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Wirtschaft

Strittige Zahlenwerke

Der Chef der US-Börsenaufsicht möchte in Brüssel über Bilanzrichtlinien für ausländische Firmen sprechen. Der EU gehen seine Kontrollpläne zu weit. Sie will in Verhandlungen hart bleiben.

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Die US-Börsenaufsicht macht Druck auf die EU

Vor dem Treffen zeigt sich Harvey Pitt noch gesprächsbereit und räumt ein, dass auch die USA nicht alle Antworten haben im Streit um Bilanzrichtlinien. Wenn der Chef der US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) am Mittwoch (9. Oktober 2002) auf Vertreter der EU-Kommission trifft, erwarten ihn jedoch auch schwierige Gespräche. Nach zahlreichen Bilanzskandalen von US-Firmen will die SEC mit harter Hand Ordnung an der New Yorker Börse schaffen. Davon sind auch an der Wall Street gelistete ausländische Firmen betroffen. Der Europäischen Union (EU) und ihrem Kommissar für den Binnenmarkt Frits Bolkestein gehen manche Regelungen jedoch zu weit.

Um blanke Zahlen geht es, Bilanzen und Richtlinien. Eine EU-Verordung vom Juni dieses Jahres legt fest, dass alle börsennotierten und am Finanzmarkt orientierten Unternehmen in Europa ihre Rechnungslegung bis 2005 nach den Internationalen Bilanzierungsrichtlinien IAS (International Accounting Standards) zu erstellen haben. Problem: In den USA gelten die Bilanzregeln GAAP (General Accepted Accounting Principles).

Doppelte Buchführung

Mehr als 1300 ausländische Firmen, die auch an US-Börsen gehandelt werden, müssen darum einen GAAP-Geschäftsabschluss erstellen. Im Falle europäischer Unternehmen bedeutet das doppelte Buchführung – mit entsprechendem Aufwand und zusätzlichen Kosten. In Deutschland sind davon rund 30 internationale Konzerne wie DaimlerChrysler betroffen. Auf Ausnahmeregelungen für europäische Konzerne mit einheitlichem IAS-Abschluss will sich die SEC bislang nicht einlassen.

Zur Mehrarbeit kommen nun auch noch schärfere Regelungen für Wirtschaftsprüfer, die in einem Unternehmen den Geschäftsbericht kontrollieren. Bilanzskandale mit gefälschten Zahlen von US-Firmen wie Enron und Worldcom haben in den Vereinigten Staaten das Vertrauen in Börsenbetriebe stark erschüttert. Die SEC will darum alle Wirtschaftsprüfer, die für US-notierte Unternehmen arbeiten, einem neu geschaffenen Kontrollgremium unterstellen. Dieses darf im Auftrag der Börsenaufsicht interne Akten einsehen und sogar Hausdurchsuchungen durchführen.

EU will Ausnahmeregelungen

Für Wirtschaftsprüfer europäischer Unternehmen will die EU-Kommission jedoch Ausnahmeregelungen durchsetzen. Nach hiesigem Recht unterliegen Wirtschaftsprüfer nicht nur der Schweigepflicht, sondern werden bereits von öffentlichen Einrichtungen wie der Wirtschaftsprüferkammer kontrolliert. Bei den Gesprächen mit SEC-Chef Pitt diese Woche will Kommissar Bolkestein darum hart bleiben. Notfalls denkt man in Brüssel über spezielle Registrierungen für amerikanische Wirtschaftsprüfer nach.

Pitts Verhandlungsspielraum ist allerdings nicht groß, denn er steht selber unter Druck. Als Leiter des neuen Aufsichtsgremiums für Wirtschaftsprüfer hat die SEC John Biggs nominiert. Der Vorstandschef eines großen Pensionsfonds ist zwar als Verfechter schärferer Kontrollen bekannt. Er gilt jedoch auch als gewerkschaftsfreundlich, was ihn bei der konservativen Regierung von George Bush nicht zum Wunschkandidaten macht. Sollte sich der SEC-Chef mit seinem Personalvorschlag in Washington nicht durchsetzen, kann er nicht auch noch in Brüssel klein beigeben.