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Aktuell Deutschland

Studie: UN-Kinderrechtskonvention bei Flüchtlingen kaum beachtet

Das Kinderhilfswerk World Vision beklagt fehlende Aufmerksamkeit für die Lage geflüchteter Kinder in Deutschland. Deutlich mehr Anstrengungen zur Integration von Flüchtlingskindern seien nötig.

Beim Umgang mit geflüchteten Kindern findet die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland laut einer Studie nicht genügend Beachtung. Die Konvention stelle das Kindeswohl bei allen Kinder betreffenden Entscheidungen in den Vordergrund, Flüchtlingskinder würden jedoch vielfach lediglich "aufbewahrt oder hin- und hergeschoben", sagte Christoph Waffenschmidt, Vorsitzender des Kinderhilfswerks World Vision, in Berlin. Kinder bräuchten möglichst schnell einen geregelten Alltag und eine sichere Wohnsituation.

Das christliche Hilfswerk hat die Studie "Angekommen in Deutschland - wenn geflüchtete Kinder erzählen" zusammen mit der Goethe-Universität Frankfurt, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der Hoffnungsträger-Stiftung und der Stiftung "Children for Tomorrow" erstellt. Sie befasst sich gezielt mit begleiteten minderjährigen Flüchtlingen, erläuterte Waffenschmidt bei der Vorstellung. Im Gegensatz zu unbegleiteten Altersgenossen erhielten diese wenig Aufmerksamkeit und würden "unter die Familie" und damit unter Erwachsenenbedürfnisse "subsummiert".

250.000 Flüchtlingskinder in 2015

Vergangenes Jahr seien 250.000 Minderjährige nach Deutschland gekommen; fast jeder dritte Asylantrag stamme aus dieser Gruppe. Daher müsse den spezifischen Bedürfnissen von Kindern in der Flüchtlingsdebatte mehr Beachtung geschenkt werden, heißt es in der Studie.

Von Beginn an müssten "größte Anstrengungen" unternommen werden, Flüchtlingskindern in Deutschland eine gute Bildung und die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse zu ermöglichen, sagte Waffenschmidt. World Vision fordere daher, das Jugendamt bei flüchtlingspolitischen Entscheidungen stets einzubinden, sofern auch Kinder davon betroffen sind.

Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtlingsjunge sitzt über sein Schreibheft gebeugt in der Otto-Kühne-Schule in Bonn. (Foto: DW/Dunja Dragojevic-Kersten)

Schulunterricht bietet Flüchtlingskindern einen geregelten Tagesablauf und Ablenkung

Für die Studie wurden geflüchtete Kinder in Deutschland unter anderem zu ihren Fluchtgründen sowie zu ihren Erwartungen an die Bundesrepublik befragt. Die Interviews mit geflüchteten Kindern ergaben der Studie zufolge, dass der Verlust der Heimat und von Angehörigen, traumatische Erlebnisse auf dem Fluchtweg sowie die Unsicherheit über die unmittelbare Zukunft prägende Elemente ihrer psychischen Verfassung darstellen. Aus Kindessicht sei die Erlaubnis zum baldigen Familiennachzug daher ebenso wichtig wie ein Verbot unangekündigter Abschiebungen.

Zu viel Zeit verstreicht bis zum Schulstart

Ein schnellstmöglich geregelter Alltag, bestimmt von Schule und anderen Bildungsangeboten, sei notwendig, um die seelische Gesundheit und Integration der Kinder zu fördern, erläuterte die an der Studie beteiligte Familienforscherin Sabine Andresen. So kämen sie außerdem schnell mit einheimischen Kindern in Kontakt, was für eine Normalisierung ihrer Situation ebenfalls förderlich sei. Derzeit blieben Kinder aber noch mitunter länger als ein halbes Jahr in Erstaufnahmeeinrichtungen, "ohne dort eine angemessene Betreuung zu erfahren", beklagte sie.

Im Grundsatz gelte es, Ungleichheiten in der Lebenssituation geflüchteter und einheimischer Kinder weitestmöglich abzubauen, hoben die Autoren der Studie hervor. Flüchtlingskinder seien in aller Regel "sehr willig" zur Integration und brächten "große Ressourcen" mit sich, die sie in Deutschland investieren wollten. Es sei "inakzeptabel", wenn die Kinder nicht als Chance für Deutschlands Gesellschaft, "aber auch für ihre Heimatländer" betrachtet würden.

pab/se (afp, epd, kna)