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Nahost

Streit um Wehrpflicht-Gesetz für Ultraorthodoxe in Israel

In Israel müssen künftig auch ultraorthodoxe Juden zum Wehrdienst, die bislang davon freigestellt waren. Doch die Strenggläubigen wollen Widerstand leisten.

Proteste gegen den Einzug von Strenggläubigen zum Militärdienst (Foto: AFP)

Proteste gegen die Wehrpflicht für strenggläubige Männer in Israel

Talmudschüler sind geübt im Argumentieren. Bis zu 14 Stunden täglich studieren sie die Thora und streiten über die Bedeutung der Worte. Dabei geht es oft um ganz praktische Dinge: Wie man eine Frau angemessen umwirbt oder wie man sich als Ehemann zu verhalten hat. Durch solche Auseinandersetzungen diene man auch Gott, erklärt der 29-jährige Avinoam. Er besucht eine Jeschiwa-Bibelschule in Jerusalems Stadtteil Beit Vegan und sucht mit seinen Mitschülern und im Austausch mit dem Rabbiner nach Antworten, die Wegweiser für einen religiösen Alltag sind. Doch seit Monaten wird in der Jeschiwa eine Frage diskutiert, die sich von den üblichen unterscheidet: Warum können ultraorthodoxe Männer keinen Wehrdienst leisten?

Hintergrund ist ein Gesetz, das die Knesset am Mittwoch (12.03.2014) verabschiedet hat: Zum ersten Mal in der Geschichte Israels müssen in Zukunft auch ultraorthodoxe Männer Armeedienst leisten. Die 52 Abgeordneten der Oppositionsparteien haben die Abstimmung geschlossen boykottiert. Betroffen von dem neuen Gesetz wären derzeit rund 60.000 strenggläubige Männer, sogenannte Haredim ("Gottesfürchtige"). Ab Juli 2017 müssen Ultraorthodoxe eine Mindestzahl an Rekruten stellen. Ursprünglich waren die Haredim seit der Staatsgründung Israels vom militärischen Dienst befreit, wenn sie sich ausschließlich dem Religionsstudium widmeten und keinen anderen Beruf ausübten. Einige Beobachter - wie der Journalist Mati Tuchfeld von "Israel heute" - meinen, die Haredim wüssten, dass ihr Kampf um die Befreiung von der Wehrpflicht verloren sei. Andere befürchten dagegen eine lange Auseinandersetzung zwischen den Ultraorthodoxen und der Regierung.

Hunderttausende demonstrierten in Jerusalem

Israelische Soldaten bei einer Militärübung (Foto: AFP)

In Israel müssen Männer für drei Jahre und Frauen für 21 Monate zur Armee

Vergangene Woche kam es in Jerusalem zu Demonstrationen gegen das geplante Gesetz: Hunderttausende Haredim tanzten, sangen und beteten gemeinsam. "Die Thora steht über allem", riefen sie in den Straßen. Und: "Ihr werdet unsere Welt nicht verändern, sie ist von Gott befohlen."

So denkt auch Avinoam. Er ist erst vor rund drei Jahren ultraorthodox geworden, hat studiert und mehrere Jahre in der Armee gedient. Das gilt auch für Assaf, der sogar in einer Spezialeinheit des israelischen Militärs war. Doch beide weichen Fragen nach ihrer Vergangenheit aus. Heute zählt für sie allein der Glaube: "Wir Haredim füllen das Universum mit Leben", sagt Avinoam. Wahre Gottesfürchtige lebten in einer spirituellen Welt - "daneben existiert nichts".

Leben in einer Parallelwelt

Die Haredim haben eigene Schulen, kleiden sich anders und meiden aufgrund von "schlechten Einflüssen" - so gut es geht - den Kontakt zu dieser "Parallelwelt", beschreibt Avinoam. Nun würden sie wider Willen mit deren Normen und Werten in Verbindung gebracht. "Israel braucht eine Armee. Warum? Weil der Staat nicht religiös ist, die Gesetze der Thora nicht achtet", glaubt Assaf.

Statt den Menschen "die enorme Bedeutung des Glaubens" beizubringen, würden Politiker versuchen, die Nation zu spalten und Stimmung gegen die Ultraorthodoxen zu machen, kritisiert Assaf. Für die Jeschiwa-Schüler besteht kein Zweifel: Die wahren Verteidiger Israels waren und sind die Gottesfürchtigen: "Wir bringen Frieden und Wohlstand."

"Wer zur Armee geht, verliert seinen Glauben"

Orthodoxe Juden beim Gebet an der Klagemauer (Foto: imago)

Orthodoxe Juden beim Gebet an der Klagemauer

Für Rabbiner Mordechai Neugroschl, der in einer Jeschiwa in Jerusalem unterrichtet, beweist das gerade beschlossene Gesetz, dass "der Staat Israel nicht mehr jüdisch ist". Dieser lege mehr Wert auf säkulare Prinzipien als auf die von Moses bestimmten Gesetze in der Thora. Niemals könnten die Haredim so etwas akzeptieren. Ein Skandal sei zudem, dass man die Gläubigen nun zum Militärdienst zwingen möchte.

Die Politik sei "scheinheilig", kritisiert der Rabbiner: Zum einen gebe es bereits einige Ultraorthodoxe, die sich der Armee zur Verfügung gestellt hätten. Zum anderen seien 90 Prozent der Soldaten keine Kämpfer, sondern würden für unwichtige Aufgaben eingesetzt: "Braucht man uns dafür, um Offizieren den Tee zu servieren?" Trotz des neuen Gesetzes erwartet Neugroschl, dass sich nichts ändern wird: "Niemand kann uns zwingen. Das wissen alle." Auch Avinoam und Assaf schließen jeden Kompromiss aus. "Wer zur Armee geht, verliert seine Spiritualität und seinen Glauben", stellt Avinoam klar. "Er kehrt vielleicht nicht mehr zurück in die Gemeinschaft." Und wird umgekehrt auch nicht mehr zugelassen.

Ehemalige Soldaten werden ausgegrenzt

Die Ablehnung führt manchmal so weit, dass sogar Haredim-Soldaten, die in der eigens für sie gegründeten Einheit "Netzah Yehuda" dienen, von ihrer Gemeinschaft bedroht werden. Einige von ihnen wurden jüngst im ultra-orthodoxen Viertel Mea Schearim in Jerusalem angespuckt, verprügelt und mit Steinen beworfen. Sie gelten als Verräter. "Heute würde ich den Wehrdienst verweigern", teilte Elhanan Fromer, Ultraorthodoxer und ehemaliger Soldat, einem Ausschuss der Knesset neulich mit. Der persönliche Preis sei zu hoch.

Der Oberste Gerichtshof Israels hatte im Februar 2012 entschieden, dass die Freistellung der Ultraorthodoxen von der Wehrpflicht nicht mit dem israelischen Gesetz vereinbar ist. Um ihr Urteil zu begründen, schauten die Richter auch in den heiligen Schriften nach und fanden folgende Aussage von Moses: "Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, während ihr selbst hier bleibt?" Für die Richter war dies eine klare und eindeutige Antwort. Doch die Haredim streiten über die Bedeutung solcher Worte.

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