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Kultur

Streit um jüdisches Kulturerbe in Freiburg

In Freiburg sollen neu entdeckte Fundamente der Alten Synagoge wieder zugeschüttet werden. Die Israelitische Gemeinde ist nicht einverstanden, obwohl der darauf entstehende Bau der Nazi-Verbrechen an den Juden gedenkt.

Es soll ein Ort der Erinnerung werden: Am 10. November 1938 zündeten Männer der örtlichen SS und SA gegen 3 Uhr nachts die Synagoge in Freiburg in Breisgau an. Die Brandruine wurde noch am gleichen Tag gesprengt. Ein weiteres Beispiel des umfassenden Vernichtungsgedankens der Nazis, der den Zerstörungen der Reichspogromnacht zugrunde lag. Heute liegt dieser Ort am Platz der Alten Synagoge mitten in Freiburg, es ist der zweitgrößte Platz der Stadt.

Ein historischer Fund wird zum Zankapfel

Deutschland Baustelle der alten Synagoge in Freiburg (picture-alliance/ROPI/A. Pisacreta)

Baustelle am Platz der Alten Synagoge in Freiburg

Zurzeit ist er eine Großbaustelle - Teil einer umfassenden städtischen Umgestaltung Freiburgs. Dabei soll auch der Pogromnacht durch einen flachen Brunnen in Form des Grundrisses der Synagoge gedacht werden. Entgegen der Erwartungen des zuständigen Experten im Landes-Denkmalamt wurden bei den Bauarbeiten Anfang Oktober Fundament-Reste der Original-Synagoge gefunden. Bertram Jenisch hat diese daraufhin überprüft: "Sie sind authentisch und als Kulturdenkmal zu bewerten. Daraus ergibt sich eine Erhaltungspflicht, darüber sind sich alle einig", sagt er im Gespräch mit der DW.

Die Stadt sucht das Gespräch mit der Israelitischen Gemeinde, die Bauarbeiten wurden am 4. Oktober ausgesetzt. Doch trotz eingehender Gespräche kam es zu keiner Einigung: Die Israelitische Gemeinde stimmte in einem Votum Ende Oktober für die Sichtbarmachung der Fundament-Reste, und gegen die Weiterführung der Bauarbeiten. Die Stadtverwaltung nimmt dies "mit Bedauern zur Kenntnis, hält aber an den Planung zur Umgestaltung des Platzes der Alten Synagoge fest". Sie will den Hauptteil der Fundamente verschütten und den Brunnen darüber setzen. Bereits abgetragene Mauerstücke sollen in ein zusätzliches Mahnmal integriert werden. Sie habe sich außerdem beim ehemaligen Landesrabbiner, Benjamin Soussan, und der früheren stellvertretenden Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde, Ursula Amitai, rückversichert, dass die Umsetzung nicht gegen religiöse Regeln verstoße, so die Stadtverwaltung.

 "Man ist nicht sorgfältig vorgegangen"

Seitdem stehen die Zeichen auf Kampf. Die Israelitische Gemeinde hatte die Stadtverwaltung gebeten, erst nach dem 15. November wieder mit Arbeiten zu beginnen und so den 9. November, den Jahrestag der nationalsozialistischen Pogrome, abzuwarten. Trotzdem wurden noch einmal drei Mauerteile abgetragen. "Aus konservatorischen Gründen" wie das Presseamt des Bürgermeisters darlegte. Die abgetragenen Steine würden mit Schutzfolien abgedeckt und bis zur weiteren Verwendung in einer Halle des Garten- und Tiefbauamts witterungsgeschützt gelagert.

Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde, findet diese Vorgänge "unglaublich". Im Gespräch mir der DW kritisiert sie den Umgang mit den historischen Fundamentresten. Ihre Sichtbarmachung sei für sie vor allem wegen der Nachfahren und Jugendlichen unverzichtbar: "Dass die Geschichte anfassbar wird, ist wichtig für uns. Das ist um ein vielfaches authentischer als irgendein anderes Denkmal." Sie hofft darauf, dass der Gemeinderat sich nun gegen das Bauvorhaben stellt. 

 "Es wäre eine städtebauliche Katastrophe"

Deutschland Baustelle der alten Synagoge in Freiburg (picture-alliance/ROPI/A. Pisacreta)

Bauarbeiter tragen Teile des Fundaments der zerstörten Synagoge ab

Der Brunnen auf dem Platz der Alten Synagoge ist einen langen Weg gegangen, 15 Jahre wurde an den Plänen gearbeitet, jüdische Gruppen wurden bei der Konzeption befragt und mit einbezogen. Nun steht die Stadtverwaltung unter Druck: Eine ruhende Baustelle kostet viel Geld, aber eine längerfristige Verschiebung oder gar ein gescheitertes Bauvorhaben noch viel mehr. "Wir hätten einen Schaden von 1,5 Millionen, und müssten ganz von vorne anfangen", so bestimmt Oberbürgermeister Salomon die Folgen, wenn dem Wunsch der Israelitischen Gemeinde statt gegeben würde. "Wir wüssten nicht, was das Neue kostet und die Neugestaltung des Platzes ist ja auch mit dem Ausbau unseres Straßenbahnnetzes verbunden, das heißt, es wäre städtebaulich eine absolute Katastrophe."

"Ich habe emotional Verständnis für die Betroffenheit", sagt der Oberbürgermeister im Gespräch mit der DW. Aber er hält daran fest, dass der Fundamente-Fund nichts an den Plänen der Stadt ändert. "Aufgrund der deutschen Geschichte muss man natürlich in ehrender und würdiger Form dieser Synagoge gedenken. Aber das war aber von Anfang an unsere erklärte Absicht mit dem Platz und dem Brunnen." Er geht nicht davon aus, dass es im Gemeinderat zu einem Umschwung kommt.

Denkmalpfleger Bertram Jenisch hat mit der städtischen Umsetzung im Hinblick auf den Fund keine Bedenken: "Auf Dauer ist das die ideale Lösung, um die Fundamt-Reste zu erhalten", sagt er. Die Erhalt der Fundamente sei eher gegeben, wenn sie verschüttet und so im Boden - unterhalb des Brunnens - langfristig konserviert würden. Das Sichtbarmachen ginge nur ohne Brunnenanlage, alle Mauerreste müssten abgetragen, behandelt und neu zusammengesetzt werden. "An der Oberfläche hat diese Art von Mauerwerk keinen dauerhaften Bestand", resümiert Jenisch.

Synagogen-Funde als Teile von Museen oder Gedenkstätten

Verschiedene Städte sind mit ähnlichen Funden unterschiedlich umgegangen. In Regensburg wurden in den 1990er Jahren nach ersten Funden archäologische Ausgrabungen durchgeführt und das mittelalterliche Judenviertel umfassend dokumentiert. Danach wurde der Platz auf dem die frühgotische Synagoge stand durch ein Kunstprojekt des israelischen Künstlers Dani Karavan als begehbares Objekt gestaltet, in Form eines flachen Bodenreliefs.

In Darmstadt wurden im Oktober 2003 bei Ausgrabungen für einen Neubau im Städtischen Klinikum die Überreste der Liberalen Synagoge entdeckt, die in der Pogromnacht durch die Nationalsozialisten zerstört worden war. Der Fund löste eine intensive Debatte über den Umgang der Stadt mit ihrer eigenen NS-Vergangenheit aus. Am Ende dieses Prozesses stand die Entscheidung für eine Gedenkstätte. Während eines rund zweieinhalb Jahre andauernden Baustopps wurden die aufgefundenen Teilfundamente freigelegt und ein Ort der Erinnerung baulich und inhaltlich konzipiert. Kostenpunkt: 1,8 Millionen Euro.

Eine Lösung, die die Fundamentreste in Freiburg sichtbar macht, sei zumindest mit den jetzigen Plänen der Stadt nicht vereinbar, meint Jenisch. Nun muss die Stadt Freiburg entscheiden, wie viel ihr die Einbeziehung der kritischen Stimmen aus der Israelitischen Gemeinde wert ist.