1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Studieren geht jetzt auch ohne das Abitur

Nina Treude14. März 2013

Wer studieren möchte, braucht das Abitur. So war das jahrelang in Deutschland. Doch seit 2009 gibt es erleichterte Bedingungen für "beruflich Qualifizierte". Infos für Bewerber bietet jetzt "studieren-ohne-abitur.de".

https://p.dw.com/p/17s2k
Der Zeigefinger einer linken Hand zeigt auf einen juristischen Text in einem Buch (Foto: DW/Nina Treude)
Bild: DW/N. Treude

Ein Studium ohne Abitur - seit Oktober ist dieser Traum für Kerstin Hammes Realität. Die 33-jährige Rechtsfachwirtin studiert im ersten Semester Jura an der Universität zu Köln. "Ich habe zuerst eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten gemacht. Und da hab ich schon gemerkt, dass das Thema mir total liegt und auch sehr viel Spaß macht", erklärt die Studentin, während sie konzentriert im Bürgerlichen Gesetzbuch blättert.

Leichtere Zugangsbedingungen für "beruflich Qualifizierte"

Wer studieren wollte, brauchte in Deutschland dafür bis vor wenigen Jahren in der Regel das Abitur. Doch seit 2009 gelten durch einen Beschluss der Kultusministerkonferenz bundesweit erleichterte Hochschulzugangsbedingungen für sogenannte "beruflich Qualifizierte". So wird ein Studium auch ohne Abi möglich. Rund 32.000 Studierende ohne Abitur gibt es zurzeit deutschlandweit, Nordrhein-Westfalen ist mit knapp 12.000 Studierenden Spitzenreiter.

Jura-Studentin Kerstin Hammes in einem Hörsaal der Universität zu Köln (Foto: DW/Nina Treude)
Erstsemester mit 33 Jahren - seit dem Wintersemester studiert Rechtsfachwirtin Kerstin Hammes in KölnBild: DW/N. Treude

Doch wie funktioniert so ein Studium ohne Abi, und welche Hochschulen bieten es an? Infos und Orientierung finden Interessenten seit Anfang 2013 auf der Internet-Plattform "studieren-ohne-abitur.de", die vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ins Leben gerufen wurde.

Zahl der Plätze für Menschen ohne Abitur ist in Köln begrenzt

Das genaue Zulassungsverfahren ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. Es basiert aber auf einer gemeinsamen Rechtsgrundlage, erklärt Rüdiger Müller, Leiter der Abteilung für besondere Studienangelegenheiten der Universität zu Köln: "Es gibt zwei Wege, ohne Abitur zu studieren - mit Prüfung und ohne. Bewerber mit einem Meistertitel oder einer Aufstiegsfortbildung und sogenannte fachtreue Bewerber können sich ohne Prüfung einschreiben."

Rüdiger Müller, Leiter der Abteilung für besondere Studienangelegenheiten der Universität zu Köln, sitzt am Schreibtisch an seinem Computer (Foto: DW/Nina Treude)
Rüdiger Müller leitet in Köln die Abteilung für besondere StudienangelegenheitenBild: DW/N. Treude

Als "fachtreue Bewerber" bezeichnet man diejenigen, die einen Studiengang belegen wollen, der ihre Berufsausbildung ergänzt. Zum Beispiel ein Bankkaufmann, der Betriebswirtschaft studieren möchte. Die Zahl der Studienplätze, die an der Kölner Universität an Bewerber mit Aufstiegsfortbildung und Fachtreue vergeben werden, ist allerdings auf zwei Prozent aller Studienplätze des jeweiligen Studiengangs begrenzt. Alle anderen müssen eine schwierige Prüfung in Englisch, Mathematik und Allgemeinwissen bestehen, bevor sie sich für ein Studium bewerben dürfen.

Aus dem Berufsleben in die Uni - ein Sprung ins kalte Wasser

Die Kölner Jura-Studentin Kerstin Hammes hatte Glück. Dank ihrer Fortbildung zur Rechtsfachwirtin profitierte sie von der Zwei-Prozent-Regelung und musste keine Prüfung ablegen. Ein schwieriger Schritt war der Studienbeginn aber trotzdem, sagt sie: "Ich habe ein Kind, ich gehe arbeiten, man ist ja auch schon beruflich gefestigt." Außerdem war sie auf das Verständnis ihres Vorgesetzten angewiesen, da sie neben dem Studium nur noch unregelmäßig arbeiten kann. 

Jura-Studentin Kerstin Hammes mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch in der Bibliothek (Foto: DW/Nina Treude)
Paragraphen wälzen ist im Jurastudium Pflicht - Kerstin Hammes' Lieblingsfach ist ZivilrechtBild: DW/N. Treude

Wer ein Studium ohne Abitur beginnt, sollte sich vorher gründlich informieren. Die Universität zu Köln zum Beispiel legt großen Wert auf eine gute Beratung und ermöglicht Interessenten am Studium ohne Abi ein Probestudium. Seit 2012 gibt es außerdem ein Bundesgesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, das auch Bewerbern aus dem Ausland ein Studium ohne Abi ermöglicht, wenn sie drei Jahre Berufserfahrung vorweisen können.

110 Studentinnen und Studenten ohne Abitur gibt es momentan an der Uni Köln, besonders beliebt sind Betriebswirtschaft, Lehramt und Jura. Die meisten haben das Gymnasium nach der 12. Klasse ohne Hochschulzugangsberechtigung verlassen und wollen nun doch studieren. Bewerber, die lediglich einen Hauptschulabschluss haben, gibt es an der Uni Köln nur selten.

Berufserfahrung als Vorteil für späte Studienanfänger

Dass das Studium ohne Abitur, aber mit Berufserfahrung, Vorteile haben kann, hat Kerstin Hammes erlebt. Sie profitiert im Jurastudium von ihren praktischen Erfahrungen, die viele Kommilitonen noch nicht haben. "Es ist natürlich schwierig, wenn die Schulzeit schon lange Zeit vorbei ist. Man muss erst mal schauen, wie man sich selbst organisiert, wie man den Stoff bewältigt und das alles in seinen Kopf hinein bekommt." Doch in den vergangenen Monaten hat sie sich gut an der Uni eingelebt und erhält inzwischen sogar ein Stipendium für beruflich Qualifizierte.

Jura-Studentin Kerstin Hammes sucht in der Universitätsbibliothek in Köln nach einem Buch (Foto: DW/Nina Treude)
Nach ihrem Studienabschluss möchte Kerstin Hammes als Rechtsanwältin arbeitenBild: DW/N. Treude

Neben ihren Jura-Kommilitonen würde Kerstin Hammes gerne auch andere Studierende ohne Abi kennen lernen, um zu erfahren, wie es Studenten mit ähnlichen Voraussetzungen geht. Solch eine Vernetzung gibt es aber momentan noch nicht an der Uni Köln. Aber auch ohne studienbegleitende Unterstützung seitens der Hochschule blickt Kerstin Hammes positiv in die Zukunft. In vier Jahren will sie ihr Studium abschließen und nach ihrem Referendariat dann als Rechtsanwältin arbeiten.