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Wirtschaft

Stresstest: Gesundbeterei hilft nicht

Erstaunlich: Nur jede zehnte von 130 im Stresstest untersuchten Banken muss nachsitzen. Das ist zu schön, um wahr zu sein, und erinnert an Gesundbeterei, meint DW-Redakteur Rolf Wenkel.

Nun herrscht also Klarheit: Beim europaweiten Bankencheck der Europäischen Zentralbank EZB sind 25 der 130 wichtigsten Geldhäuser durchgefallen, insgesamt beträgt die Kapitallücke 25 Milliarden Euro. 13 Geldhäuser müssen die Lücke noch füllen, zwölf haben dies bereits getan.

Porträt - Rolf Wenkel

Rolf Wenkel, DW-Wirtschaftsredaktion

Aber herrscht nun wirklich Klarheit? "Es war eine sehr seriöse, von allen Beteiligten ernstgenommene Übung" - so charakterisiert BaFin-Chefin Elke König im Gespräch mit der DW den Stresstest.

Bei mir allerdings hat er einen völlig anderen Eindruck hinterlassen: Es ist im besten Fall eine Turnübung mit begrenztem Aussagewert über die wahre Fitness der Probanden, im schlimmsten Fall eine sehr aufwendige Suche nach den Banken, denen EZB-Chef Mario Draghi als allererstes Schrottpapiere im großen Stil abkaufen muss.

Beim Stresstest geht es im Kern darum, ob das Eigenkapital der Banken in einem vernünftigen Verhältnis zu den eingegangenen Risiken im Kreditgeschäft steht, und, wenn ja, ob das dann immer noch der Fall ist, wenn man die Banken künstlich unter Stress setzt, indem man einen Konjunktureinbruch und das Platzen einer Immobilienblase unterstellt.

Das klingt vernünftig, denn am 4. November übernimmt die Europäische Zentralbank die Aufsicht über die wichtigsten europäischen Banken, und die möchte natürlich keine Verantwortung für alte Risiken übernehmen.

Ein Konstruktionsfehler dieses Tests ist jedoch, dass es den Banken weitgehend selbst überlassen bleibt, wie sie ihre Risiken bewerten. Da liegt die Versuchung nahe, sich über diese so genannten "risikogewichteten" Aktiva schön zu rechnen.

Ehrlicher wäre es gewesen, den Banken eine feste Vorgabe für das Verhältnis von Eigenkapital zu den gesamten Anlagen zu verordnen – damit wären aber weit mehr durchgefallen als die jetzt genannten 13 Banken, die noch Nachsitzen müssen, um ihre Eigenkapitallöcher zu stopfen.

Was zum nächsten Konflikt führt. Denn Eigenkapital kann man sich besorgen, indem man neue Aktien ausgibt, oder seine Risiken verringert, sprich: weniger Kredite vergibt.

Nebenwirkungen

Beides aber hat unschöne Nebenwirkungen: Mit einem angeschlagenen Ruf wird es schwer, neue Investoren zu gewinnen, während sich die Altaktionäre schwarz ärgern, weil der Wert ihrer Aktien verwässert wird.

Deshalb werden die Banken zur zweiten Methode greifen, die gesamtwirtschaftlich aber noch verheerendere Folgen hat: Es werden weniger Kredite vergeben, also genau des Gegenteil dessen praktiziert, was die EZB gerne erreichen möchte, nämlich dass die Wirtschaft reichlich mit Geld für Investitionen versorgt wird.

Nur 13 von 130 europäischen Banken sollen kränkeln - das erinnert stark an Gesundbeterei: Seht ihr, jetzt ist doch alles in Ordnung. Gewirkt hat Gesundbeterei bisher allerdings noch nie. Und der Internationale Währungsfonds nennt ganz andere Zahlen. Er hat nach eigenen Angaben 300 große Banken in den Industrieländern untersucht.

Gemessen an den Bilanzsummen seien 40 Prozent der Banken nicht zu einer volkswirtschaftlich angemessenen Kreditvergabe in der Lage. In der Eurozone hätten sogar 70 Prozent dieses Problem. Und der Leiter der IWF-Finanzmarktabteilung, José Viñals, macht keinen Hehl daraus, dass er diese Banken für überflüssig hält.

Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, beginnt EZB-Chef Mario Draghi vor allem den Banken des Südens, einschließlich Frankreichs, ihre größten Kreditrisiken abzukaufen. Diese faulen Kredite belaufen sich laut EZB auf 879 Milliarden Euro.

Damit steuert die EZB genau auf das zu, was nach Beteuerungen deutscher Politiker niemals eintreten würde: Die Vergemeinschaftung der Schulden. So mag der Stresstest einigen Bankern mehr Klarheit über das Volumen der in Europa kursierenden Schrottpapiere gebracht haben - doch Europas Bankenlandschaft hat er keinen Deut sicherer und stabiler gemacht.