnlich. Ob Saudi-Arabien, ob Katar – das Interesse ist, solche Aufstände dahin gehend zu kontrollieren, dass sie keine Gefahr für die Golfstaaten darstellen und dass bestimmte Gruppen an die Macht kommen. Hier unterscheiden sich die Ansätze aber ein bisschen: Die Saudis sind mehr für die Salafisten, die sie finanzieren und bewaffnen, und die Kataris sind mehr für die Muslimbruderschaft, die wiederum von ihnen finanziert und bewaffnet wird. Aber im Großen und Ganzen ist die arabische Medienlandschaft sehr eintönig.

Gibt es in Katar denn eine ernstzunehmende Opposition?

Der Emir von Katar mit Ismail Haniyeh in Gaza (Foto: Reuters)

Der Emir von Katar versucht, an politischen Einfluss zu gewinnen

Es gibt nicht einmal eine ernstzunehmende Regierung, geschweige denn eine Opposition. Politik, wie Sie Politik verstehen – also Pro und Contra, Interessengruppen, Instanzen, ob demokratisch oder diktatorisch – das alles gibt es am Golf nicht. Weder in Katar, noch in Saudi-Arabien, Bahrain oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Golf-Staaten haben Herrscher, die seit Jahrzehnten, teilweise seit Jahrhunderten nach dem Erbschaftsprinzip herrschen.

Wie beurteilen Sie denn die deutsche Berichterstattung über die Golfstaaten?

Katastrophal, skandalös, unverzeihlich. Natürlich bin ich als deutscher Politiker, als westlicher Politiker den wirtschaftlichen Interessen meines Landes verpflichtet. Aber warum tun die Journalisten das? Es ist äußerst selten, dass in den deutschen Medien kritisch über Saudi-Arabien oder Katar berichtet wird. Selten wird thematisiert, dass man in Saudi-Arabien sogar auf der Straße eine Drehgenehmigung braucht und wie es um die Menschenrechtslage in diesen Ländern steht.

Es ist auch in deutschen Medien kaum erwähnt worden, dass es dort eine regelrechte Sklaverei gibt. Asiatische Arbeiter gehen in diese Länder, arbeiten einige Jahre in Katar, Saudi-Arabien oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und kehren dann nach Hause zurück – oft als Wrack. Die Frauen kommen oft schwanger zurück nach Hause. Diese Menschen können 50 Jahre am Golf verbringen und werden trotzdem nie die Staatsbürgerschaft bekommen. Das sind unglaubliche, unmenschliche Zustände – und das wird nicht einmal erwähnt. Stattdessen wird in längeren Reportagen im deutschen Fernsehen thematisiert, welcher Emir in irgendeinem Land wie viele Oldtimer und wie viele Schlösser besitzt. Das ist skandalös, unglaublich und unverzeihlich.

Aktham Suliman war zehn Jahre lang Berlin-Korrespondent für den panarabischen Nachrichtensender Al Jazeera. Er arbeitet als freier Journalist.

Das Interview führte Anne Allmeling.

WWW-Links