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Organisierte Kriminalität

Studie: Cyberkriminalität nur Spitze des Eisbergs

Der Trojaner WannaCry ist nur das jüngste Beispiel: Die Globalisierung hat neue Formen der organisierten Kriminalität hervorgebracht. Behörden weltweit müssen sich auf die neue Herausforderung erst noch einstellen.

"Das größte Unternehmen der Welt" - so beschreibt Thomas Franke die organisierte Kriminalität, oder OK, wie sie in Fachkreisen genannt wird. Franke ist Gründer und Chef des Forums Vernetzte Sicherheit, das in Berlin den Bericht "Wirtschaftsmacht Organisierte Kriminalität: Illegale Märkte und illegaler Handel" vorstellte. Die Statistiken darin sind ernüchternd und beeindruckend zugleich. Organisierte Kriminalität boomt weltweit. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht, aber der jährliche Umsatz des organisierten Verbrechens wird irgendwo zwischen 788 Milliarden und zwei Billionen Euro geschätzt. Seit 1998 nahm die Anzahl der an den EU-Aussengrenzen beschlagnahmten Waren um beinahe 1.000 Prozent zu.

Etwa 36,7 Prozent des organisierten Verbrechens in Deutschland entfallen auf den Rauschgifthandel. Einen zunehmenden Anteil haben Raubkopien. Von T-Shirts bis hin zu schweren Maschinen wird alles mal genauer, mal weniger genau illegal kopiert. Laut der Studie ist die Hälfte aller im Internet verkauften Medikamente Fälschungen. "Arzneimittel sind lukrativer als Kokain", resümiert der Autor der Studie, der Osnabrücker Rechtsprofessor Arndt Sinn.

Neue Welt, neue Verbrechen

Infografik Organisierte Kriminalität Deutschland DEU

Cybercrime hat (noch) einen geringen Anteil an Organisierter Kriminalität

Die Globalisierung, so der Bericht, hat das Wesen der Kriminalität entscheiden geändert. 5000 Banden sollen in Deutschland aktiv sein, davon agieren 70 Prozent international. Etwa 180 Nationalitäten sind darin vertreten.

"Wenn wir über organisierte Kriminalität reden, woran denken wir zuerst? Natürlich an klassische Mafiapaten und an Rockerbanden", sagt Clemens Binninger, CDU-Abgeordneter und Mitglied des Innenausschusses im Bundestag. "Aber dass OK mehr ist als das und sich ständig weiterentwickelt, ist eine der Erkenntnisse, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen".

Noch beunruhigender sind die zunehmenden Überschneidungen zwischen Kriminalität und Terrorismus. Gruppen wie IS und Al-Qaida finanzieren sich zum Teil über den Drogenhandel. Der Weltmarktführer für gefälschtes Captagon, ein Amphetamin, das gegen Müdigkeit, Schmerz und Angst wirkt, ist das vom Krieg zerstörte Syrien. Das Aufpuschmittel wird von Soldaten wie auch von Terroristen geschluckt, um mehr Leistung zu bringen.

Hilfe für Möchtegern-Erpresser

Cyberkriminalität wie die versuchte WannaCry-Erpressung stellt knapp vier Prozent der OK-Verbrechen dar, Tendenz zunehmend. Wer ist für diese neue Kriminalitätswelle verantwortlich, und was kann man dagegen unternehmen?

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Globale Ransomware-Attacke: Hunderttausende Organisationen betroffen

WannaCry ist ein Beispiel für ein vergleichsweise neues kriminalistisches Phänomen, das in der Grauzone zwischen organisiertem und individuellem Verbrechen existiert. Kriminelle IT-Fachleute haben Software-Tools entwickelt und zum Teil von staatlichen Stellen adaptiert, um ihren Mitmenschen zu schaden. Es gibt sogar eine ganze "Sekundärindustrie", die das Erpressen von anderen erleichtert.

"Es gibt ein Erpressungs-Tool, das können Sie kostenlos im Darknet herunterladen, und Sie zahlen den Autoren 30 Prozent Provision, wenn es funktioniert hat", berichtet Sinn. "Dieses Tool ist eine Box. Sie tragen den Erpressertext rein, Sie tragen die Emailadressen derer ein, die Sie erpressen wollen, und so weiter."

IT erlaubt es Cyberkriminellen, sehr flexibel und in kleinen Gruppen zu arbeiten. Um so schwerer sind ihre Verbrechen zu ahnden. Nicht einmal die Definitionen sind immer klar zu treffen. "Nur weil der Angriff 200.000 Rechner und 100 Länder betroffen hat, muss dahinter nicht unbedingt eine große Struktur stecken. Es ist die Waffe, die Software, die so mächtig ist", sagt Binninger.

Alles, was Profit abwirft

gefälschte Zigaretten in einer Lagerhalle in Hamburg (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Verbraucher sollten auf Schmuggelware verzichten

Selbst bei traditionellen Formen des organisierten Verbrechens haben Ermittler es alles andere als leicht. Viele gefälschte Markenartikel stammen aus China. Aber in Deutschland fehlt der politische Wille, einen Konflikt über Produktpiraterie mit einem so wichtigen Handelspartner vom Zaun zu brechen. Kriminelle profitieren auch von mangelnder Kooperation innerhalb der EU. Laut dem Prümer Vertrag, den elf EU-Staaten und Norwegen im Jahr 2005 abgeschlossen hatten, sollen Mitgliedsstaaten DNS-Befunde und andere kriminalistische Daten untereinander teilen. Staaten wie Italien kommen bis heute diesen Pflichten nicht nach. Davon profitieren unter anderen Menschenschmuggler und Schleuser.

"OK nutzt alles aus, was Profit abwirft", sagt Sinn.

Letztendlich, meinen die Experten, wird das organisierte Verbrechen solange florieren, bis private Individuen und Wirtschaftsunternehmen sich verantwortungsvoller verhalten. Das heißt: im Urlaub die gefälschte Markensonnenbrille nicht zu kaufen oder vor dem Abschluss eines Vertrages zu prüfen, mit wem man es bei einem Geschäft wirklich zu tun hat.

"Legale Unternehmen transportieren illegal Güter", stellt Sinn fest. "Das Prinzip 'Kenne deinen Kunden', das wir aus der Geldwäsche kennen, sollte zum Leitprinzip für die Wirtschaft werden".

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