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Kultur

Streifzug durch St. Petersburg

Diese Stadt gibt es erst seit gut 300 Jahren: St. Petersburg. Eine Phantasieschöpfung, ein Mythos - aber mit großer Kultur-Tradition. Eine literarische Spurensuche in der Stadt an der Newa.

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Neptun auf der Heremitage überblickt Fluss und Stadt

Petersburg, die Stadt an der Newa, eine Stadt des Wassers, der Kanäle und Inseln, wurde aus den sumpfigen Boden der finnischen Sümpfe gestampft. Ihr Mythos beginnt mit Peter dem Großen,

St. Petersburg

Palastanlage Zarskoje Selo in St. Petersburg

der sie 1703 als Phantasieschöpfung kreierte. Ihr literarischer Mythos beginnt 130 Jahre später mit Puschkin, der dem Zaren ein Denkmal setzt: Sein Poem "Der eherne Reiter", ist hoch pathetisch demjenigen gewidmet, der "dessen Wort gleich Schicksalsmacht die Stadt gegründet" hat.

Heute ehrt die Stadt ihren berühmten Dichter: das Haus, in dem er lebte, bis er beim Duell um seine Frau zu Tode kam, ist ein Museum; ebenso die Schule in der prachtvollen Palastanlage Zarskoje Selo, wo der junge Puschkin seine ersten Meriten erwarb, und durch die heute unzählige Besucher geschleust werden.

Achtzehn Häuser, sechzehn Kneipen

Dostojewski

Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski in einem Porträt des Malers Perow

Bald nach Puschkin trat Fjodor Dostojewski auf den Plan. Mit ihm verändert sich das literarische Gesicht Petersburgs, Dostojewski schreibt nicht vom Heldenpathos, sondern von lebendigen Menschen, von den Kaputten, den Verzweifelten, von Mord, Inzest und Teufelserscheinungen. Auf Dostojewskis Spuren begibt sich der Besucher unweigerlich mitten in das Herz der Stadt, in das Viertel rund um den Heumarkt.

Was früher der zentrale Marktplatz war, ist heute ein umkämpfter Verkehrsknotenpunkt - und ein Platz, an dem Touristen ängstlich ihre Taschen an sich klammern. Zu Dostojewskis Zeiten eine Gegend, in der auf achtzehn Häuser sechzehn Kneipen kamen. Hier, in den Hinterhöfen, brauchte er nur genau hinzuschauen, um seine Figuren zu finden, deren Spuren man noch heute auf Schritt und Tritt verfolgen kann.

"Alles Trug, alles Traum"

St. Petersburg

Der Newskij-Prospekt, der Prachtboulevard St. Petersburgs

Büchermenschen finden hier auch heute noch etwas von der Atmosphäre dieser Stadt, die so produktiv war für die Literatur. Den genius loci spürte auch Nobelpreisträger Joseph Brodsky: "Es gibt keinen Ort in Russland, wo die Imagination sich mit solcher Leichtigkeit von der Realität ablöst", sagte er von seiner Heimatstadt. Diese Imagination hat niemand so auf die Spitze getrieben wie im 19. Jahrhundert Nikolaj Gogol: In seinen grotesken Petersburger Novellen geistert mal eine Nase durch die Stadt, mal der Doppelgänger eines Beamten. Und mit visionärem Blick schaute Gogol auch auf die größte Flaniermeile der Stadt, den Newski-Prospekt: Hier "ist alles Trug, alles Traum, alles nicht das, was es scheint", schrieb er 1835.

Heute säumen Computer- und Klamottenläden den Newski-Prospekt, kurbeln kapitalistische Phantasien an, und was hinter den Fassaden geschieht, wird vielleicht neuen Stoff für neue Bücher abgeben. Bisher jedenfalls ist in der Atmosphäre der Doppelbödigkeit große Literatur entstanden.

Schwarzbuch der russischen Geschichte

St. Petersburg

Die russische Nationalbibliothek in St. Petersburg

Petersburg hat die Phantasie so vieler Autoren herausgefordert wie kaum eine zweite Stadt: Hier lebten - zum Beispiel - Alexander Blok, Ossip Mandelstam, Vladimir Nabokov und Joseph Brodsky. Der Katalog ihrer Namen ist zugleich ein Schwarzbuch der russischen Geschichte: Sie alle wurden - wie auch ihre Vorgänger Puschkin und Dostojewski - verfolgt, verbannt oder ins Exil getrieben. Heute schmückt die Stadt diese Dichter und sich selbst, indem sie ihnen Museen und Denkmäler widmet.

Der renommierte Petersburger Autor Andrej Bitow kann nun endlich seine Bücher problemlos veröffentlichen. Zugleich ist mit der Perestroika eine neue Freiheit entstanden, in der Literatur nicht mehr zum Überleben gebraucht wird. Ein magischer Ort ist Petersburg heute kaum mehr, aber immer noch eine Büchermetropole.

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