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Deutschland

Streik der Bildungshungrigen

Bunt und fröhlich, aber mit unbescheidenen Forderungen: In Köln gingen Tausende Schüler, Studierende und Auszubildende gemeinsam für ein gerechteres Bildungssystem auf die Straße.

Demonstranten auf der Kölner Großdemonstration für gerechtere Bildung (Foto: Benjamin Braden)

Bei bestem Wetter gegen düstere Bildungsaussichten: der Kölner Protestzug

Gelbe T-Shirts mit dem schwarzen Aufdruck "Bundesweiter Bildungsstreik" sind diese Woche dicht gesät auf dem Kölner Campus. Wenn sich eine Traube gelb Gekleideter bildet, heißt das meistens: Eine neue Aktion für bessere Bildung steht bevor. Am Mittwochmorgen (17.06.2009), kurz vor der Großdemonstration, ist der Platz vor dem Hauptgebäude tiefgelb eingefärbt.

"In den Seminarräumen ist zu wenig Platz, wir müssen oft auf dem Boden sitzen, es regnet rein, die Gebäude sind alt", sagt Malte. Er ist 22 Jahre alt und studiert auf Lehramt. Auch zu wenige Professoren gebe es, ergänzt er, zieht seine Sonnenbrille auf und schließt sich dem Demonstrationszug in Richtung Innenstadt an.

"Man fühlt sich wie ein Roboter"

Schüler und Studenten demonstrieren am Mittwoch (17.06.2009) in Köln. Die Protestaktion ist Teil der bundesweiten Aktionswoche, bei der unter anderem mit Vorlesungsboykotts und Institutsbesetzungen auf Missstände im Bildungswesen aufmerksam gemacht werden soll. (Foto: dpa)

Oft in der Kritik waren die 500 Euro Studiengebühren pro Semester

Der Bildungsstreik ist eine gemeinsame bundesweite Aktionswoche von Studierenden, Schülern und Auszubildenden. 200 Schüler- und Studentenorganisationen, Gewerkschaften und soziale Gruppen haben zu den Protesten aufgerufen. Ihr Ziel: Nicht nur auf einzelne marode Gebäude, ausfallende Schulstunden oder nicht besetzte Professorenstellen hinzuweisen, sondern das deutsche Bildungssystem als Ganzes zu kritisieren. In Köln gibt es drei Demonstrationen, die sich zu einem großen gemeinsamen Protestzug vereinigen.

"Deutschland liegt überall auf den hinteren Plätzen, sei es bei der PISA-Studie oder bei den Zahlen der Studienanfänger. Und der Bachelor-Abschluss ist noch lange nicht so gut wie es international gefordert wird", sagt Christian Pöll, Vorsitzender der Studierendenvertretung der Universität Köln. Mit einem Funkgerät in der Hand läuft er an der Spitze der Demo. Mehr Geld für die Bildung sei nur ein Teil der Lösung, sagt er. Mindestens ebenso wichtig seien ein kostenfreier Zugang zum Studium oder eine stärkere Mitbestimmung der Studierenden in der Uni-Verwaltung.

Persiflage gegen Bezahlstudium

aufmerksamBildungswesen aufmerksam gemacht werden soll. Foto: (Foto: dpa)

Protest der Bildungsmaschinen: Papp-Roboter auf der Kölner Großdemonstration

Obwohl die Forderungen ernst sind: Die Protestkultur in Köln ist fröhlich, manchmal fast flapsig. Wo sonst Studierende häufig mit versteinerter Miene die Bildung im schwarzen Pappsarg zu Grabe trugen, sind heute "Bildungsroboter" unterwegs: "Bitte Wissen einschieben, bitte Wissen einschieben", sagen die drei Studierenden mit monotoner Stimme. Sie haben sich gelbe Pappkartons über den Kopf gezogen. Im "Schmalspurstudium" zum Bachelor-Abschluss sehen sie sich als Maschinen. "Uns wird alles vorgeschrieben, wir müssen immer schneller studieren. Da fühlt man sich doch als Roboter, oder?", sagt eine der Pappmaschinen.

Auch Klaus’ Protestform ist die Persiflage. Er hat seine Straßenklamotten gegen einen weißen Anzug und einen Panama-Hut getauscht, einen hochnäsigen Blick aufgesetzt und seiner Stimme viel Wichtigkeit beigemischt: "Ich finde, dass es Bildung nur für die Reichen geben soll, dass wir die Bildung verkaufen sollten, und dass Bildung kein Menschenrecht ist!"

"Überfüllte Klassen sind für Leistungsschwache ein Problem"

Einige hundert Meter Luftlinie entfernt demonstrieren die Kölner Schüler. Die vorderen Reihen hüpfen zu treibenden Bässen, hinten wird geschlendert und geplauscht. Manche haben für die Demonstration den Unterricht geschwänzt, haben Transparente gepinselt und Trillerpfeifen gekauft. Die Demonstration gleicht einem Bandwurm aus unzähligen Schülercliquen. Plakate prangern "G8" an, die Verkürzung der Schulzeit im Gymnasium auf 12 Jahre, auch "Turbo-Abitur" genannt. Andere Schilder kritisieren die überfüllten Klassen.

In Katrins Klasse sind 30 Schüler, in anderen sogar noch mehr, sagt sie. "Da können sich die Lehrer gar nicht mit einzelnen Leuten beschäftigen, selbst wenn sie es wollten. Für die Leistungsschwächeren ist das schwierig." Katrin muss die Stimme heben. Ihre Freundinnen pusten eifrig in Tröten und Trillerpfeifen. Gleich werden sich Studierenden- und Schülerdemo vereinen.

Bildung als Weg aus der Wirtschaftskrise

Per Fahrrad, mit kleinen Handwagen voller Getränke, mit selbst gebauten Rasseln aus Plastikflaschen voller Erbsen: Laut Veranstalter haben rund 5000 Schüler, Studierende und Auszubildende gemeinsam in Köln demonstriert. Die Passanten beguckten sie oft ungläubig. Vielleicht bewunderten manche den Protest aber auch ein wenig. Inmitten einer Weltwirtschaftskrise viel Geld für Bildung zu fordern, ist nicht gerade populär. Dem groß gewachsenen Medizinstudenten David ist das egal. "Bildung und Know-how sind der Schlüssel zu den meisten Problemen. Wenn es mehr besser gebildete Leute in Deutschland gibt, dann ist das ein Weg, um auch aus wirtschaftlichen Problemen herauszufinden."

Autor: Benjamin Braden

Redaktion: Dеnnis Stutе

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