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Wirtschaft

Stundenlöhne schlagen Kaufpreise

Alles wird immer teurer, früher war alles billiger? Das stimmt nur zum Teil. Die Deutschen leben heute viel günstiger, weil sie mehr verdienen, sagt eine neue Studie.

Einkaufswagen im Supermarkt (Foto: dpa)

Besonders für Lebensmittel geben die Deutschen weniger aus als noch 1960

Entgegen der landläufigen Meinung lebt es sich heute um einiges billiger als noch vor fünf Jahrzehnten. Eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat ergeben, dass die Stundenlöhne seit 1960 viel stärker gestiegen sind als die Preise für Güter und Dienstleistungen - damit ist auch die Kaufkraft entsprechend höher.

Konkret heißt das: Vor fast fünf Jahrzehnten erhielten die Menschen netto im Schnitt umgerechnet 1,27 Euro, wenn sie eine Stunde arbeiteten. 2009 waren es 14,05 Euro, also elfmal so viel. Die Preise stiegen zwar auch, sie hätten sich aber nur vervierfacht, so das IW. Das bedeutet, egal ob Lebensmittel, Kleidung oder Möbel - es muss längst nicht mehr so lange dafür gearbeitet werden wie früher.

Vier Minuten für ein Paket Butter

Das IW vergleicht in der Untersuchung also, wie viel Stunden und Minuten etwa für eine Packung Butter geleistet werden musste. 1960 waren das 39 Minuten, vergangenes Jahr nur noch vier. Ein Herrenanzug war damals erst nach 68 Stunden verdient, heute reichen schon 17. Selbst der viel gescholtene Benzinpreis ist bei diesem langfristigen Vergleich günstiger geworden.

(Grafik: DW)

HD-Fernseher so teuer wie Schwarz-Weiß-Gerät

Drastisch sind die Veränderungen bei größeren Anschaffungen, vor allem in der Technik. Ein moderner Flachbildfernseher mit HD-Auflösung ist heute etwa genauso teuer wie ein Schwarz-Weiß-Gerät vor fünf Jahrzehnten. Über 14 Tage waren einst notwendig, um sich ein Gerät zu verdienen - reine Arbeitszeit, versteht sich. Mittlerweile sind nicht mal mehr 14 Stunden Arbeit nötig.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Ursachen für die hohe Kaufkraft vielfältig sind. Gerade bei Unterhaltungselektronik hat es enorme Innovationen und Fortschritte gegeben, die Produktion ist heute viel günstiger. Ein anhaltender Trend. Laut Statistischem Bundesamt liegt der Preis für einen Fernseher im März 2010 bereits 20 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Gleichgeblieben ist indes die notwendige Arbeitszeit für ein Monatsabonnement einer Tageszeitung: 101 Minuten.

Eier: Vom Luxusgut zur Massenware

Milchprodukte (Foto: dpa)

2007 stiegen Preise für Milchprodukte deutlich an, nun haben sie sich "normalisiert"

Bei Lebensmitteln verzeichnet das Kölner Institut ebenfalls interessante Entwicklungen. Dort gibt es mitunter starke Schwankungen. "Bei manchen Lebensmitteln hat es 2009 deutliche Preissenkungen gegeben", sagt Christoph Schröder vom IW. Der Preis für Butter fiel um 12 Prozent, für Milch um 17 Prozent im Vergleich zu 2008, eine "Normalisierung" laut Schröder.

Auch langfristig gesehen sind die Lebensmittelpreise gefallen. Eier zum Beispiel waren in der Nachkriegszeit nahezu ein Luxusgut. "10 Stück kosteten 1950 schon umgerechnet 1,12 Euro, während der Nettostundenverdienst bei lediglich 56 Cent lag", heißt es in der IW-Studie. Zwei Stunden Arbeit also, bevor man sich ein Paket leisten konnte. Heutzutage reichen acht Minuten. Bei den Fischen findet sich eine Ausnahme. Wer vom heute gefährdeten Kabeljau 2009 ein Kilo kaufen wollte, musste 66 Minuten schuften. 1960 waren es zehn Minuten weniger.

Leipzig 30 Prozent günstiger als München

Die gestiegene Kaufkraft habe zur Folge gehabt, dass die Menschen weniger arbeiten und mehr Freizeit genießen würden, sagt IW-Mitarbeiter Schröder. Zudem gibt es heute vieles zu kaufen, was früher schlicht nicht vorhanden war. Dazu gehören etwa Computer und Mobiltelefone. Es sind auch neue Kosten entstanden, wie Gebühren für Kindergärten, Studiengebühren und Zuzahlungen zum Gesundheitswesen, den Geldbeutel belasten.

Die Daten beziehen sich auf die alten Bundesländer, nur so ist ein Vergleich mit Daten vor der Wiedervereinigung möglich. Die heutige Kaufkraft für Gesamtdeutschland dürfte rund vier Prozent geringer ausfallen, schätzt Christoph Schröder. Der Trend der gestiegenen Kaufkraft dürfte in den neuen Ländern jedoch ähnlich sein, selbst wenn die Löhne dort vergleichsweise niedrig sind. Es lebt sich auch preiswerter, im Schnitt um 5,6 Prozent als in den alten Ländern, wie das ifo-Institut jüngst mitteilte. "Wo die Einkommen niedrig sind, es also an Kaufkraft fehlt, ist auch das durchschnittliche Preisniveau niedriger", erklärte der Autor Rupert Kawka. So müsse "für einen identischen Warenkorb in München fast 30 Prozent mehr bezahlt werden als in Leipzig".

Autor: Julian Mertens

Redaktion: Dirk Eckert

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