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Deutschland

Streit um Hilfe für Missbrauchsopfer

Das Leid, das den Opfern von sexuellem Kindesmissbrauch angetan wird, lässt sie oft ihr ganzes Leben nicht mehr los. Die Betroffenen brauchen schnelle Hilfe. Jetzt soll ein neuer Fonds dazu beitragen.

Wie viele Kinder jedes Jahr in Deutschland sexuell missbraucht werden, kann nur geschätzt werden. Die Kriminalstatistik liefert einen ungefähren Anhaltspunkt: Von der Polizei wurden im Jahr 2011 mehr als 12.000 Fälle registriert. Alle Experten gehen davon aus, dass das nur die Spitze des Eisberges ist und die Dunkelziffer weit höher liegt. Scham, Hilflosigkeit und emotionale Abhängigkeit lassen die Opfer schweigen.

Helmut K. Rüster, Pressesprecher vom Weißen Ring - Foto: Weißer Ring

Helmut Rüster: "Mehr Zivilcourage"

"Wir haben das Problem, dass die meisten Delikte innerhalb eines persönlichen oder familiären Umfelds geschehen. Und wir leben in einem Kulturkreis, in dem man sagt: Was in Familien geschieht, geht mich nichts an. Das ist aus unserer Sicht natürlich nicht der richtige Ansatz", sagt Helmut Rüster von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Er fordert mehr Zivilcourage in diesem Bereich und ein konsequenteres Eingreifen jedes Einzelnen bei Verdachtsfällen.

Missbrauchsfälle in Schulen und Heimen

Nachdem in der jüngeren Vergangenheit eine Serie von Missbrauchsfällen in Schulen, Kirchen und Heimen bekannt wurde, setzte die Bundesregierung einen Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch ein. An den Gesprächen beteiligten sich Betroffene, Experten und Politiker. Ein Ergebnis war der Plan, Missbrauchsopfer stärker finanziell zu unterstützen. Dazu sollte ein Fonds eingerichtet werden, den Bund und Länder gemeinsam tragen sollten.

Die Teilnehmer des Runden Tisches gegen sexuellen Missbrauch bei einer Sitzung in Berlin (Foto: Berthold Stadler/dapd)

Runder Tisch gegen sexuellen Missbrauch: "Opfer stärker unterstützen"

Die Umsetzung gestaltete sich jedoch von Anfang an schwierig. Aus den Ländern gab es den Vorschlag, eine öffentlich-rechtliche Stiftung anstelle des Fonds einzurichten. Auch wurde am geplanten Fonds kritisiert, dass er zu bürokratisch gestaltet und der Zugang zu den Leistungen nicht transparent genug sei. Ein einheitliches Alternativkonzept aller Länder gab es jedoch nicht.

Und so startet der Fonds am 1. Mai nur mit der Hälfte der geplanten finanziellen Ausstattung von 100 Millionen Euro. Lediglich der Bund will seinen Anteil von 50 Millionen Euro zur Verfügung stellen. "Es gibt vor allen Dingen eine Auseinandersetzung über die Frage des richtigen Konzepts", sagt der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. "Vielleicht hätte da im Jahr 2012 schon eine intensivere Diskussion zwischen Bund und Ländern eintreten müssen." Gleichwohl hofft er, dass die Länder dem Fonds doch noch beitreten werden. "Es gibt keine Alternative zu diesem Verfahren."

Weißer Ring verärgert über Wahltaktik

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs - Foto: Hannibal Hanschke (dpa)

Johannes-Wilhelm Rörig: "Auseinandersetzung über das richtige Konzept"

Helmut Rüster vom Weißen Ring vermutet hinter dem Bund-Länder-Konflikt vor allem Wahlkampf. Denn ursprünglich sollte der Fonds erst im Juli starten. Das hätte allen Beteiligten mehr Zeit zur Einigung gegeben. "Es ist aus meiner Sicht ausschließlich aus wahltaktischen Gründen vorgezogen worden. Wenn es erst im Juli gewesen wäre, wäre die Zeit bis zur Bundestagswahl vielleicht ein bisschen knapp und man will ja Erfolge vorweisen." Doch Zustimmung und Ablehnung des Fonds gehen über Parteigrenzen hinweg. So gibt es derzeit nur vom CSU-geführten Bayern und vom SPD-geführten Mecklenburg-Vorpommern eine Zahlungszusage.

Ab 2014 könnte es auch eine unabhängige Kommission auf Bundesebene geben, die sich um eine umfassende und systematische Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in allen Bereichen kümmert. Das hofft zumindest Johannes-Wilhelm Rörig. Die Ergebnisse sollten dann zu Maßnahmen führen, die nicht nur geschehenes Leid lindern, sondern präventiv Leid verhindern.

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