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Deutschland

Sudetendeutsche lösen sich von der Heimat

Die sudetendeutsche Landsmannschaft korrigiert ihren Kurs. Die "Wiedergewinnung der Heimat" ist als Ziel gestrichen. 70 Jahre nach Kriegsende könnten sich die deutsch-tschechischen Beziehungen weiter normalisieren

Sie gelten als die Generation der Unbefangenen. Die Enkel der nach 1945 vertriebenen Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei und dem heutigen Tschechien. Sie wollen, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Dialog mit den Tschechen, aber sie bezeichnen ihr Sudetenland immer noch als ihre Heimat, deren Wiedergewinnung sie in den Statuten ihrer Landsmannschaft festgeschrieben hatten. Von diesem Ziel haben sich die Nachgeborenen der Vertriebenen nun verabschiedet. Der „Rechtsanspruch auf die Heimat“ ist gestrichen. Eine echte Zäsur in den Reihen der Vertriebenenverbände.

Eine Nachricht, die der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek mit den Worten kommentierte, dies sei "keine Überraschung", sondern vielmehr "eine der Voraussetzungen für eine Verbesserung der Beziehungen“. Tatsächlich entsprach das Ziel der Sudetendeutschen nach Wiedererlangung ihrer verlorenen Heimat schon lange nicht mehr den politischen Realitäten.

63. Sudetendeutscher Tag

Einmal im Jahr in Tracht: Sudetendeutsche Frauen am Tag der Vertriebenen.

Anders als die Einigungen zwischen der alten Bundesrepublik und der damaligen Sowjetunion und auch mit Polen waren die deutsch-tschechischen Beziehungen wegen der umstrittenen Sudetenfrage bis weit nach dem Ende des Eisernen Vorhangs bestimmt von Misstrauen und gegenseitigen Vorwürfen. Von Aussöhnung keine Spur. Das lag nicht nur an der Prager Politik, die bis heute an den Benesch-Dekreten festhält, sondern auch an der der Vertriebenenverbände. Ein Teil von diesen stand jahrzehntelang in dem Ruf, revanchistisch, völkisch oder sogar rechtsextrem zu sein.

Annexion und Vertreibung

Rund drei Millionen Deutsche verloren nach 1945 ihre Heimat in der westlichen und nördlichen Tschechoslowakei. Deren Vorfahren hatten schon seit dem Mittelalter in Böhmen und Mähren gesiedelt. Viele Tschechen betrachten die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg als gerechte Strafe für die Verbrechen des Nazi-Regimes. Hitler-Deutschland hatte 1938 die sudetendeutschen Gebiete annektiert und ein Jahr später den Rest des heutigen Tschechien besetzt. Das alles war sogar im Münchener Abkommen von 1938 penibel geregelt.

Deutschland Frankreich Edouard Daladier Münchner Konferenz 1938

Frankreichs Aussenminister Edouard Daladier bei der Münchner Konferenz 1938

Unter anderem attestiert von den Außenministern Großbritanniens und Frankreichs, die in völliger Verkennung der Kriegsabsichten Hitlers darin einen Vertrag zur Sicherung des Friedens sahen. Noch 1992, während der Unterzeichnung des Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrages zwischen Bonn und Prag, wurde Bundeskanzler Helmut Kohl von einer wütenden Menge auf der Prager Burg empfangen, die ihm, "Verrat“, "Schande“ und "Heim ins Reich“ entgegenschrien. Keine Frage: Die Tschechen hatten den Deutschen die Annexion auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Münchener Abkommen nicht verziehen.

Mit der totalen Niederlage Hitler-Deutschlands 1945 begann die Zeit der Rache. In Nordböhmen wurden im Juni 1945 rund 2.200 sudetendeutsche Männer zusammengetrieben und umgebracht. Es gibt zahlreiche Belege für sogenannte "wilde Übergriffe“ der tschechischen Bevölkerung. In der Folge führte das zum nahezu kollektiven Auszug der Deutschen bzw. zu deren aktiven Vertreibung aus ihrer Heimat. Die, die damals die Zivilbevölkerung mit dem Leben bedrohten oder sie zur Flucht nötigten, wurden und werden bis heute durch die sogenannten Benesch-Dekrete geschützt.

Die Benesch-Dekrete

Edvard Benesch, damaliger tschechoslowakischer Präsident, hatte nicht nur Aktionen der Widerstandsgruppen gegen die NS-Okkupatoren amnestiert, sondern auch Verbrechen von Tschechen an Deutschen bei der Vertreibung straffrei gestellt. Obwohl die Dekrete bis heute nicht offiziell aufgehoben sind, hat die tschechische Regierung im deutsch-tschechischen Vertrag von 1992 erstmals den Begriff "Vertreibung“ in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag akzeptiert. Eine wichtige Zäsur im belasteten deutsch-tschechischen Verhältnis.

Die Annäherung Prags an die Sudetendeutschen wurde auch 2010 offenkundig, als während eines Besuchs des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der tschechischen Hauptstadt ein weiteres Tabu gebrochen wurde. Mitten zur besten Sendezeit strahlte das tschechische Fernsehen eine einstündige Dokumentation über Massenmorde an deutschen Zivilisten nach 1945 aus. Genau diese Auseinandersetzung der Tschechen mit ihrer Vergangenheit hatten die Sudetendeutschen jahrzehntelang gefordert.