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Welt

Streitschlichter auf internationalem Parkett

Wenn zwei sich streiten vermittelt ein unabhängiger Dritter. So funktioniert das auf dem Schulhof oder in der Eheberatung. Wer aber schlichtet bei internationalen Konflikten?

Thailändischer Soldat (Foto: AP)

Internationale Konflikte können schnell zu Kriegen werden

Januar 2006 – die Welt ist in Aufruhr wegen einiger Zeichnungen. In Syrien oder Indonesien brennen dänische Flaggen, auch die Botschaften des skandinavischen Landes werden attackiert. Der Anlass: Die dänische Zeitung "Jyllands Posten" hat unter dem Titel "Das Gesicht Mohammeds" Karikaturen des islamischen Propheten veröffentlicht. Eine Provokation, denn Bilder des Propheten sind in der islamischen Welt umstritten. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung versuchte im so genannten Karikaturenstreit zwischen der dänischen Regierung und muslimischen Geistlichen zu vermitteln.

Wer bei solchen Konfliktlösungen hinter den Kulissen die Strippen zieht, wird selten öffentlich. Johan Galtung, studierter Mathematiker und Soziologe, gilt als der erste Friedensforscher weltweit. Bereits 1993 gründete er in der Schweiz die unabhängige Friedensorganisation "Transcend", die bei Konflikten vermittelt. "Das ist peace by peaceful means – also Frieden mit friedlichen Mitteln", sagt Johan Galtung über die Arbeit der Organisation.

Friedensarbeit als Lebensaufgabe

Johan Galtung, norwegischer Friedensforscher, Leiter des transcend-Netzwerkes

Friedensforscher Johan Galtung

Seine Konfliktlösungsarbeit praktiziert der 80-Jährige schon seit 53 Jahren. Als Sohn eines inhaftierten Widerstandskämpfers verweigerte er den Kriegsdienst in Norwegen. Friedenswissenschaft wurde seine Berufung, als er in den Universitätsbibliotheken kaum Material zu Friedensforschung fand. "Es gab nur ein interessantes Buch von einem gewissen Herrn Kant." Gemeint ist die Schrift des Philosophen Immanuel Kant "Zum ewigen Frieden" von 1795. Später war Galtung Professor für Friedenswissenschaften an mehreren Universitäten, er hat mehr als 150 Bücher über Friedensforschung publiziert.

An Rente aber denkt er noch lange nicht, denn er sei bei "bester Gesundheit" und die Nachfrage nach Konfliktlösungsarbeit werde immer größer. So vermittelt er immer noch bei großen Konflikten und gibt Seminare für den Vermittler-Nachwuchs bei "Transcend". Aber wie löst man komplizierte Konflikte, die auf internationaler Ebene schnell zu Kriegen werden können? Das Erfolgskonzept von Johann Galtung klingt zunächst simpel. Es gehe um "Dialog, Dialog, Dialog", sagt er. "Ich mache keine Vorschläge, ich deute etwas an."

Kreative Lösungen sind gefragt

Es wäre wunderbar, wenn man auf Deutsch vermitteln könnte, fügt Galtung hinzu, denn im Deutschen gäbe es den Konjunktiv. Englisch dagegen sei eine "furchtbare Vermittlungssprache". Und die Sprache sei entscheidend, schließlich redeten die Konfliktparteien oft gar nicht miteinander oder nur aneinander vorbei. Aber mit Reden allein ist es meist auch nicht getan. Bei der Methode, die Johan Galtung entwickelt hat, geht ist nicht darum einen Kompromiss zu finden, denn der sei häufig mit Gesichtsverlust verbunden, mit zurückstecken und nachgeben. Bei ihm geht es vielmehr darum, eine kreative Lösung zu finden – eine Art "win-win-Situation".

Jamil Mahuad und Alberto Fujimori (Foto: dpa)

Mit Galtungs Hilfe konnte der Grenzstreit zwischen Ecuador und Peru gelöst werden

Mit dieser Methode konnte Galtung beispielsweise im Grenzkonflikt zwischen Peru und Ecuador vermitteln. Jahrelang stritten die beiden Länder sich über den Verlauf einer bestimmten Landesgrenze. Die ersten beiden Lösungen, die bei diesem Konflikt geradezu auf der Hand lagen, waren "Entweder-Oder"-Lösungen. Sprich: Entweder gehört das Gebiet zu Peru oder zu Ecuador. Das aber wäre eine Lösung, die immer nur eine Partei vollends zufrieden stellt, so Galtung. Für ihn lag das Problem in der festgefahrenen Suche nach der so genannten "Linie", also dem Verlauf der Grenze.

Er schlug zwei Alternativen vor: "weder-noch" oder "sowohl-als-auch". Bei der "weder-noch"-Variante würde das Gebiet in den Besitz eines Dritten fallen – den Vereinigten Staaten von Amerika zum Beispiel. Das aber stieße nur auf geringe Akzeptanz. Die "Sowohl-als-auch"-Variante wäre dagegen die kreative Lösung. In diesem Fall wurde sie schließlich gewählt: Man erklärte das umstrittene Gebiet zu einer binationalen Zone und damit gehört es beiden Ländern. Galtung nutzte die Gunst der Verhandlungsstunde und steuerte eine weitere kreative Idee bei: Das umstrittene Gebiet wurde zum Nationalpark erklärt.

Unabhängigkeit als Grundlage

In vielen Fällen aber ist die Sachlage wesentlich komplizierter. Lösungen für die Konflikte in Israel oder Sri Lanka wurden bis heute nicht gefunden. Galtung und seine Mitstreiter von "Transcend" stoßen in den ersten Gesprächen mit den Konfliktparteien oft auf bis zu 100 Zielvorstellungen, die es miteinander zu vereinbaren gilt. Dann suchen die Vermittler – auch Mediatoren genannt – nach der gemeinsamen Schnittmenge.

Weltweit arbeiten für "Transcend" 500 Mitglieder. Viele sind Wissenschaftler, die über Friedensforschung publizieren oder auch Seminare und Workshops anbieten. So finanziert sich die NGO völlig unabhängig. Schließlich ist die Unabhängigkeit einer Nicht-Regierungs-Organisation eine zentrale Grundlage. Strikte Neutralität ist die unabdingbare Voraussetzung für das Grundvertrauen, das die Konfliktparteien den Mediatoren entgegenbringen müssen, wenn deren Arbeit erfolgreich werden soll. Darin ist sich Galtung mit dem Journalist Andreas Zumach einig. Dieser ist unter anderem als Korrespondent für die Tageszeitung "taz" tätig und verfolgt die Entwicklung von Nicht-Regierungs-Organisationen wie "Transcend" seit den siebziger Jahren.

Einmischung – ja oder nein?

Damals hießen solche Organisationen noch "soziale Bewegungen" oder "Drittweltgruppen". Heute, in Zeiten des Internets, aber tummelten sich auch viele schwarze Schafe unter den so genannten Nicht-Regierungs-Organisationen, so Zumach. "Transcend" hingegen kennt er von Anfang an und befürwortet die Methoden seines Gründers Johan Galtung. Doch er weiß auch, dass sie bei vielen umstritten sind: "Ein solcher Ansatz, der im Grunde auf eine Win-win-Lösung hinzielt, wo also alle beteiligten Konfliktparteien einen Vorteil von haben, stößt nach wie vor bei 95 Prozent aller Politiker auf Skepsis und wird als naiv abgetan. Es wird gesagt: Das kann gar nicht funktionieren." Einstellungen wie diese erschwerten die Arbeit von "Transcend" zusätzlich.

NATO-Kampfjets (Foto: AP)

In den Libyen-Konflikt greift die NATO mit Kampfjets ein

Man könnte sich auch auf den Standpunkt stellen: Da gibt es welche, die sich von außen einmischen, obwohl sie gar nicht in der betreffenden Region leben, sagt Andreas Zumach. Aber das wäre zu kurzsichtig gedacht. Schon der Ausdruck "Eingriff" oder "Intervention" sei ambivalent, meint er, weil der Westen schon längst in der einen oder anderen Weise involviert sei, "entweder durch Wirtschaftsbeziehungen oder weil wir, wie im Falle Gaddafis, autokratische Herrscher gern dazu genutzt haben, uns die afrikanischen Flüchtlinge vom Hals zu halten. Mit anderen Worten: Wir haben bereits seit Jahren in die innere Dynamik Libyens eingegriffen, indem wir die Diktatur gestützt haben." Daher müsse der Westen auch jetzt Veranwortung übernehmen.

Autorin: Cora Theobalt
Redaktion: Petra Lambeck

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