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Wissen & Umwelt

Succow: "Moore erhalten um unser selbst willen"

Moore sind immens wichtig für den Klimaschutz. Sie bedecken drei Prozent der Erde, speichern aber doppelt so viel Kohlenstoffdioxid wie alle Wälder zusammen. Michael Succow plädiert daher für den Erhalt der Moore.

Deutsche Welle: Herr Professor Succow, was erwarten Sie vom Weltklimagipfel in Paris?

Michael Succow: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es fällt mir schwer, dass in einer verdorbenen Welt, in der Gier, Unvernunft, Dummheit und Verantwortungslosigkeit herrschen und die Konferenzen immer wieder scheitern ließ, jetzt zu glauben, dass ein Konsens erreicht werden kann.

Andererseits wird man nur aus Katastrophen klug. In heißen Ländern werden Lebensräume gerade irreversibel zerstört. Diese Beispiele zwingen dazu, irgendwie einzulenken. Und Europa, China und auch die USA haben begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Schlussendlich kann jeder Einzelne dazu beitragen, den Klimawandel aufzuhalten.

Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?

Ich habe einen ökologischen Garten. Ich mulche meine Beete mit Kompost aus Grünschnitt und Laub. Das sind Stickstoff- und Kohlenstofflieferanten. Es bleibt alles im System, und die Humusschicht ist schon auf das Vierfache angewachsen. Ich habe auf einem Quadratmeter achthundert Regenwürmer, weil der Boden ohne Dünger und Pflanzenschutzmittel gesunde Früchte und Nahrungsmittel hervorbringt. Ich brauche die Agrarchemie nicht.

Wie sieht denn Ihr ökologisches Weltbild aus?

Wir müssen mit der Natur leben. Und das können wir nur mit Sonne und der Photosynthese schaffen. Die organische, energiereiche Substanz aus Kohlenstoff und Mineralien der Pflanzen wird - wenn sie abstirbt - von Destruenten zersetzt. Dazu zählen Bakterien, Pilze und Abfallfresser wie Regenwürmer. Der Humus, der daraus entsteht, ist die Basis für unsere gesamte Kulturlandschaft.

Moor in Fochteloërveen, Niederlande (Foto: Colourbox).

Idyllisch und unheimlich: Fochteloërveen, Niederlande

Außerdem sind die Moore das zweite Prinzip der Natur. Hier wird die organische Substanz unter Sauerstoffabschluss in einem Sumpf-Ökosystem zersetzt. Es kommt zur Fossilisierung. Torf entsteht, daraus Braun- und zuletzt Steinkohle.

Seit der Industrialisierung haben wir Menschen etwas gemacht, was die Natur nicht vorgesehen hat: Wir haben die in zig Millionen Jahren entstandenen organischen Ablagerungen als Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas entdeckt. Und wir dachten, die Welt mit diesem Energieüberfluss beglücken zu können.

Natürliche Moore akkumulieren. Das heißt, sie entziehen der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid. Wenn wir sie trockenlegen, den Torf entnehmen und auch die Humusschicht reduzieren - etwa durch Baumaßnahmen - dann fehlen uns wichtige CO2-Speicher. Wir müssen, um unser selbst willen, Moore erhalten.

Diese fundamentale Bedeutung von Mooren und Humus als CO2-Speicher ist den meisten Menschen gar nicht bewusst. Die Feuchtgebiete - wie Moore oder Sümpfe - gelten als unwirtlich. Und sie riechen modrig. Wie vermitteln Sie den Wert dieser Ökosysteme?

Wir tun gut daran, von der Natur zu lernen. Sie versucht ständig, sich zu optimieren, zu wachsen, um sich stabil zu halten. Der Mensch aber versucht, sie zu nutzen. Bei Mooren ist das immer mit Entwässerung verbunden. Im Mittelalter nutzte man den getrockneten Torf als Brennstoff. Und in der DDR hieß die Devise: Die Moore müssen ausbluten, damit wir auf diesen Standorten eine Agrarindustrie aufbauen mit Saatgrasland und für große Kuhbestände zur Milchlieferung.

Ist sich der Mensch dieses Fehlers überhaupt bewusst?

Nur Ökologen, die die Natur als komplexes System begriffen haben. Alle Ökosysteme hängen zusammen und wirken wie ein großes Ganzes. Der Großteil der Forscher wird aber immer mehr zu Spezialisten ausgebildet, die Einzelheiten betrachten. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Bildergalerie Moore (Foto: Colourbox).

Gestocher Torf: Brennstoff und Substraterde

Was tut Ihre Stiftung für den Naturschutz?

Wir arbeiten in 15 Ländern, wie in Kuba, Äthiopien, Iran, den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in Myanmar. Ein Schwerpunkt ist der Erhalt von Wetlands, also Mooren. Die Menschen haben die Bedeutung von Wald, aber die Rolle von Feuchtgebieten in Gänze noch nicht begriffen. Und dank meines Nachfolgers Hans Joosten, den ich aus den Niederlanden nach Greifswald geholt habe, gelingt es mehr und mehr, ein Bewusstsein für die Moore zu schaffen. Inzwischen sind die Moore neben den Wäldern als Klimafaktor international anerkannt.

Und wir widmen uns auch den Steppen-Ökosystemen in Asien und im Schwarzmeer-Raum. Dort wachsen Gräser, die tiefe Wurzelsysteme und dadurch Humus bilden. Wir brauchen weniger Blumenwiesen, dafür mehr Feuchtgebiete. Wir haben dort Wasserbüffel aus dem Kaukasus angesiedelt. Aber auch Elche und den ausgestorbenen Auerochsen, der nachgezüchtet wird. Sie können alle prima im Moor leben.

Den Mooren wird nach wie vor industriell Torf entnommen als Anzuchterde. Garten-Experten sagen, es gebe keinen Ersatz. Stimmen Sie dem zu?

Torf ist sehr wertvoll für die Gartenbauindustrie. Er enthält keine Nährstoffe. Daher kann man die einzelnen, für das Gedeihen der verschiedenen Pflanzen notwendigen, Dünger und Pflanzenschutzmittel individuell zugeben. In Deutschland darf Torf allerdings nur noch in kleinen Gebieten in Norddeutschland abgebaut werden.

Dafür zieht die Torfindustrie weiter ins Baltikum, um dort Torf großflächig zu stechen.

Ja, da erleben wir Neokolonialismus. Aber unser Institut in Greifswald hat ein Verfahren entwickelt, um auf abgebauten Hochmooren mit einer Restschicht von Torf, Torfmoose anzubauen. Zur Paludikultur braucht es stehendes Wasser, dazu Regen und die Moospflanzen, die mit Stroh abgedeckt werden. Nach gut vier Jahren kann man den kultivierten Torf ernten und dann im Garten verwenden.

Professor Michael Succow ist Biologe und Agrarwissenschaftler. Wegen seiner Arbeit im Bereich Moor-Ökologie wird er "Moorpapst" genannt. Er studierte und lehrte an der Uni Greifswald/ DDR und war in vielen Ländern des Warschauer Pakts tätig. Für sein Engagement im Naturschutz wurde Succow vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Right Livelihood Award, dem Großen Bundesverdienstkreuz und 2015 für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Das Interview führte Karin Jäger.

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