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Wissen & Umwelt

Streit um arktische Reserven

Das Interesse an der Arktis als Wirtschaftsraum wächst. Das wurde auf der diesjährigen Konferenz "Arctic Frontiers" im norwegischen Tromsö erneut deutlich. Es geht um Rohstoffe und schnellere Transportwege.

Spätestens seit 2007 ein russisches Forschungs-U-Boot auf dem Meeresgrund 4.200 Meter unter dem Nordpol eine russische Flagge aufstellte, ist klar: Die geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung der Nordpolregion wächst. Grund dafür ist der Klimawandel, dessen Folgen in der Arktis schneller sichtbar werden als im Rest der Welt, weil es dort doppelt so schnell wärmer wird.

2012 gab es eine Rekordschmelze des arktischen Meereises. Das erleichtert den Zugang zu der sonst eher unwirtlichen Region. Damit steigt das Interesse an den wertvollen Rohstoffen, die bislang unter dem Eis schlummern. Neben wertvollen Mineralien werden etwa ein Viertel der weltweit noch unentdeckten Öl- und Gasreserven in der Arktis vermutet. Neue Schiffsfahrtsrouten über den hohen Norden können darüber hinaus auch die Reisezeiten zwischen den Handelszentren der Welt wesentlich verkürzen.

Schiffsrouten in der Arktis: Eine Karte zeigt die zwei bisherigen Routen, Nordost- und Nordwestpassage und die eventuell zukünftige zentralarktische Passage (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Zeitweise eisfreie Schiffsrouten verkürzen die Transportzeiten

Wem gehört die Arktis?

"Die Arktis gehört, wie jede andere Region, den Staaten in der Region", sagt der schwedische Arktis-Botschafter und turnusgemäße Vorsitzende des Arktischen Rats Gustav Lind im Interview mit der Deutschen Welle. Kanada, die USA, Russland, Norwegen und Dänemark (mit Grönland und den Färöer Inseln) gelten als "Arktisländer". Finnland, Schweden und Island sind zwar keine direkten Anrainer, aber ebenfalls Mitglieder im Arktischen Rat. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Spanien und die Niederlande sind als "ständige Beobachter" zugelassen.

Die Organisation koordiniert Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in der Nordpolregion. Im Rahmen der jährlichen Konferenz "Artic Frontiers" in Tromsö eröffnete sie einen neuen ständigen Sitz in der norwegischen "Arktishauptstadt". Dass die jährliche Konferenz mittlerweile auf 1000 Delegierte aus 26 Ländern angewachsen ist, zeigt nachdrücklich das zunehmende internationale Interesse am Wirtschaftsraum Arktis. Bei der diesjährigen "Arctic Frontiers" (20. - 25.01.) warben China, Japan, Südkorea und die EU für ihre Bewerbungen um den Status als "ständige Beobachter". Dem müssten alle Mitglieder zustimmen. Eine Entscheidung könnte bei der nächsten Sitzung des Rates im Mai fallen.

Der chinesische Eisbrecher Schneedrache (Foto: Xinhua/Photoshot, (c) dpa - Report)

China will mit neuen Eisbrechern die polare Schifffahrt erleichtern

Die Gebietsansprüche von Staaten im arktischen Ozean sind umstritten. Jedem der fünf Anrainerstaaten steht nach internationalem Recht eine Zone von 200 Seemeilen vor der Küste zur ausschließlichen wirtschaftlichen Nutzung zu. Nach der UN-Seerechtskonvention UNCLOS kann ein Land aber Ansprüche auf weiteres Territorium unter dem Meer erheben, wenn es nachweisen kann, dass sich die kontinentale Kruste des eigenen Territoriums auf dem Meeresboden fortsetzt. Genau das wollte Russland mit dem Setzen der Flagge unterstreichen.

Neben Russland beanspruchen auch Dänemark und Kanada auf der Grundlage von UNCLOS weiteres Territorium in der Arktis. Die USA haben die Konvention allerdings noch nicht ratifiziert. Außerdem liegen der UN-Behörde, die sich mit Ansprüchen auf eine Erweiterung der Nutzungs- und Souveranitätsrechte befasst, so viele Anträge vor, dass noch Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen könnten, bis eine Entscheidung fällt.

Energie aus dem kalten Norden

Demonstrant auf einem Boot vor einer Ölborinsel (Foto: Markel Redondo / Greenpeace)

Umweltschützer protestieren gegen Ölbohrungen in der Arktis

In der Zwischenzeit läuft das Wettrennen um die Ressourcen der Arktis weiter. Um die 90 Milliarden Barrel Öl werden in der Region vermutet. Multinationale Ölfirmen sind aber nur bereit, in der Arktis zu bohren, wenn sie Rechtssicherheit haben und es sich für sie lohnt. Vor allem die Energiepreise beeinflussten die Entscheidung, so Arktisexperte Charles Emmerson von der Denkfabrik Chatham House im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Emmerson, Autor einer Studie des Versicherungsunternehmens Lloyds über Chancen und Risiken der arktischen Ölförderung, sieht zwei Hindernisse für den Vorstoß in den hohen Norden: die Kosten von Bohroperationen und das steigende Bewusstsein über die Risiken in dem nach wie vor schwierig zu erschließenden Gebiet. "Es geht nicht nur um das technische Know-How", sagt Emmerson, "sondern auch um das Image der Firmen und die Tatsache, dass man zur Rechenschaft gezogen wird, wenn etwas schief geht." Außerdem habe der rasante Ausbau der Schiefergasförderung in den USA zu einer Entspannung der weltweiten Energiesituation geführt.

Hohe Risiken, hohe Kosten

Eine Luftaufnahme der Bohrinsel Kulluk vor der Küste Alaskas (Foto:U.S. Coast Guard/AP/dapd)

Die Shell-Bohrinsel "Kulluk" lief vor Alaska auf Grund

Seit die "Kulluk", eine Bohrinsel der Firma Shell, Ende 2012 vor Alaska auf Grund lief, untersucht eine US-Regierungskommission die Sicherheitsvorkehrungen des Arktisprogramms des Konzerns. Durch die Havarie sehen sich diejenigen, die Bohroperationen in der Arktis für zu gefährlich halten, bestätigt. Selbst bei einer weitgehenden Eisschmelze würde die Region für die Schifffahrt oder für Bohrplattformen gefährlich bleiben. Schiffshavarien oder Öl- und Gasunfälle wären in diesen abgelegenen Regionen nur schwer beherrschbar, die Konsequenzen für das Ökosystem verheerend.

Auch in der russischen Arktis wurde 2012 ein wichtiges Energieprojekt "auf Eis" gelegt. Das Schtokman-Vorkommen in der Barentssee gehört zu den größten Erdgas-Feldern der Welt. Die Förderung wurde aber aufgrund der schwierigen Lage zu teuer, sagt Professor Marcel Gubaidullin, Direktor des Instituts für Erdöl und Erdgas an der Nördlichen (Arktischen) Lomonosov-Universität (SAFU) in der russischen Stadt Archangelsk.

Schnelle Schiffsrouten von Asien nach Europa?

Spätestens 2040, möglicherweise auch schon früher, schätzen Experten, wird der arktische Ozean im Sommer eisfrei sein. Dadurch entstehen kürzere Schiffsrouten zwischen Asien und Europa sowie zwischen Asien und Nordamerika.

Ein Transportschiff vor Spitzbergen, 2010 (Foto: Irene Quaile)

Die Eisschmelze in der Arktis erleichtert die Schifffahrt

Internationale Logistikunternehmen nutzen bereits verstärkt den nördlichen Seeweg entlang der russischen Küste, um Gas und andere Waren zu transportieren. Die Nordostpassage, die an der russischen Küste vorbeiführt, verkürzt die Entfernung zwischen Schanghai und Hamburg im Vergleich mit der herkömmlichen Route über die Straße von Malakka und den Suezkanal um etwa 6400 Kilometer (3455 Seemeilen) und die Reisezeit um mehr als eine Woche.

Weil der Warenverkehr sich in den letzten drei Jahren verzehnfacht hat, zog die russische Regierung daraus jetzt auch Konsequenzen zur Absicherung der Schiffahrt: In diesen Tagen gab sie Pläne für den Bau von zehn Anlagen bekannt, die entlang der Nordpassage die Brandbekämpfung und die Sicherheit der Schiffahrt gewährleisten sollen.

Energiesicherheit als globale Herausforderung

Im Mai übernimmt Kanada für die nächsten zwei Jahre den Vorsitz im Arktischen Rat. Leona Aglukkaq, die zuständige kanadische Ministerin, stellte in Tromsö klar, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Region Vorrang haben soll.

Obwohl Umweltorganisationen über mögliche Auswirkungen auf das Ökosystem besorgt sind, könnte das Interesse am arktischen Gas und Öl sogar noch steigen. Je mehr politische Instabilität klassische Gas- und Ölexporteure, wie zum Beispiel Staaten der arabischen Welt, erschüttert, desto eher dürften Unternehmen bereit sein, in der politisch sicheren Arktis zu investieren. Denn das Geschäft der Energieförderung ist global vernetzt.

Auch in Tromsö war das zu spüren: So musste der norwegische Premierminister Jens Stoltenberg seine Teilnahme absagen. Ihn hielt der jüngste Angriff islamistischer Extremisten auf eine Gasanlage in Algerien in Beschlag. Am Betrieb der Anlage ist nämlich auch der norwegische Ölkonzern Statoil beteiligt.

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