Studie untersucht Auswirkungen des Klavierspielens aufs Alter | Musik | DW | 30.12.2017
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Musik

Studie untersucht Auswirkungen des Klavierspielens aufs Alter

Wer ein Instrument spielt, hat die Grundlagen meist schon als Kind erlernt. Dass Musikunterricht auch etwas für Senioren ist und Vorteile bringt, wollen nun Wissenschaftler aus Hannover und Genf aufzeigen.

Wie wirkt sich Instrumentalunterricht auf die Lebensqualität älterer Menschen aus? Das wollen Hirnforscher mit einer neuen Studie herausfinden. Mitmachen können 64- bis 76-Jährige, die bisher kein Instrument beherrschen. Etwa 100 Teilnehmer sollen ab Sommer 2018 ein Jahr lang Klavierunterricht oder eine theoretische Musikausbildung erhalten. Im DW-Interview erklärt Eckart Altenmüller, der Musikmediziner und Leiter der Studie, welches Potential die Musik für Senioren birgt.

Deutsche Welle: Herr Altenmüller, Sie wollen untersuchen, wie sich das Musizieren auf die Lebensqualität älterer Menschen auswirkt. Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich?

Eckart Altenmüller: Wir erhoffen uns, dass sich das Musizieren günstig auswirkt, sowohl auf psychologische Faktoren, wie zum Beispiel das Wohlbefinden oder eine geringere Depressivität, als auch auf das Denkvermögen, sprich Gedächtnisleistungen, Kombinationsfähigkeiten und die mentale Steuerungsfähigkeit, also die Fähigkeit, zielgerichtet zu denken. Was die Studie sehr aufwendig macht, ist, dass wir begleitend untersuchen wollen, wie sich das Gehirn der Seniorinnen und Senioren entwickelt und welche Auswirkungen das Musizieren beziehungsweise der theoretische Musikunterricht in der Kontrollgruppe auf die Hirnstruktur und die Hirnvernetzung haben.

Prof. Dr. Eckart Altenmüller (Eckart Altenmüller)

Professor Dr. Eckart Altenmüller

Vor allem soll die Studie aber auch auf die in unserer Gesellschaft so wichtige Rolle des guten Alterns hinweisen. Wir wollen ältere Menschen dabei unterstützen, sich wieder zu trauen, etwas Neues anzufangen. Es geht darum, einen Beitrag zur Lebensqualität älterer Menschen hier in Deutschland zu leisten.

Auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen bauen Sie Ihre Studie auf?

Wir haben bereits vor vielen Jahren an Studierenden zwischen 20 und 30 Jahren Untersuchungen gemacht. Da konnten wir zeigen, dass schon eine Klavierstunde dazu führt, dass eine Vernetzung zwischen Hören und Bewegen entsteht, die dann nach wenigen Wochen stabil ist. Jetzt wollen wir schauen, ob ähnliche Veränderungen, man nennt das neuroplastische Anpassung, auch bei älteren Menschen im Gehirn stattfinden.

Sie testen zwei Gruppen. Die eine erhält Klavierunterricht, die andere wird in Musiktheorie geschult. Warum?

Uns war wichtig, dass wir eine sogenannte Parameterkonstanz bewahren. Das heißt, es muss sich eigentlich bei beiden Gruppen nur eine Sache unterscheiden. In dem Fall ist es tatsächlich die Tätigkeit mit den Händen am Instrument. Die Musiktheoriegruppe erhält Unterricht in Musikgeschichte und ein bisschen Harmonielehre. Das wird sehr unterhaltsam und auch sehr motivierend gestaltet. Aber nur die Klaviergruppe lernt, ein Instrument zu spielen.

Deutschland China Musik München Klassik am Odeonsplatz Lang Lang (dapd)

Auf sein Niveau werden es Senioren wohl nicht mehr schaffen - Starpianist Lang Lang spielt Klavier seit er drei Jahre alt ist

Bloßes Musikhören reicht also nicht aus, um ähnliche Effekte zu erzielen?

So ist es. Auch das bloße Musikhören ist gut und kann wahrscheinlich auch Lebensqualität und Freude verbessern. Aber Musik zu machen, ist viel einschneidender und formender.

Wie gehen Sie sicher, dass sich die Effekte auf das Musikmachen zurückführen lassen und nicht schlicht darauf, dass sich die Seniorinnen und Senioren freuen, eine schöne Beschäftigung und Gesellschaft zu haben?

Die sogenannten unspezifischen Motivationseffekte müssen wir natürlich ausschließen. Deswegen haben wir die Kontrollgruppe eingeführt, die nicht Klavier lernt, die aber trotzdem auch mit Freude etwas Interessantes über Musik erfährt.

Das heißt, dass auch andere kreative Tätigkeiten neben dem Musizieren positive Auswirkungen haben können?

Wir untersuchen das zwar nicht, aber wir gehen davon aus, dass zum Beispiel ein Töpferkurs oder ein Malkurs ähnlich positive Auswirkungen auf das Gehirn haben können. Dafür gibt es schon bei Kindern und Jugendlichen entsprechende Hinweise.

Das Gespräch führte Paula Rösler.

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