Streit um ″unwürdiges Mahnmal″ für Gestapo-Opfer in Hamburg | Deutschland | DW | 11.02.2018
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Hamburg

Streit um "unwürdiges Mahnmal" für Gestapo-Opfer in Hamburg

Die ehemalige Zentrale von Hitlers Geheimer Staatspolizei in Hamburg ist nun eine Luxus-Immobilie. Angehörige der Gestapo-Folteropfer protestieren gegen die von der Stadt und privaten Investoren geplante Gedenkstätte.

Die "Zentrale des Terrors", wie Hamburgs Kultursenator sie beschreibt, lag im Stadthaus - einem prachtvollen, nun mehr als 300 Jahre alten Gebäude mitten in der Altstadt. Sein frisch restaurierter Turm überragt die Nachbargebäude. Unten ist ein Hotel eingezogen. An einigen Fenstern werben Slogans wie "Kopp Hoch Cherie" - "Kopf Hoch Cherie" für neue Luxuswohnungen.

Hinter diesen Fenstern und der eleganten Fassade folterte Hitlers Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Gegner des Naziregimes. Schon 1933 begann die Gestapo ihre Folterverhöre in dem historischen Bauwerk - mit Blick auf die Fleete - die Kanäle, die Hamburgs Innenstadt durchziehen.

Vater wegen Flugblatt gefoltert

Unter den Gefolterten war der Friseur Herbert Baade. Der aktive Kommunist wurde verhaftet, weil er ein Flugblatt gegen die Nazis bei sich hatte. Dass er es selbst gedruckt hatte oder wer noch beteiligt war, bekam die Gestapo nie heraus, sagt sein Sohn Detlef. Mehrmals sei sein Vater dort gewesen: "Sie schnallten ihn über einem Holzbock fest und schlugen ihn dann blutig, so dass er zusammenbrach. Man stach ihm das Bayonett durchs Bein und er hatte Gesichtsverletzungen", erzählt er, mit einem Foto seines Vaters im Arm.

Deutschland Stadthöfe in Hamburg (DW/J. Witt)

Werbeslogan auf den Hamburger "Stadthöfen"

Deportationen in Konzentrationslager

So wurden die Gefangenen systematisch terrorisiert. Ihre Deportationen wurden ebenfalls im Stadthaus organisiert. Auf der in den 1980ern errichteten Gedenktafel steht: "Für viele war dies die erste Leidensstation auf dem Weg in die Konzentrationslager."

Dennoch blieb nach Kriegsende die grausame Geschichte dieses Gebäudes jahrzehntelang fast unbekannt. Nur der sogenannte Seufzergang, der von den Kellerzellen zu den Büros führte, erinnert noch an seine düstere Vergangenheit. Der Rest des Stadthauses wurde zerbombt, umgebaut und beherbergte dann bis 2013 die städtische Baubehörde.

Aber ein Prunkgebäude auf so einem zentral gelegenen Hamburger Grundstück bleibt selten in städtischer Hand. 2009 verkaufte es die Stadt mit dem Grundstück an die Quantum Immobilien AG.

Immobilienfirma soll Ort der Erinnerung schaffen

Im Kaufvertrag verpflichtete sich Quantum, mit der Kulturbehörde einen "Lernort" zur NS-Zeit in dem Gebäude einzurichten. Obwohl die frisch benannten "Stadthöfe" 2013 weiterverkauft wurden, muss Quantum sich an diese Bedingung halten.

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Detlef Baade kämpft für würdiges Gedenken

Die Hamburger Kulturbehörde beschreibt den geplanten Ort der Erinnerung als einen bedeutenden Schritt. Erstmals, sagt ein Behördensprecher, wird dort eine Ausstellung zur Verfolgung und zum Widerstand im nationalsozialistischen Hamburg entstehen. Eine Fachbuchhandlung sowie ein Lese- und Begegnungscafé sollen den Gedenkort ergänzen. Im Rest des Gebäudes sind Läden, Restaurants, Arbeitsflächen und Wohnungen geplant.

Gedenkstätte ist "geschrumpft"

Aber genau dieser kommerzielle Kontext führt nun zu lautstarken Protesten. Er ist unwürdig, sagt Cornelia Kerth von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes: "Es wird eben keine Gedenkstätte, sondern nur eine 70 Quadratmeter-Ausstellung in einer Verkaufsfläche, in einer kommerziellen Buchhandlung und einem Café. Die Stätte ist geschrumpft. Von hier aus wurde der Nazi-Terror in Hamburg organisiert. "

Auch Detlef Baade glaubt, dass nicht nur das Gebäude, sondern auch seine Geschichte saniert worden ist. "Es muss ein bisschen so hergerichtet werden, wie es früher war - mit dem Keller, wo Leute eingesperrt und dann halb totgeprügelt worden sind. Das ist Aufklärung über unsere Vergangenheit, über die Gestapo. Den Opfern sind wir das schuldig."

Diese Kritik irritiert Quantums Sprecher Matthias Onken. "Bisher gab es nur die Gedenktafel - sonst nichts", sagt er. "Der Impuls von Quantum ist, diesen Ort des Gedenkens zu schaffen. Daher ist es einfach absurd, in irgendeiner Weise zu sagen, dass dies nun unterdrückt werden soll."

Deutschland Stadthöfe in Hamburg (DW/J. Witt)

Norbert Hackbusch, Detlef Baade und Cornelia Kerth (von links) fordern ein würdiges Gedenken an die Nazi-Folteropfer

Trotzdem hat die Firma nun bestätigt, dass ein umstrittener eiserner Schriftzug mit den Worten "Bienvenue – Moin Moin – Stadthof" nun entfernt wird. Er wurde öffentlich scharf kritisiert, da sein Design an den Auschwitz-Schriftzug "Arbeit macht frei" erinnerte.

Mangelndes Gedenken "ein Fehler"

Überhaupt hätte eine Gedenkstätte schon viel früher eingerichtet werden sollen, meint Norbert Hackbusch, ein Abgeordneter der Partei Die Linken in der Bürgerschaft, Hamburgs Stadtparlament: "Dass hier nicht schon lange der Opfer gedacht wurde, war ein unverzeihlicher Fehler", sagt er. Die Gesellschaft solle sich an die Zeit erinnern, sich damit auseinandersetzen. Aber nicht so, wie es in den Stadthöfen geplant sei.

"Es wird von außen nicht sichtbar sein, dass es hier ein Gedenken gibt. Es sieht so aus, als ob das Ganze von einer Buchhändlerin gemacht werden wird, die gleichzeitig davon leben muss. Das ist eine Überforderung. Und von den Räumen her wirkt es eher mickerig. Würdiges Gedenken ist für uns etwas Anderes."

Stadt schafft Forum für Dialog

Der Kultursenator Dr. Carsten Brosda betont, dass ein echter Ort des Gedenkens entstehen soll, um die grausame Geschichte des Gebäudes angemessen darzustellen. Auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme vor Hamburg ist maßgeblich am Projekt beteiligt, sagt er.

Als nächsten Schritt hat die Kulturbehörde die Gegner und Vertreter der Pläne zu einem Gespräch Ende Februar eingeladen. Quantum wird ebenfalls dabei sein.

Detlef Baade sieht dies mit einer Mischung aus Skepsis und Optimismus: "Dass man miteinander spricht, ist vernünftig. Aber den Worten der Behörde müssen Taten folgen. Deswegen ist es gut, dass man jetzt zusammen ein Konzept erarbeitet."

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