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Politik

Streit um UNICEF-Spenden spitzt sich zu

Das Kinderhilfswerk UNICEF kommt auch nach dem Rücktritt seiner Vorsitzenden nicht zur Ruhe: Der Vorstand soll einen kritischen Bericht von Wirtschaftsprüfern zur Verwendung seiner Spenden geschönt haben.

Die ehemalige UNICEF-Deutschland Vorsitzende Heide Simonis und Geschäftsführer Dietrich Garlich, (Quelle: AP)

Der Spenden-Skandal führte zum Streit zwischen Heide Simonis und Dietrich Garlich

UNICEF wies die Anschuldigung, einen Bericht der Prüfungsgesellschaft KPMG geschönt zu haben, am Montag (4.2.2008) zurück. Bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern sind die Ansichten geteilt, ob wegen der Unregelmäßigkeiten nach der Vorsitzenden Heide Simonis nun auch Geschäftsführer Dietrich Garlichs seinen Posten räumen soll.

Simonis bekräftigte unterdessen ihre Vorwürfe und forderte eine Änderung der UNICEF-Satzung, um die von den Wirtschaftsprüfern festgestellten Mängel abzustellen. "Alle haben immer gesagt: Wir glauben, dass es juristisch rechtmäßig zugegangen ist", sagte Simonis in einem DPA-Interview in Kiel. "Aber UNICEF ist kein normales Unternehmen, für das deshalb auch nicht die Regeln auf dem normalen Markt gelten."

Die ehemalige UNICEF-Deutschland Vorsitzende Heide Simonis, (Quelle: AP)

Heide Simonis erhob schwere Vorwürfe gegen den Vorstand von UNICEF-Deutschland

Die Stimmung bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern sei gespalten, sagte Carmen Creutz. Sie vertritt die gut 120 UNICEF-Regionalgruppen im Vorstand. Bei Regionaltreffen von ehrenamtlichen Mitarbeitern habe es sowohl Forderungen nach dem Rücktritt von Simonis als auch von Geschäftsführer Garlichs gegeben. Der neue UNICEF-Vorsitzende Reinhard Schlagintweit sprach Garlichs das Vertrauen aus. Dem Geschäftsführer war Verschwendung von Spendengeldern vorgeworfen worden.

Wirtschaftsprüfer: "Klare Verstöße"

Die "Frankfurter Rundschau" veröffentlichte einen Brief der Prüfungsgesellschaft KPMG, in dem es heißt, es sei in dem Bericht "sehr klar von Verstößen die Rede". Das Hilfswerk hatte dagegen erklärt, KPMG habe festgestellt, dass es "keine Verschwendung von Geldern, keine Unregelmäßigkeiten oder gar Satzungs- oder Gesetzesverstöße" gegeben habe. KPMG hatte in dem Brief vom 14. Januar UNICEF aufgefordert, diese Erklärung zurückzuziehen. Nach Angaben des Kinderhilfswerks ist dieser Konflikt inzwischen ausgeräumt. KPMG habe schon einen Tag später zugestimmt, "dass die Vorstandserklärung in der vorliegenden Form im Netz bleibt", teilte UNICEF mit. KPMG wollte sich nicht äußern.

"Beleidigung des Fußvolks"

Unicef Deutschland Eingang in Köln, (Quelle: AP)

Die Verschwendungsvorwürfe an UNICEF könnte dem Image der UNO-Hilfsorganisation schaden

Für Kritiker der Organisation ist der aktuelle Skandal ein gefundenes Fressen: Sie beschreiben das Hilfswerk als menschenferne Bürokratie mit hohen Verwaltungskosten und unzulässig glamourösem Auftritt. "Die hohen Gehälter bei UNICEF sind eine Beleidigung des Fußvolkes", sagt Rupert Neudeck vom Hilfswerk Grünhelme. Die Verwaltungskosten seiner Organisation liegen nach eigenen Angaben bei nur einem Prozent - einem Neuntel dessen, was UNICEF Deutschland für administrative Aufgaben ausgibt. Das Kinderhilfswerk vergeude Geld für eine "Glamour-Show", für die es keine Rechtfertigung gebe. "Das ist gegen den guten Geist der humanitären Arbeit. Wir müssen uns an den Lebensstil der Armen anpassen", fordert er.

UNICEF selbst wirbt auf seinen Internetseiten mit Verwaltungskosten im Spendenbereich von weniger als zehn Prozent. Belegt wird die "satzungsgemäße und sparsame Verwendung der Gelder" mit dem Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) in Berlin. Die Zehn-Prozent-Grenze kommt in den Leitlinien des DZI allerdings nicht vor. Stattdessen heißt es, Werbe- und Verwaltungsaufgaben seien ab einem Anteil von mehr als 35 Prozent der Gesamtausgaben nicht mehr vertretbar.

Wie hoch sind die Verwaltungskosten?

Bei der Beurteilung von Hilfsorganisationen steckt der Teufel im Detail: Laut Geschäftsbericht lagen die Verwaltungskosten bei UNICEF Deutschland 2006 bei 8,8 Prozent der Spendeneinnahmen - allerdings nur, weil die Ausgaben für Informations- und Öffentlichkeitsarbeit nicht mitgerechnet wurden. Bezieht man diese mit ein, werden mehr als 17 Prozent der Spendeneinnahmen für andere Zwecke als die Projektarbeit vor Ort ausgegeben.

UNICEF-Sprecherin Helga Kuhn bestätigt die Zahlen. Weil die Information der Öffentlichkeit jedoch zu den satzungsgemäßen Aufgaben des Hilfswerks gehöre, sei es richtig, die Ausgaben dafür nicht zu den Verwaltungskosten zu zählen. "Es gehört zu unseren Aufgaben, auch in Deutschland für Kinder einzutreten, und das kostet Geld", erklärt sie. Alle Zahlen und Ausgaben seien im Geschäftsbericht aufgeführt und deshalb weder überraschend noch geheim.

Reinhard Schlagintweit, vorrübergehender Vorsitzender von UNICEF-Deutschland, (Quelle: AP)

Schlagintweit hält zum umstrittenen Geschäftsführer Garlich

Heide Simonis sagte dem Sender NDR Info über die festgestellten Mängel: "Das sind keine "Peanuts"." Die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein war am Samstag wegen unüberbrückbarer Differenzen zum übrigen UNICEF-Vorstand zurückgetreten. UNICEF habe einen hohen Anspruch an sich selbst und an andere, sagte sie der dpa. "Dazu gehört dann auch dieser hohe Grad an Offenheit."

Mitglieder fordern mehr Transparenz

Auch Creutz sagte, UNICEF müsse transparenter werden. Die Regionalgruppen hätten dazu einen Forderungskatalog aufgestellt. So solle unter anderem der Geschäftsführer nicht mehr dem Vorstand angehören. Garlichs und der Vorstand müssten "das Vertrauen der Arbeitsgruppen und der Öffentlichkeit in UNICEF zurückgewinnen".

Die Wirtschaftsprüfer hatten in vier von fünf untersuchten Sachverhalten "Verstöße gegen bestehende Regeln der Vergabe, Durchführung und Kontrolle von Transaktionen festgestellt". So habe es bei Aufträgen an Berater wiederholt keine schriftlichen Vereinbarungen gegeben. Eine Kurzfassung des KPMG-Berichts, der diese Kritik enthält, hatte UNICEF mit der Garlichs entlastenden Vorstandserklärung im Januar veröffentlicht. Dem Geschäftsführer war vorgeworfen worden, die externen Berater zu großzügig honoriert zu haben. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt in der Sache wegen des Anfangsverdachts der Untreue. (mg)

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