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Wirtschaft

Streit um unkonventionelles Erdgas

Ist unkonventionelles Erdgas eine Lösung zu konventionellen Energiequellen? Fraglich - denn die Förderung scheint verheerende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu haben. Ein amerikanischer Streit im Milliardengeschäft.

Mehrere Pipelines (Foto: AP)

Konventionelle Pipelines transportieren auch unkonventionelles Erdgas

Während konventionelles Erdgas in großen Blasen unter der Erde lagert, befindet sich sogenanntes unkonventionelles Erdgas in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Und dieses unkonventionelle Erdgas gilt in den USA als die Energie der Zukunft. Denn es bedeutet nicht nur Unabhängigkeit von importiertem Öl und weniger CO2-Ausstoß – die USA verfügen auch über riesige, eigene Reserven, die die Versorgung der nächsten hundert Jahre decken könnten.

Ein Gasherd wird entzündet (Foto: AP)

Die Hälfte des in den USA geförderten Gases ist unkonventionelles Gas

Laut der Internationalen Energieagentur macht das unkonventionelle Erdgas heute schon etwa die Hälfte der amerikanischen Erdgasproduktion aus. Es ist ein Milliardengeschäft. Der Konzern Exxon ist durch eine Firmenübernahme gerade zu einem der führenden Akteure auf dem boomenden Markt geworden – und hat sich auch schon mal Förderlizenzen in Deutschland gesichert. Ob man hierzulande aber jemals nach dem Gas bohren kann, ist noch völlig offen. Und ein Blick in die USA zeigt, dass der Gasboom dort auch negative Folgen hat.

Umstrittene Technik

Um an das unkonventionelle Gas, das beispielsweise in tiefen Schiefergesteinsschichten, oft auch in Kohleflözen eingelagert ist, heranzukommen, werden pro Bohrloch Millionen Liter Wasser und Sand mit hohem Druck in die Erde gepresst. Dieses sogenannte "Fracking” setzt in einer Art Mini-Erdbeben das Gas frei.

Dem verwendeten Wasser mischen die Gasproduzenten an die 600 Chemikalien bei. Es besteht der Verdacht, dass ein Grossteil davon in die Erde sickert, im Grundwasser und im Endeffekt auch im Leitungswasser landet. Auf welchem Weg das genau geschieht, soll jetzt eine landesweite Studie der US-Umweltbehörde klären. Die Gaskonzerne räumen bisher höchstens Unfälle ein, sie streiten ab, dass es ein grundsätzliches Problem mit der Technik gebe.

Brennendes Leitungswasser

Zwei Männer zünden Leitungswasser an - Szene aus dem Mediakit des Dokumentarfilmes 'Gasland' (Foto: gaslandthemovie.com)

So wird es im Film gezeigt: Das Leitungswasser brennt

Das sieht der Dokumentarfilmer Josh Fox anders. Er ist durch 24 der 34 US-Bundesstaaten gereist, wo das Gas gefördert wird. Überall habe er in den Fördergebieten Menschen getroffen, die krank wurden: Sie hätten Krebs und Schäden an den inneren Organen, weil sie ihr Wasser weiter getrunken hätten. In seinem Film "Gasland" wird demonstriert, wie Leitungswasser in Flammen aufgeht, wenn man ein Feuerzeug dranhält. Es soll Gas enthalten und mit Chemikalien verseucht sein.

Inzwischen bestätigen wissenschaftliche Studien, die von den Umweltbehörden von Texas und New York beauftragt wurden, dass die Bohr-Chemikalien gesundheitsschädlich sind. Das unkonventionelle Erdgas produziere zudem zwar beim Verbrennen weniger CO2-Emissionen als Kohle – doch die Kondensatoren und Tanks, in denen es aufbewahrt wird, machten diesen Effekt durch ihren Ausstoß an Treibhausgasen wieder zunichte.

Hinzu kommen die Millionen Liter Wasser, die jede Bohrung verbraucht. Und die Langzeitfolgen seien noch gar nicht absehbar, sagt Theo Colborn von der Universität Florida. Die Biologin befasst sich seit Jahren mit der Frage, wie Schadstoffe Krankheiten auslösen können. Das größte Problem bei den Bohrungen nach unkonventionellem Erdgas ist aus ihrer Sicht, dass die Chemikalien Jahre, vielleicht Jahrhunderte im Boden bleiben könnten. "Niemand weiß, wann und wo sie wieder hochkommen", so Colborn.

Ausgebremster Boom

Skyline von New York (Foto: AP)

Das Wasserreservoir der Stadt New York wird vorerst geschützt

Die Meldungen über Gesundheitsschäden, die Ergebnisse verschiedener Studien und die Tatsache, dass bereits einige Betroffene von den Konzernen entschädigt werden mussten, reichen zumindest dem Staat New York, um die auf seinem Gebiet geplanten Bohrungen erst einmal auszusetzen. Es geht um einen Teil des größten Gasvorkommens in den USA. In der Marcellus Shale Region liegt jedoch auch ein riesiges Wasserreservoir - das Wasser von hier ist so sauber, dass es für die zehn Millionen Einwohner der Stadt New York nicht aufbereitet werden muss. Die Regierung will nun weitere Untersuchungen abwarten, ehe sie Bohrungen in dieser Gegend erlaubt.

Für die Gaskonzerne geht es unterdessen um Milliarden und die Aktionäre der Energieriesen haben viel zu verlieren – wie der staatliche New Yorker Rentenfonds. Der Fonds ist auch Grossaktionär von Exxon Mobil und anderen Gasunternehmen - gemeinsam mit anderen Anteilseignern hat er eine Petition an die Gasförderer verabschiedet. Sie fordern mehr Selbstkontrolle - auch aus Angst vor mehr staatlicher Regulierung. Die Konzerne sollten ihre Bohrungen "sicher und mit weniger giftigen Chemikalien durchführen", so Sprecher Robert Whalen.

Ob "Fracking" mit weniger giftigen Chemikalien überhaupt möglich ist, ist unklar. In New York scheint die potenzielle Gefahr erst einmal gebannt zu sein - im restlichen Land geht der Gasrausch weiter.

Autorin: Frauke Steffens

Redaktion: Insa Wrede

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