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Wirtschaft

Stresstest in China?

Europas Banken wurden bei einem Stresstest von der Europäischen Zentralbank genau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis beeinflusst auch Chinas Regulierer, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

In Peking hat man genau hingeschaut, als vergangenes Wochenende die Ergebnisse der Stresstests von 130 Banken in Europa bekannt gegeben wurden. Während der Großteil der Banken grünes Licht bekamen, haben 13 Banken so schlecht abgeschlossen, dass sie sozusagen sitzen geblieben sind. Gemangelt hat es bei allen durchgefallenen Banken vor allem an fehlendem Kapital. Das Ergebnis war zwar insgesamt beruhigend und das sollte es wohl auch sein. In sofern muss man sich schon noch die Frage stellen, ob überhaupt eine realistische Beurteilung der Lage von der Europäische Zentralbank (EZB) gewünscht war.

In China spielen solche politischen Überlegungen eine noch größere Rolle. Aber auch China würde eine realistische Einschätzung der eigenen Finanzlage gut tun. Und auch die Welt sollte das interessieren. Die über 4000 Finanzinstitutionen Chinas haben gemeinsam Vermögen von über 160 Billionen RMB (26 Billionen US-Dollar), das ist etwa so viel wie die Gesamtaktiva der von der EZB getesteten Banken, die gemeinsam 22 Billionen Euro aufbringen. Es wären also nicht mehr nur Banken im Westen, die eine weltweite Schockwelle durch das Finanzsystem senden können, Chinas Banken spielen allein aufgrund ihrer Kapitalsummen auf einem Level, der mit denen der westlichen Banken durchaus mithalten kann, eine nicht unerhebliche Rolle. Einen großen Unterschied gibt es allerdings und der ist erheblich: Im Westen will man ja eine Situation vermeiden, in der private Banken maßlose Risiken eingehen und, wenn es gut geht, die Gewinne einstecken, und wenn es schief geht, der Staat einspringen muss. Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen, lautet dabei die Devise.

Kaum Überraschungen möglich

In China hingegen ist der Staat gleichzeitig Aufseher, Banker und Kreditnehmer. Deshalb hat der Staat von vornherein Spielregeln eingezogen, die eine Krise wie im Westen gar nicht erst entstehen lassen können. Das ist gut so. Aber, wenn Kontrolleure und Kontrollierte der gleichen kommunistischen Partei angehören, besteht die Gefahr, dass an der falschen Stelle ein Auge zugedrückt wird. Dennoch dürfte zumindest gegenwärtig ein Stresstest in China zumindest bei den staatlichen Banken keine großen Überraschungen bringen. Sie leihen ihr Geld zum überwiegenden Teil nur an Staatsbetriebe und ist das Geld weg, hat es eben der sozialen Stabilität gedient. Die Regierung springt ein. Und sie hat mehr als genug Reserven. Erst vor ein paar Wochen hat Peking seinen Banken eine Liquiditätsspritze verpasst und damit gezeigt, dass es großes Interesse an ihrer Stabilität hat. Und dennoch hätte ein Stresstest nach europäischem Vorbild seinen Reiz. Ob und wieviele faule Kredite in den Büchern der Banken liegen, wäre eines der Risiken, für die sich nicht nur die Anleger in China, sondern auch der Westen interessieren würde, selbst, wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass die Schulden weit davon entfernt sind, die Finanzstatik des Landes ins Wanken zu bringen. Vor allem die Kommunen sind zwar hoch verschuldet, aber sie haben auch noch viele Assets in Form von Staatsbetrieben, die längst nicht alle Verluste machen. Vor allem aber besitzen sie wertvolle Grundstücke.

Großer Finanzpuffer vorhanden

Doch Premier Li Keqiang will das Finanzsystem privatisieren und so ist es sinnvoll, gleich von Anfang an aus den Fehlern des Westens zu lernen. Es wären dann vor allem die mittelständischen Banken und die immer schneller wachsenden Online-Kreditbanken, die unter einem Horror-Szenario beweisen müssten, dass sie genug Geld zurückgelegt haben. Bereits im vergangenen Herbst hat Peking angekündigt, den privaten Banksektor mehr und mehr zu stärken und so auch mehr Wettbewerb zu den bisher dominierenden Staatsbanken zuzulassen. Damit dieser Wettbewerb funktioniert, wüsste man aber natürlich schon gerne vorher, was die privaten und bisher kaum regulierten Institute für Risiken unter der Haube haben. Für einen Stresstest würde daher auch sprechen, dass dann nicht nur einheitliche Spielregeln für alle aufgestellt werden, sondern auch die Angebote der einzelnen Banken insgesamt transparenter würden.

Das ist in dem Maße besonders wichtig, in dem sich die Konjunktur abschwächt und damit der Spielraum kleiner wird. Die Krisen, die dann entstehen, senden ihre Schockwellen nicht nur durch das chinesische Finanzsystem, sondern auch um die Welt. Dass China sein angestrebtes Wachstumsziel von 7,5 Prozent halten kann, wird immer unwahrscheinlicher. Erst im August war die Industrieproduktion so sehr eingebrochen, wie zuletzt während der weltweiten Finanzkrise 2008.

Die gigantischen Devisenreserven in Höhe von rund vier Billionen US-Dollar sind ein ausreichender Puffer, den Notenbankchef Zhou Xiaochuan, der von seinen westlichen Kollegen hoch geschätzt wird, klug ausgebaut und genutzt hat. Daran ändern auch die westlichen Gerüchte über seine Absetzung nichts. Zhou interessiert sich vor allem für die Methoden des Stresstestes. Und in diesem Fall sollte der Westen im eigenen Interesse mit dem Know-How-Transfer nicht kleinlich sein. Vorausgesetzt dabei kommt nicht heraus, dass die EZB doch mehr geschummelt hat, als selbst Peking vermutet.

Unser Kolumnist der Bestseller-Autor Frank Sieren ("Geldmacht China"), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.