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Bildung

Studenten lernen im Flüchtlingsheim

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Darauf sind Sozialarbeiter noch nicht gut vorbereitet. Eine Berliner Hochschule bringt deshalb schon Studenten mit Asylbewerbern zusammen - im Flüchtlingsheim.

Empört blickt Professorin Nivedita Prasad auf die Plakate der NPD. "Geld für Oma statt für Sinti und Roma" steht darauf. Die rechtsextreme Partei hat die dumpfen Parolen überall an Straßenlaternen angebracht. Genau entlang des Weges, der durch die Plattenbausiedlung in Berlin Hellersdorf zum Flüchtlingsheim führt. "Da sehen Sie, was hier für ein Klima herrscht", ärgert sich die Professorin. "In anderen Stadtteilen bleiben die Plakate gar nicht hängen." Der feindseligen Stimmung im Bezirk wollte die

Alice-Salomon-Hochschule

etwas entgegensetzen. Deshalb veranstaltet sie seit letztem Herbst Seminare im Flüchtlingsheim.

Einer

aktuellen Statistik

zufolge hat sich die Zahl der Asylbewerber in Deutschland seit dem vergangenen Jahr fast verdoppelt. Das stellt besonders die Sozialarbeit vor große Herausforderungen. Flüchtlinge müssen in den Städten besser integriert werden, um soziale Spannungen zu vermeiden. Dafür müssen die Sozialarbeiter mit verschiedenen deutschen Behörden zusammenarbeiten und das komplizierte deutsche Asyl- und Sozialrecht gut kennen. Deutsche Hochschulen wollen ihre Studenten nun besser darauf vorbereiten. Da kann die direkte Nähe zu den Asylbewerbern nur hilfreich sein.

Voneinander lernen

Professorin Nivedita Prasad gibt ein Seminar im Flüchtlingsheim in Berlin Hellersdorf (Foto: DW/Tim Wiese)

Jeden Donnerstag unterrichtet Professorin Nivedita Prasad ihre Studenten im Flüchtlingsheim

"Möglichkeiten und Grenzen sozialer Arbeit im Rahmen restriktiver Asypolitik" heißt das Seminar, das Nivedita Prasad im Berliner Flüchtlingsheim abhält. Selbstverständlich sind auch die Bewohner willkommen. Allerdings nutzen nur wenige das Angebot. "Die Menschen hier haben natürlich erst einmal andere Probleme", weiß die Professorin für soziale Arbeit. Dafür kommt es aber zu einem regen Austausch am Rande der Lehrveranstaltung. Da viele Studierende selber einen Migrationshintergrund haben, bringen sie unterschiedlichste Sprachkenntnisse mit. Einige können sich fließend auf Türkisch, Russisch oder Arabisch mit den Flüchtlingen austauschen.

So sind nach und nach intensive Kontakte entstanden, die allen nutzen. "Wir nehmen hier viel Wissen mit, wie die Lebensbedingungen und die Rechte von Geflüchteten sind", erklärt Susanne. Die Studenten lernen zum Beispiel, wer nach der Genfer Flüchtlingskonvention ein Recht auf Asyl hat und dass Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt sind, drei Monate lang das Recht haben, ihre Familie nachzuholen.

Die Situation der Asylbewerber hat Susanne so bewegt, dass sie sich nun in der studentischen Initiative "Grenzen weg" engagiert. Die Mitglieder begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen, veranstalten gemeinsame Fußballturniere oder treffen sich mit den Bewohnern zum Kaffeeklatsch.

Demonstranten demonstrieren für die Flüchtlinge im Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf (Foto: dpa)

Ein Zeichen gegen Intoleranz setzen: Berliner Studenten engagieren sich für die Flüchtlinge im Asylbewerberheim

Theorie trifft auf Realität

"Wir wollten auch unseren Elfenbeinturm verlassen", so Nivedita Prasad. Die Theorie soll mit der Realität konfrontiert werden. In dieser Wirklichkeit kommen die Studierenden spätestens an, wenn sie das erste Mal die Sicherheitsschleuse am Eingang des Flüchtlingsheims passieren. Ein Wachmann scannt ihre Hausweise. Niemand darf einfach so das Gebäude betreten oder verlassen. "Es ist kein freier Raum, das spürt man sehr", beschreibt Seminarteilnehmerin Miriam anfängliche Beklemmungen.

Um so schöner ist die Herzlichkeit, mit der einige Flüchtlinge die Gäste begrüßen. Mittlerweile kennt man sich mit Namen. Kinder laufen unbefangen auf die Studierenden zu, erkundigen sich nach dem nächsten Fußballspiel oder Nachhilfeunterricht. Eine Bewohnerin wartet, weil sie Hilfe bei der Übersetzung eines Briefes benötigt. Eines ist Miriam aber wichtig: "Wir wollen hier nicht als die Retter oder die großen Helferlein auftreten." Der Studentin geht es um eine Begegnung auf Augenhöhe.

Vorbildcharakter

Außenansicht des Flüchtlingsheims in Berlin Hellersdorf (Foto: dpa)

Mit buntem Graffiti gegen graue Vorurteile: Das Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf

Nicht nur die Studierenden lernen in der ungewöhnlichen Umgebung. "Auch ich überprüfe immer wieder eigene Vorurteile", berichtet Nivedita Prasad. Beeindruckt hat die Dozentin zum Beispiel ein Gespräch mit Bewohnern, in dem es um deren Wünsche ging. Die meisten hätten erzählt, dass sie auf Frieden und eine Rückkehr in ihre Heimat hofften. "Damit hatte ich nicht gerechnet", gibt die Professorin zu.

Im letzten Semester haben 300 Studentinnen und Studenten der Alice-Salomon-Hochschule Seminare im Flüchtlingsheim besucht. Die gute Idee hat sich herumgesprochen. Mittlerweile gibt es auch weitere Bildungseinrichtungen, die in Flüchtlingsheimen an anderen Orten in Deutschland Unterricht abhalten.

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