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Aktuell Deutschland

Studie: Jeder sechste Ostdeutsche rechtsextrem

Regelmäßig misst die Friedrich-Ebert-Stiftung rechtsextreme Einstellungen. Obwohl es Deutschland insgesamt wirtschaftlich vergleichsweise gut geht, nimmt fremdenfeindliches Denken weiter zu.

"Unsere Zahlen zeigen, dass die Islamfeindschaft von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt wird und dass ausländerfeindliche Aussagen in den neuen Bundesländern auch von der Mehrheit geteilt werden." So fasste Elmar Brähler von der Universität Leipzig die Ergebnisse einer neuen Studie zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland zusammen. Knapp 16 Prozent der in den neuen Bundesländern lebenden Deutschen haben demnach ein sogenanntes "geschlossenes rechtsextremes Weltbild". Im Jahr 2002 waren es 8,1 Prozent der Befragten. Der Wert hat sich also verdoppelt. In den alten Bundesländern dagegen ging der Wert von 11,3 auf 7,3 Prozent zurück. Man könnte auch sagen, dass sich die Verhältnisse in Ost und West in den vergangenen Jahren umgekehrt haben.

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Mehr Rechtsextreme in Ostdeutschland

Brähler ist Professor für Psychologie und Soziologie und einer von drei Autoren der Studie "Die Mitte im Umbruch". Auftraggeber der Studie ist die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Befragung wird seit dem Jahr 2002 alle zwei Jahre durchgeführt. Die regelmäßige Studie ist also mehr als eine Momentaufnahme und kann langfristige Entwicklungen abbilden. Vor allem in Ostdeutschland sei ein klarer Trend zu rechtsextremen Einstellungen erkennbar, heißt es nun. Gemessen wurden sechs Dimensionen von Rechtsextremismus: Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Das soziale Umfeld entscheidet mit

Besonders besorgniserregend sei die Tatsache, dass die rechtsextreme Tendenz in Ostdeutschland mit einer neuen Generation einhergehe, sagen die Autoren. Bestand in der Vergangenheit ein enger Zusammenhang zwischen zunehmendem Alter und rechtsextremer Einstellung, so fallen derzeit vor allem junge Ostdeutsche mit hohen Werten auf. Auch Antisemitismus ist in Ostdeutschland erstmals mehr verbreitet als in Westdeutschland.

Gleichwohl warnen die Autoren davor, Rechtsextremismus als ostdeutsches Problem zu klassifizieren. Vielmehr sei bei genauerer Betrachtung entscheidend, ob die Befragten in Regionen leben, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Solche sogenannten "abwärtsdriftenden Regionen" gebe es aber auch in Westdeutschland. Das zeigt sich in der ungewöhnlich hohen Ausländerfeindlichkeit unter den befragten Arbeitslosen im gesamten Land. Die eigene soziale Lage, so vermuten die Autoren, habe einen größeren Einfluss auf rechtsextreme Einstellungen als die Berichterstattung über aktuelle Themen wie den Morden der Zwickauer Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). "Den Effekt der medialen Aufmerksamkeit beim Thema NSU-Morde konnten wir in unserer Studie nicht feststellen", so Mitautor Oliver Decker.

Erstmals Zahlen zu islamfeindlichen Einstellungen

Die Befragung wurde im Sommer 2012 durchgeführt. Die Daten stammen von rund 2500 Personen, darunter auch  Migranten. Sie wurden von den Meinungsforschern persönlich befragt. Erstmals ging es dabei auch um die Einstellung zum Islam, denn rechtspopulistische Parteien würden seit einigen Jahren verstärkt auf anti-islamistische Propaganda setzen, sagen die Autoren. Deshalb müsse nun wohl auch Islamfeindlichkeit als "Einstiegsdroge" in den Rechtsextremismus betrachtet werden.

Konkret stimmte mehr als die Hälfte der Befragten den Aussagen zu, dass die islamische Welt rückständig und der Islam als archaische Religion unfähig sei, sich der Gegenwart anzupassen. Immerhin noch 45 Prozent verbieten sich der Studie zufolge jegliche Kritik von Vertretern des Islam an der westlichen Welt. "Das sind erschreckend hohe Werte", sagte Oliver Decker.

Schutzfaktoren

Die Autoren betonten, dass auch bei dieser Befragung festgestellt wurde: Bildung wirke als Schutzfaktor vor rechtsextremen Denken. Bei Regionen mit einem hohen Migrantenanteil sei das Problem mit rechtsextremen Einstellungen weitaus weniger verbreitet.

Auf jeden Fall sollten die aktuellen Zahlen, so die Studien-Autoren, ein Alarmsignal für die Politik sein. Sie plädieren dafür, Maßnahmen gegen Rechtsextremismus als Querschnittsaufgabe zu definieren - also als ein Problem, dass alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens berührt.

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