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Wirtschaft

Streikrepublik Deutschland

"Spartengewerkschaften sind nichts anderes als ein Haufen egoistischer Parasiten", ärgert sich DW-Redakteur Rolf Wenkel. Kein Wunder: Er will am Sonntag nach Washington fliegen - mit der Lufthansa.

Kommenden Sonntag soll ich nach Washington fliegen, mit der Lufthansa, ab Frankfurt. Ich ahne nichts Gutes. Schon einmal haben äußere Umstände diese Dienstreise verhindert. Vor ein paar Jahren spuckte ein Vulkan auf Island mit unaussprechlichem Namen so viel Asche in die Atmosphäre, dass alle Nordatlantikflüge kurzerhand verboten wurden. Damals fand die Jahrestagung von IWF und Weltbank fast ohne Europäer statt.

Nun besteht die Gefahr, dass das Treffen ohne Deutsche stattfindet. Bis auf Schäuble, der sich in eine Regierungsmaschine setzen kann. Alle anderen müssen zittern: Die Piloten der Lufthansa könnten nach ihrem Streik am Dienstag auf die Idee kommen, das am Wochenende zu wiederholen.

Rolf Wenkel aus der Wirtschaftsredaktion

Rolf Wenkel aus der Wirtschaftsredaktion

Ich habe nichts gegen Piloten, sie machen einen verantwortungsvollen Job. Genauso wie die Lokomotivführer, die in der GDL zusammengeschlossen sind. Oder die Klinikärzte beim Marburger Bund. Oder die Fluglotsen. Oder die Flugbegleiter. Oder die Stellwerker bei der Eisenbahn. Ich habe nur etwas dagegen, dass diese kleinen Gruppen ihre Schlüsselstellung schamlos ausnutzen, um sich Privilegien zu erpressen, die andere nicht bekommen.

Früher galt in Deutschland das Prinzip "ein Betrieb, eine Gewerkschaft". Damals haben wir belustigt auf das England der Vor-Thatcher-Zeit geguckt und gelächelt, wenn auf der Elektrolok ein Heizer mitfahren musste, weil die Gewerkschaft es wollte. Ein Betrieb, eine Gewerkschaft, das hat durchaus einen Sinn: Es vereinfacht die Tarifverhandlungen und führt zu moderaten Produktionsausfällen, wenn überhaupt einmal gestreikt wird.

Nun aber scheint Deutschland zur Streikrepublik Deutschland zu werden. Kleine Gruppen haben erkannt, dass sie mit relativ wenigen Mitteln das halbe Land lahmlegen können. Und zwar aus völlig egoistischen Motiven. So wollen die Piloten ihren Renteneintritt mit 59 Jahren und einer üppigen Übergangsversorgung mit allen Mitteln verteidigen - welche andere Berufsgruppe hat so ein Privileg? Nebenbei: Sie fügen ihrem Arbeitgeber mal eben an einem Tag einen Verlust von 70 Millionen Euro zu.

Eine Spartengewerkschaft ist für mich nichts anderes als ein Haufen egoistischer Parasiten. Sie treibt einen Spaltpilz in die Belegschaft der großen Branchengewerkschaften und legt die Axt an die Wurzeln der Tarifautonomie. Sollte mich wider Erwarten am Sonntag ein Lufthansa-Pilot nach Washington fliegen, bin ich ihm dankbar für sein Können, seine Professionalität, seine Umsicht. Aber mögen muss ich ihn und seine Vereinigung Cockpit deswegen noch lange nicht.