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Aktuell Deutschland

Studie zu Missbrauch geplatzt

Zwischen den Bischöfen und dem renommierten Kriminologen Pfeiffer gibt es Krach über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Der Wissenschaftler wirft der katholischen Kirche sogar Zensur und Aktenvernichtung vor.

Wegen eines "zerrütteten" Vertrauensverhältnisses haben die katholischen Bischöfe den Vertrag mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer und dessen Forschungsinstitut in Niedersachsen (KFN) zur Erstellung einer Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche gekündigt.

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Missbrauchsstudie gestoppt

Der Schritt sei unumgänglich und hänge "allein mit dem mangelnden Vertrauen in die Person von Professor Dr. Pfeiffer" zusammen, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann. Wodurch das Vertrauen zerstört wurde, teilte Ackermann nicht weiter mit. Er erklärte lediglich, das Kommunikationsverhalten Pfeiffers gegenüber den kirchlichen Verantwortungsträgern habe "leider einer weiteren konstruktiven Zusammenarbeit jede Vertrauensgrundlage entzogen". Die Kirche suche nun nach einem neuen Partner für das Projekt.

Widerstand konservativer Priester?

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, (Foto: picture-alliance/dpa)

Kriminologe Christian Pfeiffer

Der 2010 bekanntgewordene Skandal um den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch vieler Kinder und Jugendlicher in katholischen Einrichtungen hatte die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Das Forschungsvorhaben war als ein Baustein gedacht, um die Problematik zu analysieren, neue Missbrauchsfälle zu verhindern und Vertrauen der Öffentlichkeit und der katholischen Gläubigen zurückzugewinnen.

Dazu sollte Pfeiffers Institut sexuellen Missbrauch von Minderjährigen auf der Grundlage von Personalakten seit 1945 unabhängig aufarbeiten. Zur Wahrung des Datenschutzes hätte das KFN anonymisierte Daten aus den Akten erhalten, die Archivmitarbeiter und Juristen sichten sollten. Damit hätten erstmals kirchenfremde Fachleute Zugang zu den Archiven der katholischen Kirche erhalten. Dagegen habe es Widerstand konservativer Priester gegeben, berichtet die Deutsche Presseagentur.

Vernichtung von Täterakten?

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DW-Kirchenexperte zur Missbrauchs-Studie

Das Projekt sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert", sagte Pfeiffer der "Süddeutschen Zeitung". Die Kirche habe darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler bestimmen zu dürfen. Zudem habe er aus der Kirche Hinweise erhalten, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet worden seien, erklärte Pfeiffer. Dem widersprach der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer: "Für eine Vernichtung von Täterakten habe ich keinerlei Anhaltspunkte.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, Aufklärung über den Streit: "Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollte ... schnell aus der Welt geschafft werden", sagte die FDP-Politkerin der "Süddeutschen Zeitung". Zugleich stellte sie sich hinter das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Die Einrichtung sei eine "der ersten Adressen, um eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung auf Grundlage der Personalakten seit 1945 vorzunehmen". Es sei ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass die katholische Kirche kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Archiven ermögliche. Leutheusser-Schnarrenberger: Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern.""

Der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Kirche, Stephan Ackermann (Foto:dapd)

Bischof Stephan Ackermann

Katholische Kirche überfordert?

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bedauerte das Scheitern des Forschungsprojekts. Das Vorhaben sei ein wichtiges Signal gewesen, so Rörig. Die Opfergruppe "Eckiger Tisch" verlangte eine unabhängige Aufarbeitung des Missbrauchs in katholischen Einrichtungen. Die Kirche sei offensichtlich damit überfordert. Drei Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals stehe man wieder am Anfang, beklagte die Betroffenenorganisation.

Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" wertete die Aufkündigung der Zusammenarbeit als "verheerendes Signal" für die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung. Die seit 2010 eingeleiteten Maßnahmen könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bischöfe bisher immer noch nicht zu einer unabhängigen Ursachenforschung sexualisierter Gewalt bereit seien.

sti/wl/kle (dpa, epd, kna, dapd)

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