1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Abfallverordnung

Styropor-Krise lähmt die Baubranche

Baufirmen und Dachdecker wissen nicht mehr wohin mit altem Styropor. Der Grund: Eine neue Verordnung stuft brandschutzbehandeltes Dämmmaterial als gefährlichen Abfall ein. Zu Unrecht, sagen nicht nur Betroffene.

Der Ärger in der Baubranche ist groß. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZVDH) Hans Peter Wollseifer beschreibt die Situation für Handwerksbetriebe als "dramatisch". Bauvorhaben könnten nicht abgearbeitet werden, würden gestoppt oder gar nicht erst gestartet. Josef Rühle, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks, sagte der Deutschen Welle, er rechne damit, dass bis März mehr als 10.000 Beschäftige in seiner Branche von der Arbeit freigestellt oder in Kurzarbeit geschickt werden könnten.

Motivation: HBCD-Gifte minimieren

Schuld daran ist die Chemikalie Hexabromcyclododecan (HBCD). Die Substanz wurde häufig als Flammschutzmittel für die leicht entflammbaren Dämmplatten aus Polystyrol eingesetzt. Polystyrol ist besser bekannt unter dem Handelsnamen Styropor.

Gebäudesanierungen Rathaus Sanierung in Düren (DW/ K. Jäger)

Bei Gebäudesanierungen fällt viel Müll aus alten Dämmungen an

HBCD ist giftig, wird von der Umwelt nur langsam abgebaut, es reichert sich in Lebewesen an, wurde vielfach in Muttermilch gefunden und kann die Entwicklung von Embryonen zu stören. Deswegen setzte die Stockholm-Konvention den Stoff schon im Jahr 2013 auf die Liste der persistenten, organischen Schadstoffe, englisch: "persistant organic pollutant", kurz POP. Im März 2016 übernahm die EU die Grenzwerte der Stockholm-Konvention in die europäische POP-Verordnung. Weil sich die deutsche Abfallverzeichnisverordnung (AVV) nach einer Überarbeitung an der europäischen Verordnung ausrichtet, gelten alle POP-haltigen Abfälle, die diesen Grenzwert übersteigen, seit dem 01. Oktober 2016 als gefährlich und nachweispflichtig.

Astronomische Preise für Styropor-Verbrennung

Nun überschreiten die meisten alten Polystyrol-Platten, die im Zug von Bauarbeiten entfernt werden, den neuen Grenzwert. Damit müssen sie vom restlichen Müll getrennt, nachweisfähig erfasst und gesondert entsorgt werden. Das ist nur noch in solchen Müllverbrennungsanlagen möglich, die eine Sondergenehmigung für gefährliche Abfälle besitzen. Von solchen Anlagen aber gibt es für die Mengen, die anfallen, viel zu wenige.

Deutschland Müllverbrennung (picture alliance/dpa/M. Reichel)

Nur noch Müllverbrennungsanlagen mit Genehmigungen für Sondermüll dürfen HBCD-Abfälle verbrennen

Die Folge: Bei den Bauunternehmen stapelt sich das alte Dämmmaterial, denn viele Sondermüll-Entsorgungsanlagen nehmen keines mehr an. Die Preise seien in astronomische Höhen gestiegen, sagt ZVDH-Geschäftsführer Rühle: "Der Preis für die Entsorgung einer Tonne Polystyrol lag früher bei etwa 160 Euro, heute werden Preise von 3000 bis 8000 Euro aufgerufen."

"Die Entsorgung bleibt dieselbe"

Auch die Interessengemeinschaft Thermischer Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD) kritisiert die neuen Entsorgungserfordernisse als völlig überzogen. Beim Abbruch und Transport von Styropor entstünden weder lungengängige Stoffe, noch löse sich das HBCD bei Regen aus dem Dämmplatten heraus, da es kaum wasserlöslich sei. "Die getrennte Entsorgung und Erfassung von Polystyrol ist bürokratisch aufwendig und verteuert die Entsorgung. Die hohen Entsorgungskosten wiederum verteuern die energetische Sanierung von Gebäuden und konterkarieren die energie- und klimapolitschen Ziele der Bundesregierung", schreibt die ITAD in einer Stellungnahme.

Josef Rühle (ZVDH)

ZVDH-Geschäftsführer Josef Rühle

Absolut absurd aber ist laut ZVDH -Mann Rühle: Die Art der Entsorgung ist gleich geblieben - nach wie vor werden alte Styropor-Platten verbrannt. Für die Verbrennung müssten noch nicht einmal andere Filter benutzt werden.

Aufschrei der Baubranche

Der Dachdecker-Verband wie auch andere Verbände der Baubranche fordern von der Politik vehement eine Rücknahme der Neuregelungen. "Die Bundesländer sollten diese Irrsinns-Regelung rückgängig machen", forderte auch der Chef des Entsorgerverbands BDE Peter Kurth. Rückendeckung kommt von den Landesregierungen in Sachsen und dem Saarland. Die Umweltministerien beider Bundesländer brachten bei der Konferenz der deutschen Umweltminister (30.11. - 02.12.) einen Antrag ein, die entsprechende Regel der Abfallverzeichnisverordnung wieder zu ändern.

Unterstützung aus Sachsen

"Unser Vorschlag ist darauf gerichtet, dass die entsprechenden EU-Regeln für Deutschland nicht zusätzlich verschärft werden", sagte Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt bereits im Vorfeld der Konferenz. Doch genau das sei mit der Neuregelung der AVV gegen die Warnung des Bundes und die Stimme Sachsens geschehen. "Obwohl es von der EU nicht gefordert ist, gelten seitdem auch HBCD-haltige Styropor-Abfälle, wie sie tonnenweise beim Bau entstehen, als gefährlich. Das wäre nicht nötig gewesen. Lediglich die Zerstörung des HBCD durch eine Verbrennung muss sichergestellt werden", so Schmidt.

Deutschland Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (picture-alliance/dpa)

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks

Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks stellte sich auf die Seite der Kritiker und appellierte an den Bundesrat, die seit Oktober geltende Neuregelung der AVV wieder zu kassieren.

Beruhigung für die Bewohner bereits sanierter Häuser

Für Gebäude, die mit älteren Polystyrol-Platten gedämmt sind, gibt das Umweltbundesamt übrigens Entwarnung. Zwar empfiehlt die Behörde, beim Einbau einer neuen Wärmedämmung auf HBCD als Flammschutzmittel zu verzichten.

Für bereits verbaute Dämmungen heißt es in einem Hintergrundbericht der Behörde: "Wer in einem Haus mit HBCD-haltigen Dämmplat­ten wohnt, muss nach heutigem Kenntnisstand bei fachgerechter Anwendung keine negativen Effekte auf seine Gesundheit befürchten, da in der Nutzungspha­se nur sehr wenig HBCD aus den Platten austritt, das über die Luft oder den Hausstaub von den Bewohnern aufgenommen werden könnte."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links