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Welt

Sudan - Teilung ohne Frieden?

Nach der Unabhängigkeit des Südens könnten die Spannungen zwischen Nord- und Südsudan zu einem neuen Krieg führen. Strittig sind die Zugehörigkeit der Grenzregionen und die Aufteilung der Öl-Einnahmen.

Ein Mensch mit rotem T-Shirt trägt die südsudanesische Flagge (Foto: Simone Schlindwein)

Menschen im Südsudan feiern die Unabhängigkeit

Seit dem 9. Juli 2011 ist Juba in Südsudan etwas ganz Besonderes: die jüngste Hauptstadt der Welt. Hier hat die Republik Südsudan am 9. Juli ihre Unabhängigkeit erklärt, und damit das bislang größte Land des afrikanischen Kontinents in Nord und Süd geteilt. Aber die vielen offenen Fragen, wie die Zugehörigkeit der Grenzregion Abyei, die Aufteilung der Öl-Einnahmen, die Verteilung der Schulden und besonders die Festlegung der Grenzen, sind noch offen. Das hat in der letzten Zeit für zahlreiche Gefechte an der Grenze zwischen Nord und Süd gesorgt. Denn was viele Beobachter seit langem befürchtet haben, ist eingetreten: Kurz vor der Unabhängigkeit des Südsudans tobten heftige Gefechte zwischen Truppen aus dem Norden und dem Süden, besonders in den Gebieten an der Nord-Süd-Grenze, wie Abyei und Südkordofan.

Einverständnis der Volksgruppen

Ende Mai 2011 hatte die Regierung des Nordens die ölreiche Region Abyei besetzt. Sie wird von beiden Seiten beansprucht. Und obwohl der UN-Sicherheitsrat entschieden hat, diese Region zu entmilitarisieren, ist es noch nicht klar, ob die Blauhelme die Waffenruhe einhalten können. "Nicht nur die Regierungen des Nordens und des Südens sind Teil des Konflikts, sondern auch die Volksgruppen der Misseriya aus dem Norden und der Dinka-Ngok aus dem Süden", meint Faisal Mohamed Salih, Sudanexperte aus Khartum. "Wenn die Regierungen sich einigen ohne das Einverständnis dieser Volksgruppen, dann wird die Einigung nicht umgesetzt", führt er fort.

Frauen sitzen auf Betten (Foto: Simone Schlindwein)

Rückkehrer aus dem Norden

Die Besetzung Abyeis hat vor allem dazu geführt, dass Tausende von Menschen aus der Region in den Süden geflohen sind. Zusätzlich werden bis Ende des Jahres mehr als Hunderttausend aus dem Norden erwartet. Sie kommen alle mit großen Erwartungen und hoffen, in Sicherheit leben zu können. Dabei kann der Süden nicht viel anbieten, denn er muss seine Infrastruktur erst aufbauen. Alles muss aus dem Boden gestampft werden. Nach 50 Jahren Krieg mit dem Norden gibt es kaum Straßen, keine funktionierende Wasserversorgung, wenig Elektrizität und nur schwache Dienstleistungen. Trotzdem gibt es Hoffnung für die Zukunft. "Die Regierung wird hart arbeiten, um ausländische Investitionen ins Land zu bringen", meint die Journalistin Josephine Achiro aus Juba, die die Probleme im Südsudan nur zu gut kennt. Sie ist fest überzeugt, dass die Menschen das fruchtbare Land bearbeiten werden und dass sie mit Hilfe der Öl-Einnahmen "für einen Neubeginn bereit sind".

Ethnische Diskriminierung

Auch in Süd-Kordofan, an der Grenze zum Südsudan, sind Anfang Juni Gefechte zwischen der nordsudanesischen Armee und der sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLM) ausgebrochen. In der Region, die zum Norden gehört, leben sowohl die afrikanischen Nuba- und Dinka-Volksgruppen als auch verschiedene arabisch-stämmige Volksgruppen. Die Nuba und Dinka haben jahrelang auf der Seite des Südens gekämpft. Deswegen ist das Misstrauen in Khartum ihnen gegenüber groß. "Die kulturellen Unterschiede sind Kern des Problems und diese Region (Süd-Kordofan) ist lang unterentwickelt geblieben", meint Kahlid Abdu Dahab vom panafrikanischen Parlament, einer Unterorganisation der Afrikanischen Union. Er glaube, dass "diese Volksgruppen, die die Mehrheit in der Region sind, eigene Bedürfnisse und Anforderungen haben". Nach Dahab sind sie bis jetzt vernachlässigt worden, weil "es auch ein ethnisches Problem gibt".

Jungen im Südsudan mit Trachten, Schild und Speeren (Foto: Simone Schlindwein)

Traditionelle Tänzer mit Schildern

Gerade die ethnische Diskriminierung der dunkelhäutigen Volksgruppen wird als Ursache der Konflikte gesehen. Sie wollen religiös, ethnisch und kulturell gleichberechtigt werden. Ungerechtigkeit hat dazu geführt, dass die Entwicklung in beiden Teilen des Landes sehr unterschiedlich war. Man braucht sich nur "die Unterschiede zwischen Nord und Süd anzugucken", meint die Journalistin Achiro, um zu verstehen, wie es gelaufen ist: "Beide sehen so aus, als ob sie schon immer unabhängig von einander waren, sogar schon vor der Unterzeichnung des Friedensabkommens 'Comprehensive Peace Agreement'."

Teilung gegen Frieden

Auch die Verteilung der künftigen Öl-Einnahmen ist noch strittig. Vor kurzem hatte Präsident Al-Baschir gedroht, die Öl-Pipelines zu schließen, sollte das bestehende Ölverteilungsabkommen nicht fortgesetzt werden. Das Abkommen sieht eine fünfzig-fünfzig Teilung vor: Das bedeutet, eine Hälfte der Öl-Einnahmen soll für die Nutzung der Pipelines an den Norden fließen. Ob der Süden aber tatsächlich bereit ist, die Hälfte seiner Öl-Einnahmen an den Norden abzugeben, bleibt eine entscheidende Frage. Eine schwierige Situation, weil Öl die einzige Einnahmenquelle des Südsudan ist.

Zwei Flaggen mit einem Barrel Öl (Grafik: Fotolia /DW Per Sander)

Die Verteilung der Öl-Einnahmen bleibt strittig

Inzwischen haben Nord und Süd ein Abkommen erreicht, wonach die Kämpfer der Volksbefreiungsarmee (SPLM) in Süd-Kordofan in die nordsudanesische Armee und andere Sicherheitsbehörden integriert werden. Die SPLM soll auch als legale Partei politisch aktiv werden.

Inwieweit das Abkommen zum Frieden führen wird, bleibt abzuwarten. Selbst Nordsudanesen wie Khalid Abdu Dahab sind desillusioniert, denn die "Bevölkerung hat geglaubt, dass sie die Teilung des Sudans gegen Frieden austauschen kann". Für ihn scheint die Lage sich anders zu entwickeln: "Wir haben einen Teil des Sudan verloren und wir bekommen keinen Frieden. Das ist gefährlich." Und eine Rückkehr zum Krieg wäre für den Sudan verheerend und hätte zur Folge, dass noch mehr Menschen in die Nachbarländer, nach Kenia und Äthiopien, fliehen würden.

Autorin: Lina Hoffmann
Redaktion: Katrin Ogunsade

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