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Deutschland

Studenten-Schwemme steht bevor

Die deutschen Hochschulen befürchten in den nächsten Jahren einen Massenansturm auf die Hörsäle: Doppelte Abiturjahrgänge und der Wegfall der Wehrpflicht sorgen für enormen Zuwachs. Das zeigt auch das Beispiel Köln.

Hauptgebäude der Universität zu Köln

An der Universität zu Köln tut sich etwas - das ehrwürdige Hauptgebäude ist eingerüstet, die Fenster und Teile der Fassade werden saniert. Direkt nebenan, wo früher Autos parkten, drehen sich Kräne über einer Großbaustelle. Hier entsteht der neue zentrale Verwaltungstrakt - und wenn der einmal fertiggestellt ist, dann werden auch in den übrigen Gebäuden wieder Räume frei.

Gebrauchen könnte man die gut - das findet jedenfalls eine Studentin im Foyer des "Philosophikums", auch dieses Gebäude wird demnächst saniert. "Momentan sind die Seminarrräume meistens ziemlich voll, und die haben auch keine Fenster. Das ist dann ziemlich unangenehm." Bei den Hörsälen komme es auf die jeweilige Vorlesung an, aber auch hier seien viele Veranstaltungen überfüllt: "Oft kriegt man keinen Platz und muss auf dem Boden sitzen."

Dauerzustand Überlast

Rund 42.000 Studierende sind an der Uni Köln im Wintersemester 2010/2011 als Haupthörer eingeschrieben, dazu kommen noch Gasthörer und Promotionsstudenten. Ausgelegt ist die Hochschule ursprünglich für 20.000 Studierende – trotz aller bisherigen Erweiterungen bei Gebäuden und Personal fährt die Universität seit Jahren mit einer "Überlast von über 100 Prozent", so Pressesprecher Patrick Honecker. Auf fast alle Fächer gebe es bereits einen Numerus Clausus, eine Zulassungsbegrenzung also: "Das Problem ist vor allem das Betreuungsverhältnis. Das heißt, wir haben teilweise einen Professor, der über 100 Studierende betreuen muss. Eine individuelle Betreuung, wie man sie für einzelne Studenten gerne hätte, ist gar nicht möglich."

Studierende verfolgen im Hörsaal der Universität in Köln eine Vorlesung im Fach Mathematik (Quelle: dpa)

Studierende verfolgen im Hörsaal der Universität in Köln eine Vorlesung im Fach Mathematik

Wie an jeder Universität gibt es auch in Köln einige besonders überlaufene Studiengänge, in anderen Fächern ist die Situation dagegen eher entspannt: Bei Latein auf Lehramt, berichtet eine Studentin, seien die Veranstaltungen nicht so voll, und das werde voraussichtlich auch in den nächsten Jahren so bleiben. Ein Kommilitone studiert Regionalwissenschaften, und da seien Hörsäle und Seminarräume zumindest am Anfang des Semesters dem Ansturm nicht mehr gewachsen. "Die ersten ein, zwei Monate sind brechend voll, jetzt schon. Das heißt, wenn dann noch die Wehrdienstler dazukommen und der doppelte Abiturjahrgang, dann wird es sicherlich lustig."

Doppel-Jahrgänge und Hochschulpakt

Schneller zum Studium, schneller zum Beruf - das war die Idee hinter der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre; mittlerweile ist das in allen deutschen Bundesländern die Regelschulzeit bis zur Hochschulreife. Die unvermeidliche Kehrseite der Reform: Zwei aufeinanderfolgende Jahrgänge von Gymnasiasten werden gleichzeitig fertig, legen ihre Abiturprüfungen ab und drängen an die Universitäten. Mit deutschlandweit 275.000 zusätzlichen Studienanfängern bis zum Jahr 2015 rechnet die Kultusministerkonferenz. Der einzige Lichtblick dabei: Weil die Länder die Reform zeitversetzt eingeführt haben, verteilt sich der Studentenschwall ein wenig.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) ist es 2013 soweit, dann gibt es die doppelten Abi-Zeugnisse, und dann müssten auch die Studentenzahlen in Köln ihren Höhepunkt erreichen und anschließend wieder abflauen. Honecker ist bei solchen Prognosen aber mittlerweile sehr skeptisch: "Das Verrückte ist ja, dass seit den 1970er Jahren die Politik davon ausgeht, dass das Bugwellen sind, die irgendwann abflachen." Die Rückgänge an Studentenzahlen blieben aber weitgehend aus, so der Uni-Pressesprecher. Eines steht fest: Die Kölner Uni soll in den nächsten fünf Jahren insgesamt 7500 zusätzliche neue Studenten aufnehmen, das wurde im so genannten Hochschulpakt II vereinbart. Für jeden Studenten erhält die Universität eine Prämie von 20.000 Euro.

Ungebrochene Attraktivität

Ausländische Studenten und Studentinnen informieren sich an der Universität Köln über die Lehrpläne (Quelle: dpa)

Ausländische Studenten und Studentinnen informieren sich an der Universität Köln über die Lehrpläne

Ob sich nach 2015 mit zwischenzeitlich möglicherweise 50.000 Studenten die Situation wieder entspannt, dafür würde Honecker die Hand nicht ins Feuer legen. Köln übe als Großstadt und Großuniversität eine besondere, dauerhafte Anziehungskraft auf Studierwillige aus, auf deutsche wie auch auf die aus dem Ausland. "Im Moment haben wir so ungefähr elf Prozent ausländische Studierende, zwischen 4000 bis 4500. Es kann durchaus sein, dass auch aufgrund von politischen Veränderungen mehr Studierende nach Deutschland kommen." Im Moment entschieden sich viele junge Menschen aus China, Russland und der Türkei zum Studium in Köln, so Honecker. Nach wie vor garantiere eine deutsche Hochschule eine gute Ausbildung, und zwar für den Studenten finanziell "relativ günstig".

Ein ganz besonderes Problem ist in Köln der Wohnungsmarkt - da sind sich der Pressesprecher und die betroffenen Studenten einig. Schon jetzt sei es extrem schwierig, bezahlbare Angebote zu finden, bei noch mehr Studierenden könnte die Budensuche zur "Mission Impossible" werden.

Des einen Freud, des anderen Leid

Gegen die eigene Raumknappheit stemmt sich die Uni mit Neubauten und Anmietungen, gegen das problematische Zahlenverhältnis von Lehrenden und Studierenden mit Neueinstellungen; viele Verträge sind allerdings befristet.

Dass die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die 2006 eingeführten Studiengebühren nun wieder abschaffen will, trifft in Köln auf geteilte Resonanz. Bei den Studenten kommt die Entlastung naturgemäß gut an. Die Hochschulleitung dagegen ist besorgt, denn die zusätzlichen Mittel habe man in den vergangenen Jahren gezielt für die Verbesserung der Studiensituation einsetzen können. Zwar soll es für die wegfallenden Studierendenbeiträge eine Kompensation vom Land geben, aber eben wohl nicht in voller Höhe: Die Uni Köln rechnet momentan mit zukünftigen Mindereinnahmen von sechs bis sieben Millionen Euro pro Jahr.

Das Fazit also: Weniger Geld - mehr Studenten. Aber Honecker bleibt in guter rheinländischer Tradition zuversichtlich: "Die nächsten Jahre werden schwer, aber wir werden es schaffen. Uns gibt es seit 1388, da werden wir das auch noch überstehen."

Autor: Michael Gessat
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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