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Kultur

Streit um die Sterbehilfe

Das Recht auf Leben beinhaltet keine Pflicht zu leben. Das sagt die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben und fordert Sterbehilfe für Menschen, die nicht mehr leben möchten. Ein umstrittenes Thema.

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Bessere Sterbebegleitung als Alternative zur aktiven Sterbehilfe?

Dabei scheinen sich die Deutschen bei dem Thema eigentlich einig zu sein. Eine Umfrage des Nachrichtenmagazins "Stern" zeigt: 78 Prozent der Deutschen befürworten aktive Sterbehilfe. Ein Umfragewert, auf den der Arzt und Theologe Manfred Lütz nicht viel gibt: "Dass die Leute heute bei Umfragen für aktive Sterbehilfe sind, hängt damit zusammen, dass man einfach Angst davor hat, ewig an Schläuchen zu hängen." Das sei auch eine unheimliche Vorstellung, gibt Lütz zu. Das Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben lehnt die aktive Sterbehilfe aber ganz klar ab. "Das Tötungstabu ist etwas sehr Wichtiges, das mit der Menschenwürde zu tun hat." Der Tabubruch, also aktive Hilfe beim Suizid eines Kranken, habe gravierende Folgen für die Gesellschaft, sagt Lütz und erinnert an die als "Gnadentod" deklarierte Euthanasie unter den Nazis.

Der Schweizer Weg als Vorbild

Legal ist die aktive Sterbehilfe in Europa bisher nur in Belgien und in den Niederlanden. Frankreich und Griechenland setzen die Unterstützung beim Selbstmord sogar mit Mord gleich. Strafbar ist aktive Sterbehilfe auch in Deutschland, wo das Strafmaß bei bis zu fünf Jahren Gefängnis liegt. Die Schweiz geht einen dritten Weg: Dort kann der Arzt ein entsprechendes Rezept schreiben, wenn der Patient eine todbringende oder unerträgliche Krankheit hat. Dieses Rezept bekommt dann aber nicht der Patient selbst, sondern eine Sterbehilfegesellschaft, die den Patienten beim Sterben begleitet.

Eine Lösung, die auch die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) anstrebt. "Für mich ist es eine große Beruhigung, dass ich im Notfall in die Schweiz gehen kann", sagt Elke Ehrenfeld von der DGHS. Sie ist vor zwei Jahren selbst an Krebs erkrankt. Ihr ist es wichtig, eigenverantwortlich über ihr Leben entscheiden zu können. Die DGHS bietet seit ihrer Gründung vor 25 Jahren so genannte Patientenverfügungen an. Darin kann verfügt werden, welche Behandlung und welche lebensverlängernden Maßnahmen ein Patient wünscht. Jeder sollte eine solche Verfügung ausfüllen, um eigenverantwortlich über Leben und Tod entscheiden zu können, fordert Elke Ehrenfeld.

Aufregung um Hamburger Justizsenator

Auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat in einem Interview mit der Zeit eine Stärkung der Patientenverfügung gefordert. Im vergangenen Jahr musste sie einen Gesetzentwurf für die Patientenverfügung zurückziehen, weil er als zu weitgehend kritisiert wurde. Jetzt sollen die Initiative und der Entwurf aus dem Parlament kommen. "Ich möchte, dass jeder Mensch eine verbindliche Verfügung auch für eine Lage treffen kann, in der er nicht mehr bei Bewusstsein ist, nicht mehr seinen Verstand gebrauchen und sich nicht mehr äußern kann", sagte Zypries der "Zeit". Aktive Sterbehilfe lehnt sie kategorisch ab. Für Aufregung hatte kürzlich der Hamburger Justizsenator Roger Kusch (CDU) mit seinem Vorstoß zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe gesorgt. "Das ist eine absolute Einzelmeinung. Herr Kusch steht damit allein", sagte der Bioethik-Experte der Unionsfraktion im Bundestag, Thomas Rachel.

Schmerztherapie als Lösung?

Für die DGHS sei die Hilfe beim Selbstmord nur der letzte Ausweg, betont Elke Ehrenfeld. "Unsere Hausärzte haben Riesen-Hemmungen Morphium und Opiate zu verschreiben. Deshalb müssen heute noch viele, viele Menschen elendig sterben." Das sei in anderen Ländern, wie zum Beispiel den Niederlanden, viel besser. "Die Schmerztherapie und die Hospizbewegung müssten ganz krass vorangetrieben werden", sagt Elke Ehrenfeld. Gleichzeitig müssten sich die Zustände in den Pflegeheimen bessern. Wenn das alles erreicht sei, stünde einem Gesetz, das einen assistierten Freitod zulasse, nichts mehr im Weg. "Ich bin für die aktive Sterbehilfe, aber vorher gibt es noch ganz viele andere Möglichkeiten."

Manfred Lütz dagegen kann sich keinen Fall vorstellen, in dem aktive Sterbehilfe angemessen wäre. Auch er setzt auf professionelle Sterbebegleitung und Schmerztherapie. "Die Angst vor Einsamkeit im Sterbeprozess und vor Schmerzen ist sehr groß, aber es gibt praktisch keine Schmerzen, die man nicht mit professioneller Schmerztherapie gut behandeln kann", sagt der Arzt.

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