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Deutschland

Streng vertraulich - Hinter den Mauern des BND

Der Auslandsgeheimdienst BND arbeitet abgeschirmt. Weil die Behörde demnächst nach Berlin umzieht, durften zum ersten Mal Journalisten das Gelände in Pullach bei München besichtigen. Mit dabei auch Fabian von der Mark.

Pullach BND-Zentrale Eingang Fußgängertunnel

Fußgängertunnel auf dem BND-Gelände

Egal ob Agent oder Besucher: Wer das von hohen Mauern und Stacheldraht umgebene Gelände des BND betreten will, muss am Eingang sein Handy abgeben. Einer der rund 2.700 Mitarbeiter - er muss hier anonym bleiben - findet das nicht schlimm. Im Gegenteil. "Das hat viele Vorteile. In der Kantine starren die Leute nicht auf ihre Handys, sondern reden miteinander." Der eigentliche Grund für das Handyverbot ist aber nicht der Wunsch nach mehr Kommunikation, sondern eher das Gegenteil. Denn nach wie vor ist alles, was auf dem 68 Hektar großen Gelände passiert, streng geheim.

BND-Präsident in Bormanns Schlafzimmer

Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes empfängt Gäste in Pullach in der sogenannten Präsidentenvilla. Gebaut wurde das Haus aber nicht für den deutschen Auslandsgeheimdienst BND, sondern für die Hitler-Partei NSDAP. Das Büro des heutigen BND-Präsidenten Gerhard Schindler war im Dritten Reich das Schlafzimmer des mächtigen Reichsministers und Leiters der Parteikanzlei der NSDAP, Martin Bormann. Im Garten des 30er-Jahre-Baus stehen noch Bronzestatuen, die Bormann einst von Hitler geschenkt bekam. Für Schindlers Behörde ist die Nazi-Vergangenheit aber mehr als nur eine finstere Skurrilität. Eine unabhängige Historikerkommission arbeitet seit 2011 die BND-Geschichte auf. Diese ist zumindest in den Anfangsjahren, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, eine Geschichte der Kontinuität – nicht nur räumlich, sondern auch personell.

Pullach BND-Zentrale Präsidentenvilla, beleuchtete Villa hinter einem Teich in der Dunkelheit

In der "Präsidentenvilla" ging Hitler ein und aus - heute ist sie Amtssitz des BND-Chefs

"Organisation Gehlen" zieht nach Pullach

Als am 6. Dezember 1947 die "Organisation Gehlen" auf das Gelände zog, wusste kaum jemand, was sich hinter dem Namen "Gehlen" und den hohen Zäunen verbarg. Tatsächlich entstand hier der Nachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland mit Reinhard Gehlen an der Spitze. Gehlen war bereits im zweiten Weltkrieg für die Aufklärung der Roten Armee zuständig. Mit derart begehrtem Wissen ausgestattet, leitete der Deutsche dann nach 1945 unter amerikanischer Führung die Ostaufklärung. In der "Organisation Gehlen" war der Chef allerdings nicht der einzige Alt-Nazi. Auf dem Areal in Pullach war zwischen 1936 und 1938 die sogenannte Rudolf-Hess-Siedlung entstanden. Leitende NSDAP-Mitarbeiter konnten hier arbeiten, wohnen und auf den weitläufigen Grünflächen auch eigenes Obst und Gemüse anbauen. Viele von ihnen blieben auch nach Kriegsende und bauten den neuen (west)deutschen Geheimdienst mit auf.

Pullach BND Gelände Organisation Gehlen Klubhaus, schwarz-weiß Foto eines langgestreckten Hauses

Im Klubhaus feierten Amerikaner und Deutsche der "Organsiation Gehlen"

Arbeiten und Wohnen an einem Ort

Bis zur Gründung des BND am 1. April 1956 hatten formal die Amerikaner in der "Organisation Gehlen“ das Sagen. Um das Gelände im beschaulichen Pullach standen in den ersten Jahren amerikanische Wächter, und nur sehr selten ging jemand ein oder aus. Die Mitarbeiter wohnten in Gebäuden des Architekten Roderich Fick, erbaut im Stil der Präsidentenvilla – zweistöckig, mit hohen Dächern, nur kleiner. Aus den Wohnungen sind längst Büros geworden. "Manchmal sitzt ein Mitarbeiter vor einer gefliesten Wand – das war dann eben früher ein Badezimmer., so ein BND-Mitarbeiter, der sich mit der Geschichte des Geländes und der Geschichte des BND befasst hat. Im Zuge der 60 Jahr-Feier wurden jetzt erstmals Journalisten auf das Gelände gelassen und der Fotografen Martin Lukas Kim durfte das Gelände nachts und ohne Mitarbeiter zu zeigen, dokumentieren.

Pullach BND-Zentrale IT-Zentrum

Der Stolz der Pullacher: das neue IT-Zentrum wurde Ende 2012 fertig

Wie spät ist es in Berlin?

Heute wirkt das Gelände wie ein Freilichtmuseum für deutsche Zeitgeschichte. Eine gelbe Telefonzelle steht am Straßenrand. Daneben ein leicht bemooster Beton-Pilz. Keine abgesägte Litfasssäule, sondern ein Ein-Mann-Bunker der Nazis – nicht der einzige bombensichere Unterschlupf auf dem Gelände.

Doch nur die wenigsten der über neunzig Gebäude in Pullach haben eine NS-Vergangenheit. In den 70er und 80er Jahren entstanden Zweckbauten wie das Haus 110. Innen glatt und kühl, mit hohen Decken. Hinter dicken Türen in abhörsicheren Räumen finden heute täglich Videokonferenzen mit Standorten und Agenten auf der ganzen Welt statt. Uhren zeigen, wie spät es in New York, London, Tokio, Moskau und – Berlin gerade ist. Berlin, der Grund, warum die Pullacher Architektur-Schau in den 90ern endet: Seit der Jahrtausendwende ist klar, dass der BND dorthin umzieht und daher nicht mehr in Pullacher Neubauten investiert wird. Nur einen Neubau gibt es noch – und der ist der Nukleus des BND-eigenen "Bayern-Konzepts".

Projekt Bayern: Alle gehen, nur die Technik bleibt

Mit dem neuen Rechenzentrum ist die Behörde in der Gegenwart der Informationstechnologie angekommen. Ausfallsichere Datenleitungen, spezieller Blitzschutz, Green IT – Ende 2012 ist hier in Pullach ein Technikzentrale entstanden, auf die der ganze Standort stolz ist. Das Rechenzentrum ist zugleich Gegenwart und Zukunft von Pullach. Auch wenn alles andere nach Berlin soll – in diese neue Techniklandschaft wurde schon zu viel investiert, sie funktioniert zu gut, als dass man sie einfach aufgeben könnte. Außerdem wollen nicht alle Mitarbeiter in die Hauptstadt umziehen. Rund 1.000 Arbeitsplätze sollen in Pullach bestehen bleiben. So sieht es das "Bayern-Konzept" vor, und das Rechenzentrum ist der Kern dieses Projekts. Ein Gebäude mit High-Tech-Servern, Hochleistungskühlung und komplexer Notstromanlage, gemacht für den rund-um-die-Uhr-Betrieb. Gemacht für lückenlose Überwachung und die Verarbeitung riesiger Datenmengen. Gemacht für automatisierte Aufklärung. Gemacht für Selektoren.

Berlin neue BND-Zentrale

Atrium der neuen Zentrale in Berlin. Bis 2017 will der BND hier einziehen

Probleme mit der NSA

Noch vor kurzem konnten nur IT-Spezialisten mit dem Begriff Selektoren etwas anfangen. Dann waren sie plötzlich in aller Munde: Selektoren sind Suchbegriffe, nach denen Geheimdienste auf der ganzen Welt den riesigen Strom von Kommunikationsdaten permanent durchforsten. Als im Zuge der Snowden-Enthüllungen klar wird, dass der BND durch Selektoren über europäische Partner und Firmen systematisch Informationen sammelt und diese auch an den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst NSA weitergibt, ist die Empörung in Deutschland groß. Ein Untersuchungsausschuss in Berlin ist mit der Aufarbeitung beschäftigt.

Ende einer Ära

Bleibt die Frage, was aus Pullach wird. Im neuen Teil des Geländes werden sich die verbliebenen Mitarbeiter um die verbliebene Technik und ihren Einsatz kümmern. Ab und zu wird der BND-Präsident zu Besuch kommen. Die Präsidentenvilla wird er dann nicht mehr nutzen können, denn der alte Teil des Geländes fällt nach dem Wegzug des Geheimdienstes an die Gemeinde Pullach. Der Kern der historischen Rudolf-Hess-Siedlung könnte dann vielleicht eine Art Freilichtmuseum werden.

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