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Fokus Osteuropa

Streit um Opferzahlen: Kritik an Konfliktparteien im Kaukasus

Im Gespräch mit der Deutschen Welle warnt Anna Nejstat von Human Rights Watch davor, ohne genauere Untersuchungen von ethnischen Säuberungen oder gar Genozid in der Krisenregion zu sprechen.

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DW-Russisch: Frau Nejstat, Sie sind zurzeit in Südossetien. Verschiedene Politiker sowie russische und andere Medien berichten über gewaltige Zerstörungen und von 2000 bis 3000 Toten in Zchinwali und Umgebung. Können Sie diese Berichte bestätigen?

Anna Nejstat: Angaben über die Anzahl der Toten hat niemand. Und die Zahlen, die von Medien gemeldet werden, verwundern. Woher nimmt man diese Zahlen, und worauf basieren sie? Das ist ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehbar. Wir haben Zahlen über Verletzte. Und diese Zahlen geben Anlass, die Echtheit der Zahlen, die offizielle Medien nennen, in Zweifel zu ziehen. Gewöhnlich übersteigt in bewaffneten Konflikten die Anzahl der Verletzten die der Toten um etwa das Dreifache. Wenn man von 2000 Toten spricht, dann müsste es demnach mindestens 6000 Verletzte geben. Aber auch wenn man die offiziellen Angaben nimmt, ganz zu schweigen von dem, was wir zusammentragen konnten, dann kommt man nicht auf 6000 Verletzte.

Wie sammeln Sie Angaben über Opfer?

Wir sprechen mit Militärs und den Einwohnern vor Ort. In zwei mobilen Hospitälern des Katastrophenschutzes, in denen wir uns in den vergangenen Tagen aufgehalten haben, konnten wir Angaben über den 8. bis 10. August sammeln: Jeden Tag wurde etwa 50 Personen Hilfe geleistet. Wir sammeln weiterhin Informationen und befragen die Menschen, die aus den umliegenden Dörfern stammen. Sie alle wiederholen die Meldungen, wonach die Stadt voller Leichen ist, aber dabei berufen sie sich auf die Medien und nicht auf Zeugen.

Wie stehen die Behörden vor Ort Ihrer Arbeit gegenüber?

Die Behörden haben uns bisher nicht behindert, im Unterschied zu den ausländischen Korrespondenten, denen man aus formalen Gründen nicht immer erlaubt, Wladikawkas zu verlassen. Wir werden bislang nicht gestört. Wir bewegen uns ruhig. Die Behörden geben uns die Informationen, die wir verlangen.

Georgische, russische und südossetische Politiker sprechen ständig von Genozid und ethnischen Säuberungen. Liegen Ihnen Informationen vor, die diese Vorwürfe bestätigen?

Das Terminologie- und Informationschaos, das in diesem Konflikt herrscht, macht uns Sorge. Wenn offizielle Vertreter am zweiten Tag des Konflikts bereits von Genozid, ethnischen Säuberungen, von der totalen Zerstörung der Stadt Zchinwali, Tausenden von Toten sprechen, dann entsteht ein Nebel, hinter dem man die realen Fakten nicht mehr erkennt. Um von einem Genozid sprechen zu können, braucht man Fakten, Zahlen und sehr seriöse Untersuchungen. Und Menschen geben solche Erklärungen ab, ohne entsprechende Untersuchungen angestellt zu haben. Wir sind hier seit vier Tagen. Wir haben keine Informationen, die dies bestätigen oder dementieren könnten. Wir sammeln Informationen, wir sagen, dass alle Seiten gegen internationales Recht verstoßen haben, darunter auch gegen das humanitäre. Man hat es zweifelsohne mit Tausenden von Flüchtlingen zu tun, es gibt Verletzte und Tote unter der Zivilbevölkerung, die Zivilbevölkerung leidet auf beiden Seiten. Aber es ist absolut verantwortungslos, zum jetzigen Zeitpunkt Termini wie Genozid oder ethnische Säuberung zu verwenden.

Das Gespräch führte Victor Agaev