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Umstrittene Investition

Streit um Goldmine in Griechenland

Seit Jahren erhitzt der Streit um Goldminen in Griechenland die Gemüter. Von Arbeitsplätzen und wichtigen Investitionen reden die Befürworter, von irreparablen Umweltschäden die Gegner. Die Regierung in Athen schweigt.

Griechenland - Chalkidiki Goldmine (DW/F. Schmitz)

Überall in Chalkidiki findet man Spuren der Minengegner: Der Slogan SOS-Chalkidiki ist landesweit bekannt

"Lauter!" schreit jemand, als Christos Adamidis ans Mikrofon tritt. "Aber nicht, dass ihr dann hinterher wieder sagt, dass ich schreie", antwortet er und die Menge lacht. Eigentlich aber ist niemandem wirklich zum Lachen zumute. Mehrere Hundert Einwohner von Ierissos, einem kleinen Küstendorf  auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki, haben sich vor dem Kulturzentrum versammelt und hören den Rednern zu. Der Ort ist das Zentrum des Protestes gegen die kanadische Firma Eldorado, die  in der Nähe des benachbarten Olympiadas sowie in Skouries jeweils eine Goldmine betreibt. Viele Menschen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck "SOS Chalkidiki", ein Slogan, der sie im ganzen Land bekannt gemacht hat. Manchmal wirkt das Ganze wie der Familienwandertag einer antikapitalistischen Ortsgruppe. Doch die Bewohner von Ierissos haben konkrete Anliegen. Und sie machen sich Sorgen. Es geht um drei Probleme, die laut den Minengegnern bisher von Eldorado nicht ausreichend beachtet wurden: Wasser, Luft und Abfälle. Das große Gegenargument der Befürworter: Arbeitsplätze.

Laufende Gerichtsverfahren gegen Protestierende

Medien sind bei der Versammlung der Gegner der Goldminen nicht vertreten. Und Politiker sind auch nicht gekommen. Und das, obwohl Ministerpräsident Tsipras "vor seiner Wahl bei uns zu Besuch war und uns dazu ermutigt hat, auf die Straße zu gehen", erzählt ein älterer Mann neben mir. "Jetzt kommt niemand mehr und man behandelt uns wie Verbrecher." Das meint er nicht im übertragenen Sinn. Bereits am Vorabend hatte man sich im Kulturzentrum versammelt, um darüber zu reden, warum einige Unterstützer der Protestbewegung mit der Gerichtsbarkeit in Konflikt geraten sind.

Griechenland - Chalkidiki Goldmine (DW/F. Schmitz)

Für die Mine in Olympiada wurden bereits viele Hektar Wald gerodet

Hintergrund ist ein Zwischenfall, der sich im Februar 2013 ereignete. Eine Gruppe linker Aktivisten war zum Eingang der Mine in Skouries vorgedrungen, hatte den Sicherheitsmann überwältigt und das Wachhaus in Brand gesteckt. Wenige Tage später führte die Polizei in zahlreichen Dörfern der Umgebung Razzien durch, bei denen sie DNA-Material sammelte. Zigarettenstummel, Wasserflaschen, Kleidungsstücke. "Auf Basis dieser DNA-Proben wurden fast 500 Menschen strafrechtlich verfolgt, einige stehen immer noch vor Gericht. Dabei kann DNA allein eigentlich nicht als Beweis, sondern allenfalls als Indiz gelten", erklärt die Thessaloniker Anwältin Areti Skounaki. Ziel sei es gewesen, die Protestbewegung zu einer kriminellen Organisation zu erklären, so die Anwältin. Mit Rechtsstaat hätte dies in ihren Augen wenig zu tun. 

Angst vor Umweltschäden

Griechenland - Chalkidiki Goldmine: Christos Adamidis (DW/F. Schmitz)

Christos Adamidis fragt sich, warum die Erdbebengefahr unterschätzt wird

Seitdem fühlen sich die Menschen in Ierissos von den Medien und der Politik allein gelassen. Dabei sind ihre Einwände gegen die Pläne der kanadischen Firma und der dringend auf Investitionen angewiesenen Regierung durchaus diskussionswürdig. Vor kurzem hatte Eldorado damit gedroht, sich aus Griechenland zurückziehen, wenn Athen nicht die Genehmigung zur Fortführung der Arbeiten in Skouries erteile. Dreh- und Angelpunkt des Konfliktes ist eine Technik zur Herstellung von Metall, die im Fachjargon Flash-Smelting genannt wird. Aus dem zuvor hergestellten Rohmaterial kann so reines Gold gewonnen werden - etwas, zu dem sich Eldorado vertraglich verpflichtet hat. Das Problem: Dieses Rohmaterial enthält Arsen. "Flash-Smelting eignet sich nur für Rohmaterial mit geringem Arsengehalt. Im Falle der beiden Minen in Skouries und Olympiada aber beträgt die Arsenkonzentration über neun Prozent", erklärt die Physikerin Maria Kadoglou. Dennoch soll das Verfahren in den Goldminen angewandt werden, auch weil Eldorado bestreitet, dass es ungeeignet ist. 

Dabei dringe - so legt es eine Studie des Umweltministeriums nahe - Arsenstaub in die Luft, bis zu 20.000 Tonnen pro Jahr. Der zulässige Höchstwert liegt allerdings bei 20 Kilogramm innerhalb eines Jahres. Technologien zur Luftreinigung gebe es nicht, so Kadoglou. Das aber ist nicht die einzige Sorge in Ierissos. Die Mine liegt direkt auf einer Erdbebenspalte. Sollte es zu einem Erdbeben kommen, befürchten sie, dass Millionen Tonnen an giftigem Abfall in die Umwelt gelangen. Und nicht zuletzt geht es um Trinkwasser. "Um eine solche Mine zu betreiben, braucht man eine trockene Umgebung. Also müsste das Grundwasser abgesenkt werden." Dabei sei der betroffene Berg die wichtigste Trinkwasserquelle im sonst eher trockenen Chalkidiki. Und das Umweltministerium "hüllt sich in Schweigen", antwortet Kadoglou.

Griechenland - Chalkidiki Goldmine: Olympiada, (DW/F. Schmitz)

In den Küstenorten von Chalkidiki leben die meisten Menschen vom Tourismus. Sie fürchten, dass ihnen bald die Gäste ausbleiben.

Den Befürwortern der Goldminen geht es um den Erhalt vieler Arbeitsplätze. "Die Leute in den Bergdörfern arbeiten seit Generationen in den Minen. Die denken nicht daran, was die industrielle Nutzung der Mine für Konsequenzen haben könnte", beklagt Jotta Siosopoulou, eine der führenden Stimmen im Streit um die Goldminen. "Wir leben in Ierissos fast ausschließlich vom Tourismus. Wer aber würde dann noch zu uns kommen? Wovon würden wir leben?"

Viele ungeklärte Fragen

Das Bergdorf Arnea ist eine Hochburg der Minen-Befürworter. Auf halber Strecke führt eine Straße rechts in Richtung Skouries, eine der beiden Minen. Keine Spur von den sonst auf griechischen Straßen so zahlreichen Schlaglöchern. Breite Spuren und befestigte Ränder - ideal für große LKWs. Links und rechts sind Reflektoren befestigt, die auch bei Nacht optimale Sicht auf die Fahrbahn gewährleisten. Das Ganze erweckt den Eindruck, als fahre man durch ein gigantisches Privatgrundstück. Die Straße endete vor dem gut eingezäunten Eingang der Mine. Sofort kommt ein Wachmann. Fotos sind erlaubt, aber Abstand sei zu halten. Die Lage ist angespannt am größten Arbeitsplatz der Region.

Griechenland - Chalkidiki Goldmine (DW/F. Schmitz)

Das Dorf Ierissos ist eine Hochburg der Minengegner

"Die Mine ist sehr wichtig für unserer Region", äußert sich ein Ladenbesitzer in Arnea. "Mit so einer wichtigen Investition darf man nicht fahrlässig umgehen." Natürlich könne die Goldproduktion sich negativ auf den Tourismus auswirken, doch die Saison ginge nur drei Monate. Arbeit in den Minen aber gebe es das ganze Jahr. "Mit Ausbruch der Krise sind viele Menschen gegangen. Jetzt kommen sie zurück. Die Plätze auf den Dörfern sind abends wieder voll", sagt er. "Das Wasser macht mir natürlich Sorgen. Aber man hat uns versichert, dass keine Gefahr besteht. Die Gegner unten in Ierissos übertreiben." Einen Fehler aber hätte die Firma - so nenne man Eldorado hier - gemacht: "Sie sind nicht von Anfang an auf uns zugekommen, um offene Fragen zu klären."

Griechenland - Chalkidiki Goldmine (DW/F. Schmitz)

Am Eingang zur Mine in Skouries kam es im Februar 2013 zu einem folgenschweren Vorfall

Und daran mangelt es bis heute. Auf Anfrage der Deutschen Welle teilte Eldorado mit: "Dem Unternehmen ist bei all unseren Projekten daran gelegen, die besten verfügbaren Technologien zu nutzen und anzuwenden, um den Einfluss auf die Umwelt zu gering wie möglich zu halten." Der bestehende Konflikt mit der griechischen Regierung stellt dies in Frage. Fest steht: Dem kanadischen Unternehmen kommt sowohl der auf Athen lastende Investitionsdruck, als auch der schwache, griechische Arbeitsmarkt zu Gute. Ob sich letztendlich die milliardenschweren Investitionen des Konzerns auch für Griechenland rentieren, kann erst dann entschieden werden, wenn die offenen Fragen hinreichend geklärt werden. Doch daran scheinen weder Eldorado noch Athen großes Interesse zu haben.