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Kultur

Streifzüge durch deutsche Naturschutzgebiete

Die biologische Artenvielfalt unseres Planeten bildet die unverzichtbare Grundlage unseres Lebens. Aber diese Vielfalt ist massiv bedroht. Im tropischen Regenwald, aber auch bei uns zuhause.

Austernfischer auf Ei, Quelle: Nationalpark Wattenmeer

Der Austernfischer findet seine Nahrung im Wattenmeer

Ein Spaziergang im hessischen Kellerwald kann eine nasse Angelegenheit sein, besonders im Frühjahr wenn es viel geregnet hat, die Bäche aus ihrem Bett treten und die wild wuchernden Farne, Moose und das frisch treibende Astlaub den Wald in ein sattes Grün tauchen. Hessen ist eines der waldreichsten Bundesländer in Deutschland und der Kellerwald nördlich von Marburg beherbergt einen der größten zusammenhängenden Rotbuchenwälder, in dem es sogar noch Restbestände ungerodeten Urwaldes gibt.

Deshalb hat man das knapp sechstausend Hektar große Areal im Jahr 2004 zum Nationalpark erklärt hat. "Wenn Sie heute in die Bretagne fahren, sehen sie keine Buchenwälder mehr", erklärt Achim Frede, vom Nationalpark Kellerwald. "Wenn Sie nach Norddeutschland fahren, werden große Teile Agrarlandschaften sein. Von daher sind Buchenurwälder in Europa schon sehr früh ausgerottet worden durch unsere intensive Zivilisation." Und genau deswegen hat der Kellerwalder Buchenwald nach Ansicht Fredes weltweite Bedeutung. "Es ist eine der wenigen großen, unzerschnittenen Buchenwaldflächen, die übrig geblieben sind - in Deutschland eine der wertvollsten Wälder überhaupt, was die Artenvielfalt angeht."

Rückzugsgebiet vieler Tierarten

Baum im Kellerwald, Quelle: DW

Der hessische Kellerwald ist Teil des Rheinischen Schiefergebirges

Rotbuchenwälder sind wertvolle Habitate für den Schwarzspecht und andere Holzbrüter. Hier lebt der vom Aussterben bedrohte Rote Milan ebenso wie der Schwarzstorch oder der Wespenbussard, 15 Fledermausarten und der selten gewordene Feuersalamander, um nur einige der bedrohten Arten zu nennen. Die Buche ist außerdem im Unterschied zur Fichte eine elastische Baumart, die auch heftigen Stürmen gut standhält. Ihr Fortbestand hat strategische Bedeutung für den Waldschutz in Deutschland und darüber hinaus.

Die meisten der Rotbuchen im Kellerwald sind zwischen 100 und 160 Jahre alte. Doch in den unzugänglichen Hanglagen am verschlungenen Edersee haben sich noch kleinere urwaldähnlicher Flächen erhalten. Achim Frede: "Das ist eine moosige Blockhalde ganz oben am Hang. Umgeben von uralten Linden und zwischendrin auch kräftige Hainbuchen und Ahorn, alte Eichen eingemischt. Es ist der gehölzartenreichste Hang, den wir haben." Hier seien alle hessischen Baum- und Straucharten vertreten bis hin zur Alpenjohannisbeere. "Das halte ich für urwaldähnlich und niemals gerodet." Und damit es so bleibt, hat sich der Kellerwald zusammen mit anderen Waldnaturschutzgebieten bei der UNESCO um den Status als Weltkulturerbe beworben.

Bedroht: das Birkuhn

Birkenhuhn, Quelle: Naturpark Lüneburger Heide

Birkenhühner sind in den 1980er Jahren fast ausgestorben

Standortwechsel - es ist früher Morgen und der Nebel umschleicht noch die sanften Hügel der Lüneburger Heide, während im Schatten alter Wacholdersträucher das seltene Birkhuhn im Licht der aufgehenden Sonne seinen Balztanz aufführt. Das haushuhngroße Tier, dessen Hahn ein schwarzes Federkleid mit einzelnen weißen und einer roten Schmuckfeder über dem Auge trägt, kann seinen Schwanz bei der Balz fächerförmig aufstellen, um so die kleineren Hennen zu beeindrucken und männliche Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen.

Stefan Worrmans arbeitet im Naturpark Lüneburger Heide. "Durch die intensive Landnutzung wurde der Lebensraum des Birkhuhns zerstört", meint er. Noch in den sechziger Jahren sei das Birkhuhn in ganz Niedersachsen von der Ems bis in die Lüneburger Heide weit verbreitet gewesen. Es war ein ganz normales Tier wie heute der Fasan. "Doch durch die Entwässerung der Moore, die Abtorfung, die darauf folgende Aufforstung und insgesamt die Intensivierung der Landnutzung wurde dem Birkhuhn der Lebensgrund genommen."

Kulturlandschaft Lüneburger Heide

Schäfer mit Heidschnucken , Quelle: DW

Besonderheit der Lüneburger Heide: die Heidschnucke, eine äußerst genügsame Schafart

Die Lüneburger Heide ist eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Ihr charakteristischer Bestandteil - das lila blühende Heidekraut - dient einer besonders genügsamen Schafart, den Heidschnucken, als Nahrungsrundlage. Doch die intensive Beweidung der Fläche führte dazu, dass sich das scheue Birkhuhn gestört fühlte.

Der Bestand ging in den 1980er Jahren auf nur noch 13 Tiere zurück. Inzwischen hat sich die Population wieder erholt und vom Menschen gezüchtete Nutztierrasen wie die Heidschnucke und Wildvögel wie das Birkhuhn teilen sich wieder eine in Deutschland einzigartige Landschaftsform. Das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide ist das größte Natura-2000-Gebiet im niedersächsischen Binnenland und in dieser europaweiten Kategorie von Schutzgebieten einer der so genannten Hot-Spots der Artenvielfalt.

Nationalpark an Küste

Nationalpark Wattenmeer, Quelle: DW

Der Nationalpark Wattenmeer ist ein beliebtes Ausflugsziel

Viel großflächiger, aber auf ganz anderem Grund gelegen, ist der nördlichste der deutschen Nationalparks, den sich die Bundesstaaten Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein teilen: Das Wattenmeer. Hier, wo der Meeresgrund auf den Horizont trifft, ziehen im Frühling Millionen von Wat- und Wasservögel durch. Vögel wie die Ringelgans oder die Pfeifente stärken sich in den Salzwiesen des Wattenmeers für den Weiterflug nach Sibirien und die anschließende Brut in arktischen Gefilden. Dünen und Salzwiesen sind dabei Futterplatz und Rückzugsraum zugleich.

Ulrich Rösner zeigt in die Ferne: "Wenn sie dort hinten hingucken, sehen Sie auch mit bloßem Auge diese schwarz-weißen Punkte: Das sind Nonnengänse." Rösner leitet das Wattenmeer-Büro bei der Umweltorganisation WWF Deutschland. "Wenn Sie mit dem Fernglas etwas links davon gucken, sehen sie kleinere Vögel, die die gleiche Farbe haben wie die Erde. Das ist ein großer Schwarm Goldregenpfeifer. Das sind Vögel, die aus der Arktis und Subarktis zu uns kommen."

Artenvielfalt im Meeresboden

Nationalpark Wattenmeer, Quelle: DW

Unzählige Krebse und Muscheln bevölkern den Meeresboden

Bei Hochwasser kämen auch noch Vögel aus den Wattflächen dazu, die in großer Zahl kleine Krebse und Muscheln dort draußen fressen und hier bei Hochwasser rasten. Auch im Schlick, dem durchnässten, vom Meer bei Ebbe freigegebenen Meeresboden, ist die Artenvielfalt enorm, sagt Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer: "So in etwa einem Zentimeter Tiefe haben wir die Herzmuschel. In fünf Zentimeter Tiefe haben wir die Rote Bohne, oder baltische Plattmuschel. Die hat dann zwei Rüssel, die sie zur Bodenoberfläche hoch streckt und durch die sie Wasser einsaugt und wieder ausstößt."

Und dann gebe es in etwa 20 Zentimeter Tiefe noch die Sandklaffmuschel - mit einem dicken Rüssel mit zwei Rohren drin." Die kann bis zu 20 Jahre alt werden und sitzt ab dem fünften Lebensjahr so tief im Boden, dass sie von Fressfeinden praktisch nicht mehr erreicht wird." Mit jeder Flut spült das Meer neues Plankton ins Wattenmeer, Nahrung für die Muscheln und Biomasse – die Lebensgrundlage für ein phantastisches Ökosystem. Deutschland und die beiden Nachbarländer Niederlande und Dänemark haben es unter Naturschutz gestellt. Weitere Nationalparks in Deutschland sollen folgen.

Nachholbedarf beim Umweltschutz

Aus gutem Grund, wie Umweltminister Siegmar Gabriel sagt: "Wir haben in Deutschland zwar nur weniger als sieben Prozent der weltweiten Pflanzen und Pilzarten. Aber zwei Drittel der Biotope sind bei uns von der Zerstörung bedroht." In Deutschland gebe es nur vier Prozent der weltweiten Tierarten. Aber ein Drittel davon stehe auf der Roten Liste. "Wir müssen auch überlegen, wie wir selber bei uns dazu beitragen können, das, was wir haben, zu erhalten oder zumindest eine natürliche Entwicklung zu ermöglichen."

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