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Kultur

Stufe um Stufe nach oben

Stefan Minten aus Bonn ist der einzige professionelle Treppenläufer der Welt. Er lebt davon, dass er ein Exot ist. Und davon, dass er sich und seinen Sport zu vermarkten weiß.

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Selbst der Rennanzug von Michael Schumacher kann bei der Zahl der Sponsoren nicht mit Stefan Minten mithalten, so zugepflastert ist sein Trikot mit Firmenlogos. Von den knapp 300 Sponsoren passen nur 86 auf sein Shirt.

Professionelle Selbstvermarktung ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des 34-Jährigen. Wie er tatsächlich sein Geld damit verdient, Treppen hochzulaufen, lässt sich erahnen, wenn man mit ihm durch das Zentrum seiner Heimatstadt Bonn streift: Fast in jeder Straße gibt es Einzelhändler, die seinen ungewöhnlichen Beruf unterstützen.

"Mit Schnorren hat das nichts zu tun"

Beim Friseur bekommt er einen kostenlosen Stufenschnitt, im Sanitätshaus Bandagen, in der Kneipe eine Brotzeit. Schließlich müsse er bei Kräften bleiben, um seine Läufe zu bestehen, erklärt der Kellner. Auf dem Markt bekommt Minten Käse, Eier, Fruchtsäfte, Gemüse, Bananen und Nektarinen. Selbst für die Reinigung seiner Wäsche hat er einen Sponsor gefunden. In der Lottoannahmestelle hofft der ältere Herr, seinem Lieblingssportler mit spendierten Lottoscheinen endlich zu echtem Wohlstand zu verhelfen.

"Das hat mit Schnorren nichts zu tun. Jan Ullrich oder Boris Becker fallen in dieselbe Kategorie", erklärt Minten im Gespräch mit DW-WORLD. Rund 290 Sponsoren versorgen den Treppenläufer mit Sachleistungen, weitere zehn geben ihm das Geld für Flüge und Hotels an den Wettkampforten.

Eine Waschmaschine als Hauptpreis

Stefan Minten kommt um die Welt. Das attraktivste und zugleich härteste Treppenrennen findet im malaysischen Kuala Lumpur statt. Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit müssen die Teilnehmer erst durch eine Dschungellandschaft mit 15 Prozent Steigung laufen, bevor sie den 420 Meter hohen Fernsehturm erklimmen. "Für das Rennen melden sich 2.500 Läufer an. Da gibt es vier Wochen lang erst einmal Qualifikationsläufe. Und das Finale wird im Fernsehen dort drei Stunden live übertragen." Nirgendwo sonst gibt es ein Preisgeld von rund 7500 Euro.

Beim Wettrennen im Ostankino-Fernsehturm in Moskau kurz vor dem großen Brand war der Hauptgewinn für die Männer eine Waschmaschine, für die Frauen ein Staubsauger. Stefan Minten bekam eine Pelzmütze. Im holländischen Nijmwegen blieb es für ihn bei einer Zuckerstange, in Augsburg gab es zuletzt einen Piccolo-Sekt.

Kirchtürme als Trainingsgelände

Trotzdem trainiert er und stürmt weiter die Treppen hinauf. Seine Verwaltungstätigkeit im Bundeswirtschaftsministerium lässt er seit August 2001 für drei Jahre ruhen, danach ist die Zeit als Profisportler voraussichtlich wieder vorbei. Die einzige Organisation für Treppenläufer, die es gibt, hat er gegründet. Und er ist bislang ihr einziges Mitglied. Daher ist es nicht leicht, für bessere Trainingsbedingungen zu kämpfen. Die sind zur Zeit nämlich nicht die allerbesten: In viele Hochhäuser kommt er nicht mehr hinein.

Im 'Langen Eugen' etwa, dem ehemaligen Abgeordnetenhaus und mit 29 Stockwerken dem höchsten Gebäude in Bonn, darf er seit dem 11. September aus Sicherheitsgründen nicht mehr üben. Deshalb ist er auf Kirchtürme umgestiegen. Für Rekordleistungen reicht es dennoch: "Im Empire State Building sind wir schneller als der Aufzug. Sie müssen bei 102 Etagen zwei Mal umsteigen. Das sind 23 Minuten mit dem Aufzug, ich schaffe die Strecke in 16 Minuten."

Hungrig nach Weltrekorden

Für das Training bleibt Stefan Minten nur wenig Zeit: "80 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich mit der Vermarktung." Schließlich ist auch das für ihn eine (sportliche) Leistung. Wenn er nicht zu Wettkämpfen rund um den Globus unterwegs ist, klappert der Treppenläufer mit seinem Fahrrad die Sponsoren ab.

Damit die bei der Stange bleiben, muss er Höchstleistungen präsentieren. Deshalb stürmt Minten nicht nur Wolkenkratzer, er ist zudem hungrig nach Weltrekorden. Zum Beispiel hat er als erster die Stufen in Gotteshäusern aller fünf Weltreligionen im Laufschritt erklommen oder in einem Flugzeug den bislang einzigen Treppenlauf hoch über den Wolken bewältigt: Auf einem Flug von Malaysia nach Deutschland überzeugte er den Piloten, die Maschine höher als gewöhnlich zu fliegen.

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