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Kultur

Streit wegen Bayreuth-Reise

Streit um Wagner ohne Ende: Das israelische Parlament droht zwei Orchestern wegen einer geplanten Bayreuth-Reise mit Etatkürzungen. Andor Iszak, Leiter des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, findet das falsch.

Der 1944 im Budapester Ghetto geborene Andor Izsak spricht als Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik (Foto: dpa)

Dem israelischen Kammerorchester Tel Aviv und dem Symphonieorchester Rischon Lezion wird mit einer Kürzung der Budgets gedroht, wenn sie wie geplant im Juli nach Bayreuth reisen. Die Musiker wollen das "Siegfried-Idyll" von Richard Wagner und Werke jüdischer Komponisten aufführen. Der Komponist Richard Wagner wird in Isreal wegen seiner antisemitischen Ansichten seit Jahrzehnten boykottiert. Die Deutsche Welle hat mit Andor Izsak über die Initiative des israelischen Parlaments gegen die Orchester gesprochen. Er leitet das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover.

Deutsche Welle: Herr Izsak, warum gibt es in Israel heute immer noch diese Vorbehalte gegen Wagner?

Andor Izsak: Das ist sehr kompliziert. Die Musik von Richard Wagner wird immer noch als Symbol für den Antisemitismus und die Nazi-Herrschaft gesehen. Man überlegt nicht, was diese Musik für die Kultur überhaupt bedeutet. Vielen ist auch nicht bewusst, dass der Stiefvater von Wagner, der Schauspieler Ludwig Geyer, ein Jude war. Und man überlegt ebenfalls nicht, was für ein Verlust es wäre, wenn wir auf diese großartige Musik von Wagner verzichten würden. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass in einer Zeit, wo eine Wagner-Gesellschaft in Israel gegründet wird, die schon jetzt 300 Mitglieder hat, ein solcher Angriff überhaupt stattfinden kann.

Wenn Daniel Barenboim in Israel Wagner aufgeführt hat, hat es jedes Mal Proteste gegeben. Jetzt ist die Rede von einem Schlag ins Gesicht für alle Israelis, wenn zwei israelische Orchester nach Bayreuth reisen. Was steht hinter dieser Initiative?

Da gibt es zum einen eine starke religiöse, zum anderen aber auch eine politische Auffassung. Fangen wir einmal mit der religiösen an: Gläubige Juden haben grundsätzlich ein Problem mit instrumentaler Musik, deshalb leide ich persönlich darunter, dass die Synagogenorgel, die einmal gang und gäbe in den europäischen Synagogen war, schweigen muss. Da gibt es einen ganz starken Widerstand. Der zweite Punkt ist die politische Sichtweise. Wagner wird von einigen nach wie vor als Feind betrachtet. Diejenigen, die in der Knesset dagegen kämpfen, sehen die Orchester als ihre Botschafter, die die offizielle israelische Politik im Ausland vertreten. Und Bayreuth ist die Verkörperung des Feindbildes. Das wird dann blockiert. Ich habe einmal einen sehr orthodoxen jüdischen Chor nach Deutschland eingeladen. Am Abend stand Wagner auf dem Spielplan in der Oper. Mein Kollege, der Chorleiter, sagte: "Könntest du mich so hineinschmuggeln, dass das kein Mensch sieht?" Am Abend waren wir dann in der Veranstaltung und alle Musiker aus dem Chor waren ohne Ausnahme dabei. Das zeigt, dass das spontane, das emotionale Interesse vorhanden ist und keine Grenzen kennt.

Die jetzige Initiative wird von der rechtsorientierten Likud-Partei mitgetragen. Wie populär ist diese Richtung in Israel?

Die meisten Israelis sind keine orthodoxen Juden. In der Politik aber haben auch Minderheiten ihre Vertretung, und die sind mindestens genauso laut wie die Stimmen der anderen. Die meisten politisch engagierten Menschen sagen im Moment nichts dazu. Und das ist ein Problem. Es wäre besser, wenn sie sich auch dazu äußern würden. Die Ultraorthodoxen sind zwar in der Minderheit, aber sie sind sehr laut. Deshalb hört man ihre Meinung und nicht die der vielen anderen, die bislang leider nichts sagen.

Die beiden Orchester wollen in Bayreuth auch Werke jüdischer Komponisten aufführen. Warum soll auch das verhindert werden?

Eigentlich ist das ist das ja eine Botschaft, über die wir jubeln müssten: Endlich sind wir mal so weit, dass israelische Musiker in Bayreuth jüdische Musik spielen. Aber das wird wahrscheinlich noch nicht verstanden.

Diese Streitfrage nach der Streichung der Budgets soll noch in dieser Woche im Parlament geklärt werden. Ist zu erwarten, dass diese Drohung wahrgemacht wird?

Ich habe in der Politik schon oft erlebt - und nicht nur in Israel- , dass die falsche Richtung sich durchsetzen konnte. Ich persönlich fände das sehr schlimm, wenn die Orchester das "Siegfried-Idyll" in Bayreuth nicht spielen würden. Wir sprechen hier von kulturellen Werten, auf die die Menschheit nicht verzichten darf. Das verbieten zu wollen ist eine Haltung, die sich meiner Einschätzung nach auf Dauer nicht wird halten können.

Das Gespräch führte Gudrun Stegen

Redaktion: Petra Lambeck

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