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Kultur

Suche nach den verlorenen Nazi-Schätzen

Die "Monuments Men" spürten sie auf: die von Nazis geraubte Kunst. Während des Zweiten Weltkriegs kümmerte sich eine US-Spezialeinheit um europäisches Kulturgut. Auch Hollywood ist jetzt auf den Stoff gestoßen.

Bald wird das Thema in aller Munde sein. George Clooney sei Dank. Der populäre US-Star erregt mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film in Deutschland großes Aufsehen. Überall dort, wo das Team um Clooney auftaucht, im Harz, in Görlitz und Berlin, herrscht reges Medieninteresse. Die Fans versuchen, einen Blick auf den Star zu erhaschen. Die Geschichte, die der US-Amerikaner erzählt, ist Historikern und Kunstexperten seit langem bekannt.

Der amerikanische Schauspieler George Clooney steht in Berlin am Set seines Filmes The Monuments Men (Foto: Paul Zinken/dpa)

Clooney (2.v.r.) bei den Dreharbeiten in Berlin

Es ist die Geschichte der von den Nazis geraubten Kunst und ihrer Wiederentdeckung in den letzten Kriegsmonaten. Eine Handvoll mutiger Männer suchte damals nach Kunst von unschätzbarem Wert: die sogenannten "Monuments Men". Man darf sicher sein, dass Clooney und seine Mitstreiter, unter anderem Matt Damon und Cate Blanchett, daraus einen Film basteln werden, der das historische Sujet einem breiteren Publikum schmackhaft macht.

Parallelen zur Gegenwart

Dabei ist die Geschichte der "Monuments Men" nicht nur eine der historischer Forschung und Kunstgeschichte. Gemälde und Skulpturen werden während kriegerischer Auseinandersetzungen geraubt. Das war immer schon so und es ist heute noch so. Darauf weist der Amerikaner Robert M. Edsel in seinem Buch "Monuments Men" hin. Edsel zieht Parallelen zwischen den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und dem Irak-Krieg 2003.

Leutnant General Omar N. Bradley, Leutnant General George S. Patton Jr., und General Dwight D. Eisenhower besichtigen die von den Deutschen geraubten Kunstschätze in der Mine von Merkers (Foto: Residenz Verlag/National Archives and Records Administration College Park, MD) April, 1945, Merkers Bild (samt Rechte) geliefert von DW/Jochen Kuerten: Ich habe alle Rechte eingeholt. Sie sind nur zu nutzen im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über das Buch und bei Nennung der einzelnen Rechteinhaber.

General Eisenhower (vorne) inspiziert geraubte Kunstschätze in der Mine von Merkers

Angesichts der Leiden der Zivilisten, Kinder und Frauen, erscheint die Zerstörung materieller Güter vielen Menschen zweitrangig. Doch "was ist, wenn wir den Krieg gewinnen, aber die letzten 500 Jahre unserer Kulturgeschichte verlieren?" fragte George Stout, der Chef der "Monuments Men", zu Beginn seiner Mission 1944. Diese Frage hatte wohl auch der amerikanische Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower im Kopf, als er den Erhalt der europäischen Kulturgüter zu einem Kriegsziel erhob.

Die Aufgabe: Kunst und Kultur retten

Als die alliierten Truppen in Italien und der Normandie begannen die Deutschen zurückzudrängen, waren unter den hunderttausenden Soldaten auch ein paar "Monuments Men". Die kleine Spezialeinheit hatte nur eine Aufgabe: Sie sollte bedrohtes Kulturgut schützen und geraubte Kunst aufspüren und sicherstellen. Die Nazis, die bei ihrem Rückzug von den Fronten teilweise eine Taktik der "verbrannten Erde" betrieben, nahmen keine Rücksicht auf kulturgeschichtlich wertvolle Bauwerke. Aber auch die Bombenangriffe der Alliierten und plündernde Soldaten waren eine Gefahr für das reiche europäische Kulturerbe.

Walker Hancock (links vorne) hilft Einwohnern der belgischen Stadt La Gleize bei der Bergung der Skulptur Madonna von La Gleize (Foto: Residenz Verlag/Walker Hancock Collection)

Der Monuments Men Walker Hancock (links vorne) bei der Bergung der Skulptur "Madonna von La Gleize"

Hinzu kam der Raub von hunderttausenden Gemälden und Skulpturen aus Museen, Kirchen und privaten Sammlungen durch die sammel- und raffgierigen Nationalsozialisten. Zur Einheit der "Monuments Fine Arts, and Archives Section", kurz Monuments Men, gehörten 350 Frauen und Männer. Es waren vor allem Amerikaner, auch ein paar Briten, Franzosen, ausgewanderte Deutsche. Die meisten hatten eine künstlerische Ausbildung, es waren Museumsfachleute dabei, Restauratoren, Architekten, Archivare. Ihre Arbeit war mühsam. In all den Wirren des Krieges, inmitten des Invasionschaos, war ihre Arbeit lebensgefährlich.

"Vorsicht Minen!"

Zunächst ging es vornehmlich um die Registrierung von Baudenkmälern. Die alliierten Soldaten nahmen keine Rücksicht auf Kunst und Kultur, auch nicht, als sich die Nazis schon zurückgezogen hatten. Dagegen gingen die Monuments Men vor. Sie halfen sich auch mit Tricks. Wenn ihre Absperrbänder mit der Inschrift "Baudenkmal - Betreten verboten" nichts halfen, dann wurde auch einmal ein Schild "Vorsicht Minen!" aufgestellt. Das wirkte. Viele Kirchen und Schlösser, vor allem im Norden Frankreichs, aber auch in Belgien und Holland, konnten so vor der Zerstörung gerettet werden.

In den letzten Tagen ihrer Besatzung hätten die Deutschen regelrecht gewütet, schreibt Robert Stout im August 1944 in einem Brief an seine Frau: "Von hier aus erscheinen sie nicht mehr als ein unschuldiges Volk mit kriminellen Führern. Sie erscheinen alle als Kriminelle." Das wurde dann besonders deutlich, als die Monuments Men in den letzten Kriegswochen auf die zahlreichen Depots stießen, in denen die Nazis geraubte Kunst gehortet und versteckt hatten. Meist in Salz-Minen und stillgelegten Bergwerken, aber auch in Schlössern und Burgen, hatten die kunstversessenen Naziführer Bilder von Leonardo da Vinci und Vermeer, Rembrandt und Michelangelo gelagert. Europäische Kulturschätze von unschätzbarem Wert befanden sich damals unter der Erde.

Späte Rückgabe

Die Depots wurden von den Monuments Men aufgespürt, die Kunstwerke aus den Stollen gehievt und in zentrale Sammellager gebracht. Dort wurden sie in den ersten Nachkriegsjahren an Museen übergeben. Dass das in vielen Fällen nicht die wahren Eigentümer waren, dass Bilder und Skulpturen zuvor vor allem jüdischen Besitzern entwendet worden waren, das ging in diesen Jahren unter. Erst Jahrzehnte später, nach dem Fall des eisernen Vorhangs, bemühte man sich um die Rückgabe vieler Kunstwerke an die wahren Besitzer oder deren Nachkommen.

Ein Filmset ist in Berlin vor der Paris Bar errichtet. Dort dreht der amerikanische Schauspieler George Clooney Szenen seines Films The Monuments Men (Foto: Paul Zinken/dpa)

Die Berliner "Paris Bar" wird zum Schauplatz von George Clooneys Film "The Monuments Men"

Die Geschichte, die der Amerikaner Robert M. Edsel in seinem nun auch in Deutsch vorliegenden Buch erzählt, und die George Clooney gerade in Deutschland zu einem Film macht, liegt lange zurück. Sie war nie vergessen. Sie wird jetzt aus amerikanischer Sicht erzählt. Ein paar Fakten werden dabei unterschlagen. Zum Beispiel, dass es auch viele Deutsche waren, die mithalfen, die geraubte Kunst zu sichern. Manchmal bedarf es aber eines populären Ansatzes, um historische Vorgänge ins Bewusstsein zu bringen. Robert Edsel hat das mit seinem Buch "Monuments Men" wirkungsvoll getan. George Clooney wird der spannenden historischen Geschichte zu noch mehr Popularität verhelfen, wenn sein Film im Januar 2014 in die Kinos kommt.

Zum Weiterlesen: Robert M. Edsel (mit Bret Witter): Monuments Men - Die Jagd nach Hitlers Raubkunst, Residenz Verlag, 542 Seiten, ISBN 978-3-7017-3304-0.

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