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Wissen & Umwelt

Studie: Viele Piloten haben Depressionen, sprechen aber nicht darüber

Etwa jeder zehnte Pilot zeigt Anzeichen für eine Depression. Das haben Forscher aus Harvard jetzt durch eine anonyme Befragung herausgefunden. Warum sind gerade Piloten so anfällig dafür?

Das Forschungsteam um den Arbeitsschutz-Experten Professor Joseph Allen von der Universität Harvard hatte 3500 Piloten nach ihren Belastungen am Arbeitsplatz anonym befragt. Ein Teil der Befragung bezog sich auf psychische Belastungen. Diesen Teil füllte etwa die Hälfte der Teilnehmer aus.

Bei der Auswertung stellten die Mediziner fest, dass 12,6 Prozent der Teilnehmer Anzeichen für eine Depression zeigten. Vier Prozent haben sogar angegeben, dass sie sich innerhalb der letzten zwei Wochen mit Suizidgedanken befasst haben.

Dies habe besonders diejenigen Piloten betroffen, die entweder Schlafmittel genommen hatten oder über sexuelle oder sonstige verbale Belästigung klagten. Und viele Piloten sprechen ungern darüber, sagt Allen laut der Nachrichtenagentur dpa. "Es gibt einen Schleier der Verschwiegenheit um psychische Probleme im Cockpit."

Brisanz bekommt die Studie, die am Donnerstag (15.12.2016) im Fachjournal "Environmental Health" erschienen war, auch durch den Selbstmord eines Germanwings-Copiloten, der seine Maschine im März 2015 gezielt abstürzen ließ.

Unlösbarer Stress als Ursache von Depression

Die Ergebnisse der Studie überraschen selbst Markus Wahl, Pilot und Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Im Interview mit der Deutschen Welle konnte er zwar die Zahlen aus der Studie nicht im Detail bewerten, aber doch aus der Erfahrung im Alltag vieler Piloten erklären, warum Berufsstress Piloten eher krank macht als Menschen in anderen Berufsfeldern.

"Piloten sind vielleicht deswegen exponierter, weil sie zum einen in einem Umfeld mit hohem Risiko arbeiten, wo jede Entscheidung Menschenleben gefährden kann". Zudem stünden sie immer stärker unter Druck: "Ihnen werden mehr Entscheidungen aufgedrückt, das Umfeld wird immer anstrengender. Je höher der Druck ist, desto mehr Stress gibt es. Und Stress kann natürlich zu psychischen Krankheiten führen", sagt der Gewerkschafter.

Pilot mit zwei Koffern. (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Immer auf Achse - darunter leidet das Privatleben

Unvereinbarkeit von Familie und Beruf

Ein wichtiger Stressfaktor bei Piloten ist die Abwesenheit von Zuhause "Man verbringt unter Umständen 20 bis 22 Tage des Monats in Hotelzimmern und das stellt natürlich eine große Herausforderung für das Privatleben dar - sei es mit Freunden, Familie, der Ehefrau, dem Ehemann", sagt der Pilot Wahl. "All diese Beziehungen, die ja auch für die Stressverarbeitung extrem wichtig sind, stehen nicht so zur Verfügung, wie es bei einem normalen Büroangestellten ist."

Gibt es etwa Streit in der Familie, könne es passieren, dass der Pilot diesen mehrere Tage mit sich herumschleppe, weil er die Konflikte auch nicht im Gespräch lösen kann. Frisst man aber Sorgen in sich hinein, macht das krank. Und wenn die Ruhe- und Erholungszeiten immer kürzer werden - wie in der Hauptreisezeit in den Sommerferien - bleibe auch keine Zeit mehr, Probleme in der Familie zu besprechen,.

Schaffe ich alle meine Aufgaben?

Auch im Beruf haben Piloten heute weniger Zeit als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Zeiten, in denen Flugzeuge am Zielflughafen umkehren, ist zum Teil von 60 auf 35 Minuten gesunken. Tritt dann aber selbst ein kleines Problem auf, hat der Pilot den Stress.

Airline Ryanair (picture-alliance/dpa/F. von Erichsen)

Billigflieger erhöhen den Kosten- und Zeitdruck - kaum gelandet, geht es schon wieder los.

"Früher war es so", schildert Wahl eine typische Arbeitssituation, "wenn ich nach einem Kurzstreckenflug gelandet bin gab es dort einen Flugzeugtechniker. Wenn ich ein Problem mit dem Flugzeug hatte, hat der mir die Arbeit vor Ort abgenommen und sich um das Problem gekümmert. Heute gibt es aus Kostengründen an vielen Stationen gar keinen Techniker mehr. Dann bleibt die Arbeit am Piloten hängen." In der kurzen Zeit, die vor dem Rückflug bleibt, muss der dann zum Telefonhörer greifen und eine schnelle Lösung finden. "Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie man das Problem nicht beheben muss, sondern mitnehmen darf: Man muss es in ein technisches Logbuch eintragen und alles dokumentieren. Es gibt genaue gesetzliche Anforderungen und das ist unheimlich viel Schreibkram - und das zum Beispiel nur für eine kaputte Glühbirne."

Wertschätzung auf das engste Team beschränkt

Wichtig für die Stressbewältigung ist auch das Gefühl, gute Arbeit zu leisten. Im Cockpit unter Kollegen funktioniere das noch gut, meint der Pilot. "Die Piloten ziehen ihr persönliches Erfolgserlebnis daraus, dass sie ihren Job gut machen und das Flugzeug sicher von A nach B kommt. Die meiste Wertschätzung, die sie bekommen können, ist es in Fachkreisen gelobt zu werden - wo der Kollege sagt: 'Diesen Flug hast Du besonders gut durchgeführt!'"

Leider gehe diese Wertschätzung aber in der heutigen Management-Kultur verloren, so der Gewerkschafter Wahl. "Vielleicht gibt es zu Weihnachten einen Weinachtsgruß, in dem es heißt: 'Ja, wir sind besonders toll' - oder so ähnlich. Aber dass jemand von der Flottenleitung kommt - also mein direkter Vorgesetzter - und sagt: 'Mensch, das ist total gut, wie ihr das macht', das gibt es heute eigentlich nicht mehr."

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