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Deutschland

Subkultur der Gewalt im Jugendknast

Jugendliche im Strafvollzug scheinen ihre Haftstrafe kaum ohne Gewalttaten absitzen zu können. Eine neue Studie belegt das mit Zahlen. Alternativen zum Gefängnis sind teuer - zahlen sich aber gesellschaftlich aus.

Folter, Vergewaltigung und Mord: Das gehört zum Alltag in deutschen Jugendstrafanstalten, glaubt man Medienberichten. Spätestens seit 2006 drei junge Inhaftierte im nordrhein-westfälischen Siegburg einen Mitgefangenen über mehrere Tage zu Tode gequält haben, ist das Thema skandalträchtig. Tatsächlich regiert in vielen Jugendgefängnissen das Recht des Stärkeren. Die Schwächeren erfahren kaum Hilfe. "Es gibt Gefängnisregeln, die es verbieten, mit Problemen zu Bediensteten zu gehen", sagt der Rechtswissenschaftler Frank Neubacher von der Universität Köln im DW-Gespräch. "Als Mann gilt im Jugendgefängnis nur, wer Manns genug ist, sich selbst zu helfen."

Neubacher hat in einem Forschungsprojekt zwischen 2010 und 2013 untersucht, wie gewalttätig es im deutschen Jugendstrafvollzug zugeht - mit besorgniserregendem Ergebnis. Von knapp 900 Befragten gestand fast jeder zweite, schon einmal einen Mitgefangenen in irgendeiner Form körperlich verletzt zu haben. "Das ist schon relativ viel", analysiert Neubacher, aber "überraschend ist das nicht". Die Jugendlichen seien meist schon gewalterfahren und würden ohnehin nicht wegen jeder Kleinigkeit zu einem Aufseher gehen, mutmaßt der Forscher.

Häftling in der Jugendstrafanstalt Adelsheim, Baden-Württemberg (Foto: dpa)

Ein paar Quadratmeter Zelle - manchmal jahrelang

Geschlossener Vollzug begünstigt Übergriffe

Seiner Studie zufolge haben 70 Prozent der Befragten anderen schon einmal psychische Gewalt zugefügt. Typische Täter- und Opferrollen gebe es aber nicht. "Auffallend ist, dass 70 Prozent der Befragten sowohl Täter- als auch Opfer-Erfahrungen haben", sagt Neubacher. Das werfe ein Schlaglicht darauf, wie alltäglich Gewalt und Unterdrückung im deutschen Jugendstrafvollzug seien. Die Resozialisierung, die der Strafvollzug explizit leisten soll, kann so nicht gelingen. "Das Grunddilemma ist das Ziel, den Gefangenen zu Straflosigkeit und Gewaltlosigkeit hinzuführen und das in einer Umgebung, die selbst von Gewalt und Unfreiheit geprägt ist. Das zeigt die ganze Problematik."

Prof. Dr. Frank Neubacher M.A., Institut für Kriminologie Universität zu Köln (Foto: privat)

Rechtswissenschaftler Frank Neubacher

Der Wissenschaftler glaubt nicht daran, dass sich im klassischen Vollzug etwas an der Situation ändern kann. Der geschlossene Vollzug ist gewissermaßen der "Knast alten Stils" - die Gefangenen sind weggeschlossen und jeder Kontakt mit der Außenwelt wird überwacht. Im sogenannten offenen Vollzug darf ein Gefangener die Mauern beispielsweise verlassen, um zur Arbeit zu gehen, kehrt danach aber in die Justizvollzugsanstalt zurück. Im Jugendstrafrecht gibt es die Möglichkeit, dass die Delinquenten den Freiheitsentzug in einer intensivpädagogischen Einrichtung absolvieren - mit entsprechend weniger Mauern. Frank Neubacher ist das deutlich sympathischer: "In den Gefängnissen herrscht eine Subkultur der Gewalt, die so mit dem Ort verwachsen ist, als hinge sie in den Mauern." Je geschlossener der Strafvollzugs sei, je mehr Sicherung, Kontrolle, Druck und je weniger Bewegungsfreiheit herrsche, desto stärker sei auch die Subkultur der Gewalt. Neubacher wirbt für Alternativen: "Bei bestimmten Gefangenen ist der Jugendstrafvollzug in freier Form sinnvoll."

Pädagogische Projekte wirken präventiv

Im Raphaelshaus in Dormagen nahe Köln gibt es ein entsprechendes Modellprojekt. Seit August 2012 verbringen ausgewählte jugendliche Straftäter dort die letzten zwölf Monate ihrer Haft - oder auch nicht. Gleich zu Beginn geriet die Einrichtung in die Schlagzeilen, als drei Häftlinge flohen. "Sie hatten Heimweh, haben sich aber nach drei Wochen bei der Polizei gemeldet", berichtet Hans Scholten, der Direktor des Hauses, der DW. "Damit war ihre Chance vertan und sie mussten wieder in den Vollzug." Immer wieder hauen Jugendliche aus solchen sozialpädagogischen Einrichtungen ab. Die haben dennoch zwei Vorteile: Die Gewalt unter den Jugendlichen ist hier deutlich geringer. "Die einzigen Auseinandersetzungen, die wir haben, sind Fouls auf dem Fußballplatz", erzählt Scholten. Und Entlassene werden deutlich seltener rückfällig, weil sie intensiver betreut werden und mehr Möglichkeiten zum sozialen Lernen haben: Die fünf jugendlichen Straftäter, die zurzeit im Raphaelshaus leben, kochen gemeinsam und machen ihren Hauptschulabschluss.

Jugendliche, die straffällig geworden sind, bearbeiten in einer Werkstatt des Seehauses bei Stuttgart Holzstücke. (Foto: dpa)

Pädagogik statt Knast: Straffällige Jugendliche arbeiten im Seehaus in Baden-Württemberg

Steffen Knippertz verfolgt einen anderen Ansatz. Der Anti-Gewalt-Trainer gibt für den Verein Violence Prevention Network Kurse an mehreren Jugendstrafvollzugsanstalten zwischen Wuppertal und Hamburg. Acht Plätze hat er pro Jahr und JVA - nicht genug, wie er betont: "Auf die Plätze bewerben sich 80 Jugendliche in jeder Anstalt", sagt er der DW. Seit zwölf Jahren läuft das Projekt. "Im Schnitt senken wir, gemeinsam mit anderen Trainingsorganisationen, die Re-Inhaftierungsquote um 70 Prozent", erklärt Knippertz.

Gesellschaftlicher Gegenwind

Rund eine Million Euro kosten die Kurse jedes Jahr. Nicht viel Geld, findet Knippertz: "Man muss sich immer fragen, wie viel es einem wert ist, Opfer zu vermeiden." Der Bundesregierung ist es den Betrag offenbar nicht wert - sie lässt das Projekt Ende 2013 auslaufen. Wissenschaftler Frank Neubacher glaubt, dass Prävention zwar eigentlich gewollt ist, viele sich aber mit strikter Überwachung sicherer fühlen: "Die Gesellschaft ist davon besessen, jegliche Risiken auszuschließen, will aber gleichzeitig das Prinzip der Resozialisierung und Besserung hochhalten."

Steffen Knippertz kann ein Lied davon singen. Er plant im niedersächsischen Stadtoldendorf das Haus Zukunftschance, ein intensivpädagogisches Betreuungsangebot zur Haftvermeidung für Jugendliche. Die Kommune und ihre Bürger sind ganz und gar nicht begeistert: "Das Projekt schürt auch Ängste bei den Anwohnern, weil sie glauben, dass Verbrecher durch die Nachbarschaft streifen", vermutet Knippertz. Kein Einzelfall, wie Frank Neubacher betont: "Bei den Schritten, mal etwas Neues auszuprobieren, sind wir einfach noch ein bisschen hinterher."

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