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Reise

Streifzug durch Münchens Trash-Lokale

Münchens Nachtleben ist bekannt für seine schicken Lokale und überteuerten Promiclubs. Doch Ausgehen dort kann auch anders aussehen, wie uns DW-Reporterin Daniela Hansjakob zeigt.

In der Bar Sehnsucht fangen wir an. Wir, fünf Mädels in Feierlaune, wollen die Nacht durchmachen. Gepflegt abstürzen in Münchens Trash-Lokalen. Als wir die Rockerkneipe in der Maxvorstadt gegen 21.00 Uhr betreten, ist der Laden noch ziemlich leer. Sind wir zu früh? Oder ist Donnerstag der falsche Tag? Egal. Mit einem Flaschenbier in der Hand lassen wir uns auf eines der Flohmarktsofas plumpsen und inspizieren die Einrichtung.

Elvis auf Klotür der Bar Sehnsucht (Foto: DW)

Ein schmachtender Elvis ziert die Toilettentür der Münchner 50er-Jahre-Bar Sehnsucht

Die ist wirklich konsequent rockig: 50er-Jahre Pin-up-Poster, Bänke im Leopardenplüsch, eine alte Zapfsäule, ein schmachtender Elvis auf dem Poster an der Klotür, sogar ein echtes Rocker-Bike an der Wand. Die Barmänner sind - wie es sich gehört - tätowiert und bärtig. Über ihnen, an der Theke, baumeln geschätzt 50 BHs. Wer seinen eigenen dazuhängt, erhält eine Runde Schnaps für sich und seine Freunde, heißt es. Wir behalten unsere an. Für das nächste Bier ziehen wir weiter.

Kleiner Kosmos ganz groß

Zu Fuß geht es Richtung Hauptbahnhof, zum Café Kosmos. Ein kurzer Blick durch die große Fensterscheibe neben der Eingangstür verrät: nichts. Das Glas ist hoffnungslos beschlagen. Kein Wunder, der Laden ist rammelvoll. Vielleicht wegen der für München sensationell günstigen Bierpreise? Ein kleines Helles kostet hier schlappe ein Euro und dreißig! Vielleicht auch wegen des Berliner "Shabby Chics" - so nennt man den Einrichtungsstil, der Erbstücke, Flohmarktschnäppchen und Selbstgemachtes völlig schmerzfrei mischt. Oder vielleicht weil man an der langgezogenen Bar so unkompliziert mit seinen Nachbarn ins Gespräch kommt.

Willkommen ist im Kosmos jeder - bis auf die Münchner Schickeria. "Wer hier im Anzug reinspaziert", erzählt mir ein Stammgast, "wird einfach so lange vom Barpersonal ignoriert, bis er von alleine wieder geht." Bis auf diese Ausnahme gibt sich das Kosmos jedoch recht kosmopolitisch. Unser Fazit: Ja, hier kann man feiern.

Hommage an eine Dönerbude

Bar X-Cess (Foto: x-cess)

Rot schimmert die berühmte Tapete im X-Cess

Als nächstes steht eine Münchner Legende auf dem Plan, die es bereits bis in die New York Times geschafft hat: das X-Cess. Seinen Ruf als Absturzladen erarbeitete es sich in seiner alten Location im Glockenbachviertel, wo Betreiber Ismail Yilmaz seine Dönerbude kurzerhand in eine Kneipe umfunktionierte. Von uns fünf waren zwei früher regelmäßig dort. "Immer proppenvoll war es", erzählen sie mir, "und unterhalten hat man sich mit dem, der zufällig vor einem stand." Sie schwelgen in Erinnerungen an das leicht verlebte, dafür extrem lässige Publikum, den deutlichen Männerüberschuss und durchfeierte Nächte.

Als wir kurz vor Mitternacht durch den roten Samtvorhang ins neue X-Cess in der Sonnenstraße treten, stellen wir fest: Unsere Erwartungen waren zu hoch. Zwar gibt es zur Begrüßung noch immer den obligatorischen Lolli und hinter dem DJ prangen ein Plastikdönerspieß und die viel belächelte Tittentapete - aber ansonsten ist der Laden ziemlich leer. Vielleicht hat sich die neue Location nicht wirklich etabliert? Wir wollen es herausfinden - ein andermal.

Doch noch unter Prominenten

Mit viel Plüsch, einer kunterbunten Kitschdekoration und deutscher Schlagermusik begrüßt uns das Roy am Sendlinger Tor. Uff, kurzer Kulturschock! Wir retten uns schnell an die Mahagoni-Bar und bestellen ein Pils. Aufmerksam schenkt der junge Mann hinter der Bar uns ein, getrunken wird hier mit Anstand, aus dem Glas. Zeit für einen Blick auf das Publikum. An einem Tisch sitzen fünf Sakko-tragende Yuppies mit Champagnerflasche, daneben zwei junge Nerds mit Bier, dazwischen die Bedienung mit knappem Kleid und Netzstrümpfen. Neben uns an der Bar lehnen einige einsame Herzen, in der Ecke knutschend haben sich anscheinend schon zwei gefunden.

Bilder mit Prominenten in der Plüschbar Roy (Foto: Daniela Hansjakob)

Prominente Galerie in der Plüschbar Roy

Die Musik wechselt auf 80er-Sound, vor der Bar wird jetzt getanzt. Wirklich spektakulär im Roy sind die vielen, vielen goldgerahmten Fotos von prominenten Gästen: Udo Jürgens, Chris de Burgh, Johannes Heesters, Michael Jackson, Tina Turner, Claudia Schiffer, David Copperfield und viele mehr. Lange Zeit befand sich das Plattenlabel Ariola direkt über dem Lokal. So kamen die Stars hierher. Dabei ist das Roy sicher keine Promi-Bar. Jeder ist willkommen. Und jeder, der hier reinschneit, hat sofort ein Lächeln auf dem Gesicht - oder macht augenblicklich auf dem Absatz kehrt. So viel Plüsch, Kitsch und Schlager müssen schon verkraftet werden!

Wenn heute nicht Donnerstag wäre - oder genauer gesagt, inzwischen schon lange Freitagfrüh - hätten wir unser gepflegtes Absturzlokal hiermit definitiv gefunden. Da sind wir uns einig. Aber so überlassen wir das Abstürzen einfach anderen Gästen und verschwinden. Gute Nacht!