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Kultur

Sturmchaos in Europa

Tote, Millionenschäden und Verkehrschaos: Mit dem Orkantief "Kyrill" fegt einer der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre über Europa hinweg. Mindestens elf Menschen starben.

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Aufenthalt im Freien ist lebensgefährlich

Der verheerende Sturm erreichte Geschwindigkeiten von mehr als 190 Stundenkilometern. In Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern zog "Kyrill" eine Schneise der Verwüstung; mindestens 16 Todesopfer waren zu beklagen.

Sturm Kyrill - Nordseeküste bei Dagebüll

Ein Spaziergänger in Dagebuell an der Nordsee

Insgesamt fünf Opfer forderte "Kyrill" (altgriechisch: "Der Herr") in Großbritannien. Der Flughafenchef von Birmingham wurde in seinem Auto von einem umstürzenden Baum erschlagen. Drei Menschen starben in den Niederlanden und eine Frau in Frankreich. In Belgien gab es mindestens ein Todesopfer und mehrere Verletzte.

Vor den Augen seiner Eltern wurde ein 18 Monate altes Mädchen in Bayern von einer umfallenden Terrassentür erschlagen. Im Landkreis Augsburg wurde ein 73-Jähriger von einem Scheunentor erdrückt, das von einer Böe aus den Angeln gehoben worden war. Ein Feuerwehrmann kam bei einem Sturmeinsatz in Tönisvorst bei Krefeld (Kreis Viersen) ums Leben. In Baden-Württemberg starb ein Mann, als er mit dem Auto auf einen umgestürzten Baum fuhr. Ein Mann wurde in einer Gaststätte in Groß Rodensleben in Sachsen-Anhalt von einem herabstürzenden Giebel verschüttet und konnte nur noch tot geborgen werden.

Deutsche Bahn stellt Verkehr ein

Die Deutsche Bahn stellte im Norden und Westen, später am Abend in ganz Deutschland den Zugverkehr ein. Zehntausende Reisende saßen in Bahnhöfen fest. "Wir liegen still", sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn vor Journalisten in Berlin. Ein solches Ausmaß habe es nie zuvor gegeben. Schon am Morgen hatte das Unternehmen die Höchstgeschwindigkeiten sowohl auf den Fern- als auch den Regionalstrecken vorsichtshalber gedrosselt. Nahe Wilster (Schleswig-Holstein) prallte ein Intercity gegen einen Baum, verletzt wurde niemand. Auch in den Niederlanden wurde der Zugverkehr eingestellt, weil zu viele Bäume auf den Gleisen lagen.

"Kyrill" ließ vielerorts den Strom ausfallen; in Magdeburg kam fast das ganze öffentliche Leben zum Erliegen. Katastrophal war die Lage im Harz. Überall waren Bäume umgeknickt. Vielerorts wurden windanfällige Straßenabschnitte und Brücken gesperrt, dennoch warf der Sturm mehrere Lastwagen um. Etliche Schulen, Kindergärten und Behörden schickten schon am Vormittag Kinder und Mitarbeiter nach Hause.

Dramatische Rettung

Im Ärmelkanal spielten sich dramatische Szenen ab, als der Container-Frachter "MS Napoli" wegen eines Motorschadens im sturmgepeitschten Meer in Seenot geriet. Trotz meterhoher Wellen und heftiger Windböen eilten Helfer in Booten und Hubschraubern herbei und retteten alle 26 Besatzungsmitglieder.

Sturm Kyrill - Demolierte Autos in Amsterdam

Demolierte Autos in Amsterdam

Auch in Deutschland litt der Schiffsverkehr unter den Auswirkungen des Orkantiefs. Fährverbindungen auf Nord- und Ostsee sowie dem Bodensee wurden zeitweise eingestellt. Für die Nordseeküste wurde eine Sturmflutwarnung ausgegeben: Demnach wird das Hochwasser an der ostfriesischen Küste und im Wesergebiet 2,5 bis 3 Meter höher als das mittlere Hochwasser sein, an der nordfriesischen Küste und im Elbegebiet 3 bis 3,5 Meter höher. "Kyrill" brachte auch den Flugverkehr in Europa durcheinander. Die Gesellschaften strichen Hunderte Verbindungen, andere Flieger hoben erst mit stundenlanger Verspätung ab.

Lebensgefahr im Freien

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab für mehr als der Hälfte der Bundesländer eine "extreme Unwetterwarnung". Dies ist die höchste mögliche Warnstufe. "Wir befinden uns in einer Größenordnung der Stürme 'Lothar' und 'Anatol'", sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Sie waren 1999 über Europa gezogen, auch damals waren viele Menschen ums Leben gekommen. Bundesweit wurde die Bevölkerung unter Verweis auf Lebensgefahr ermahnt, während des Orkans nicht ins Freie zu gehen, Fenster und Türen geschlossen zu halten und bewegliche Gegenstände zu sichern.

Sturm Kyrill - Zugausfälle bei der Deutschen Bahn

Reisende studieren die Anzeigetafeln - aber es fährt nichts

Nach dem Abflauen des Orkans soll es in den kommenden Tagen weiterhin eher stürmisch, regnerisch und mild sein. Der Wetterdienst warnte aber in Südbayern vor anhaltendem Dauerregen. Zu Wochenbeginn soll es kälter werden, dann soll sogar Schnee bis in tiefe Lagen möglich sein.

Ein Geburtstagsgeschenk...

Der Name des Orkantiefs ist ein Geburtstagsgeschenk. "Wir drei Kinder haben unserem Vater (Kyrill Genow) die Namenspatenschaft zu seinem 65. Geburtstag geschenkt", sagte Rumen Genow aus Neuenhagen bei Berlin den "Lübecker Nachrichten" (Freitag). "Eigentlich sollte es ein Hochdruckgebiet werden, aber das gab es nicht mehr. Nun ist es ein Sturmtief geworden, und wir hoffen selber, dass wir glimpflich davonkommen", sagte Genow. Die Namenspatenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete werden vom Institut für Meteorologie der FU Berlin vermarktet. Ein Tief kostet den Angaben zufolge 199 Euro, ein Hoch 299 Euro. (sams/stu)

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